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Donnerstag, 20. April 2017, Ausgabe Nr. 16

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Technik

Die Jacke klingelt

Von Patrick Schroeder | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Kleidung und Schuhe werden immer intelligenter und individueller. Einige Beispiele.

BU Levis Jacke
Foto: Levi‘s Commuter x Jacquard by Google

Touchpad im Ärmel: Die Jacke „Commuter“ von Google und Levis ermöglicht die Fernbedienung jedes Handys.

Kaffee trinken, Schuhe schnüren, Jacke anziehen, Smartphone einstecken – und dann ab zur Arbeit. Ein typischer Morgen. Doch daran könnte sich bald etwas ändern. Denn Kommunikationstechnik und Kleidung verschmelzen. Ist der heutige Handyknochen also nur ein Übergangsphänomen? Gut möglich, sagt Hartmut Spiesecke, Pressesprecher des Berliner Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie. „Tendenziell werden Smartphone- und Bekleidungshersteller kooperieren. Wir reden hier von einem Zeitraum von etwa zehn Jahren.“ Eine entscheidende Hürde hätten Ingenieure bereits genommen: die elektrische Leitfähigkeit von Stoffen.

Lange haben Ingenieure überlegt, ob man Leiterbahnen aufklebt oder leitfähige Fäden in den Stoff einwebt. Eine Kooperation zwischen IT-Gigant Google und Jeanshersteller Levis hat sich für die zweite Variante entschieden. Vorteil: Das Garn lässt sich auf industriellen Webstühlen verarbeiten. Optisch ist es von traditionellem Garn nicht zu unterscheiden.

Levis stellt damit die Jacke „Commuter“ her, die schon bald auf den Markt kommt. Schlappe 350 $ soll sie kosten. Der Clou: Der untere Teil des Ärmels wird zum Trackpad für das Smartphone. Das leitfähige Garn macht´s möglich. Über verschiedene Wischgesten nimmt der Besitzer Anrufe an, bedient das Navigationsgerät und lässt Musik abspielen. Die Datenübertragung in Richtung Smartphone funktioniert über eine kleine Bluetootheinheit, die sich wie ein Druckknopf mit dem smarten Textil verbinden und anschließend in den Ärmel schieben lässt. Sie hat eine Leuchtdiode, die beispielsweise eine neue Nachricht anzeigt. Vor dem Waschen knöpft man sie ab.

Ist das der erste Schritt, die volle Smartphonefunktionalität in Kleidung zu integrieren? Spiesecke ist sich sicher: „Ist die Leitfähigkeit des Stoffs erreicht, ist die Integration anderer Technikkomponenten kein logistisches Problem mehr.“

Auch das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen IIS forscht an intelligenter Kleidung. Die Forscher aus Erlangen haben ein flexibles Sensorband patentieren lassen, das in ein T-Shirt eingenäht ist. Es misst die Bewegungen des Brustkorbs beim Atmen, wodurch die Atemfrequenz berechnet werden kann. Darüber hinaus messen Beschleunigungssensoren die Bewegung des Sportlers, Elektroden die Herzfrequenz.

Foto: Kurt Fuchs/Fraunhofer IIS.

Personal Trainer am Leib: Fraunhofer-Forscher haben ein Shirt entwickelt, dass u. a. Atem- und Herzfrequenz überwacht.

Die Daten gelangen dann per Funk an die „technische Einheit“. Sie ist etwa so groß wie eine flache Streichholzschachtel und wird mit Druckknöpfen am Shirt befestigt. Vor dem Waschen kann man das Gerät einfach abnehmen. Es erfasst die Messwerte und schickt sie via Bluetooth an eine Smartphoneapp, die im Grunde ein Personal Trainer ist. Sie zeigt alle wichtigen Werte rund um die körperliche Leistungsfähigkeit und warnt den Sportler vor Überanstrengung. Das Unternehmen Ambiotex hat bereits eine Lizenz für die Technik erworben und bietet das intelligente T-Shirt für rund 170 € an. „Der Markt für solche Wearables wächst“, ist Fraunhofer-Forscherin Nadine Lang überzeugt. „Immer mehr Menschen wollen gesund alt werden und interessieren sich für Technologie, die sie dabei unterstützt.“

Intelligente Kleidung ermöglicht aber nicht nur neue Kommunikations- und Sportanwendungen. Auch spielerische Dinge werden möglich – etwa mit den Fingern in der Luft Klavier spielen. Das Unternehmen StretchSense hat dehnbare Gewebesensoren entwickelt, die sich in Handschuhe integrieren lassen. Sie übertragen die Fingerbewegungen über Bluetooth an eine Smartphoneapp. Mit den nahezu unzerstörbaren Sensoren haben die Neuseeländer 2015 den Innovation World Cup des Branchenevents WT Konferenz in München gewonnen – unter 500 Wettbewerbern.

Doch nicht nur integrierbare Elektronik zeichnet unsere künftige Kleidung aus. Sie wird auch individueller. Ein teurer Schneider ist dafür nicht nötig. So hat das Start-up Electroloom aus San Francisco einen Drucker entwickelt, der eine dreidimensionale T-Shirt-Vorlage mit einer flüssigen Polyester- und Baumwollmischung besprüht. Auf der Oberfläche verbinden sich dann Mikro- und Nanofasern zu einem Textil. Es entsteht ein T-Shirt ohne eine einzige Naht, das die Erfinder im Video stolz auf der Straße tragen. Qualitativ hochwertig wirkt es allerdings nicht. Folgerichtig musste Electroloom inzwischen das Handtuch werfen. Das Unternehmen wollte den Drucker eigentlich 2016 für 4500 $ auf den Markt bringen. Doch das Geld ist ausgegangen. Die Entwicklung war zu teuer.

Ist der 3-D-Druck eine Alternative, um massenhaft individualisierte Shirts zu fertigen? Nach aktuellem Stand der Technik nicht. Die einschlägigen Verfahren Lasersintern und Stereolithographie sind einfach noch zu langsam und zu teuer.

Foto: Adidas

Passt genau: Adidas nutzt 3-D-Drucker, um Laufschuhsohlen den individuellen Bedürfnissen des Kunden anzupassen.

Doch zumindest für Sonderanfertigungen von Schuhen ist der 3-D-Druck schon Realität. Adidas zum Beispiel nutzt das Verfahren, um individuelle Schuhe zu produzieren. Dazu lässt der Kunde zunächst seine Füße scannen und seinen Laufstil analysieren. Im Computer entsteht dann eine Sohle, die Anatomie und Dämpfungsbedürfnisse berücksichtigt. Der 3-D-Drucker druckt sie aus. Die Netzstruktur ist dort dichter, wo der Schuh höheren Belastungen ausgesetzt ist. Es entsteht eine Maßanfertigung, die Joggern den Läuferhimmel auf Erden bescheren soll.

Um nicht nur Schuhe, sondern auch Pullover zu individualisieren, hat Adidas einen Pop-Up Store in Berlin eröffnet. Kunden steigen dort in einen Körperscanner, der ein Körperprofil erstellt. Am Computer entwerfen sie ihren individuellen Wunschpullover, den Maschinen anschließend innerhalb von vier Stunden stricken.  sta

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