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Dienstag, 12. Dezember 2017

Gesundheit

Dement durch Feinstaub

Von Renate Ell | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Immer mehr Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen erhöhten Konzentrationen an Feinstaub und der Alzheimererkrankung.

BU Feinstaub
Foto: Imago/Xinhua

Megastau in einer Megacity bedeutet auch viel Feinstaub an den Straßen (hier Mexiko-Stadt). Das führt zu Alzheimer-Plaques, wie Forscher herausfanden.

Bei Gesundheitsgefahren durch Feinstaub denkt man an Bronchitis, Asthma und Lungenkrebs oder an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Stimmt alles. Nun aber zeigen experimentelle wie epidemiologische Studien, dass feinste Staubpartikel offenbar auch zur Entstehung von Demenz beitragen können.

Weniger Feinstaub in Deutschland

Erste Hinweise kamen vor mehr als zehn Jahren aus Mexiko-Stadt. Hunde, die dort an stark befahrenen Straßen lebten, waren im Alter häufig desorientiert oder erkannten ihre Besitzer nicht mehr. Nach dem Tod der Tiere fanden sich in deren Gehirn häufiger als bei Hunden aus Gebieten mit sauberer Luft sogenannte Plaques, also Ablagerungen wie bei menschlichen Alzheimerpatienten. Die Plaques, und zudem Entzündungssymptome, zeigten sich auch in den Gehirnen von Kindern und Jugendlichen aus Mexiko-Stadt, die bei Unfällen ums Leben gekommen waren. Andere Forscher griffen die Hinweise auf; nun erschienen kurz nacheinander zwei Studien, die den Zusammenhang weiter untermauern.

Mediziner der University of Toronto haben die Gesundheitsdaten von 6,6 Mio. Einwohnern der südostkanadischen Provinz Ontario untersucht. Bei Menschen, die näher als 50 m zur Hauptdurchgangsstraße leben, zeigte sich eine um 12 % höhere Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken als bei Menschen, die mehr als 200 m von der Straße entfernt leben. Die Feinstaubbelastung war in der 50-m-Zone bis zu zehnmal so hoch wie in 200 m Entfernung.

Ärzte der University of Southern California in Los Angeles werteten die Daten einer USA-weiten Langzeitbeobachtungsstudie an Frauen aus, der Women’s Health Initiative Memory Study. Das Ergebnis war noch beunruhigender: Wo die Konzentration von PM2,5, also jener Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 µm, über dem in den USA zulässigen Jahresmittelwert von 12 µg/m3 liegt, steigt bei betagten Frauen das Risiko für allgemeinen Abbau kognitiver Fähigkeiten um 81 % und das Risiko für Demenz jeglicher Art um 92 %. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergebe dies, dass rund 21 % der Demenzfälle weltweit in Zusammenhang mit Luftverschmutzung stehen, heißt es in der Studie.

Wie Feinstaub aufs Gehirn wirkt, untersuchten die Mediziner an Mäusen, die nach Genmanipulation das menschliche Peptid Amyloid- bilden, einen Bestandteil der Alzheimer-Plaques. Bei den Tieren, die im Laufe mehrerer Wochen insgesamt 220 Stunden lang feinstaubbelastete Luft geatmet hatten, zeigten sich – wie bei den mexikanischen Hunden – Entzündungssymptome im Gehirn.

 Und es fand sich nicht nur mehr Amyloid- als bei den Kontrolltieren in sauberer Luft, sondern auch ein Signalstoff namens Tumornekrosefaktor-, der bei Alzheimerpatienten auftritt und mit Gedächtnisverlust in Verbindung gebracht wird. Dies passt zu Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Rauchen als Ursache von 14 % aller Alzheimerfälle weltweit ausgemacht hat; auch Tabakrauch enthält Feinstaub.

Schon 2015 hatten Pathologen die Gehirne verstorbener Frauen einer anderen Langzeitstudie untersucht. Sie fanden, dass die weiße Substanz, also die Nervenfasern im Gehirn, unter dem Einfluss erhöhter PM2,5-Konzentration schrumpft.

Die Hinweise häufen sich also, dass Feinstaub zu Schäden am Gehirn führen oder zumindest die Alterungsprozesse und die Entstehung von Alzheimer beschleunigen kann. Aber wie? Das ist noch unklar. Feinstaub könnte aus der Nase über den Riechkolben direkt ins Gehirn gelangen. Tatsächlich haben Tierversuche gezeigt, dass Partikel mit einem Durchmesser unter 200 nm von der Nase entlang von Nervenzellen bis ins Kleinhirn gelangen und dort Entzündungen auslösen können. Feinstaub könnte aber auch in der Nasenschleimhaut oder in der Lunge Entzündungsprozesse auslösen, die letztlich das Hirn schädigen.

Noch sind viele Fragen offen – auch das mögliche Zusammenwirken von Feinstaub und anderen Luftschadstoffen. Klar ist aber schon jetzt: Betroffen sind vor allem die Ärmsten in der Gesellschaft, denn sie leben häufiger in Gegenden mit starker Luftverschmutzung.

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