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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Arbeit

Digitale Dynamik

Von Wolfgang Schmitz | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Die technische Entwicklung in der Energiebranche ist so rasant, dass die akademische Erstausbildung kaum Schritt halten kann. Permanente Lernbereitschaft ist gefragt – auch in den Chefetagen der Firmen.

Arbeit BU
Foto: Panthermedia.net/christovao

Energieingenieure mit digitalem Wissen haben gut lachen. Wohl in kaum einer anderen Branche ist Schnittstellenkompetenz heute und morgen so gefragt.

In der modernen Energiewelt geht nichts mehr ohne Kommunikations- und Informationstechnik. Laut Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers erwarten 80 % der Energieunternehmen in Deutschland, dass die Digitalisierung bis Ende diesen Jahres ihr gesamtes Unternehmen erfasst hat. Bislang hätten aber lediglich 17 % der befragten Energieversorgungsunternehmen (EVU) Digitalisierungsstrategien erarbeitet. Und vielen fehlen die dringend benötigten Fachleute, um entsprechende Konzepte zu erarbeiten und umzusetzen.

Zwei Bachelor in Energieinformatik

„Die Energiebranche ist hoch technisiert, sodass es bereits in den vergangenen Jahren problematisch war, Stellen zu besetzen“, weiß Krischan Ostenrath, Arbeitsmarktexperte beim Wissenschaftsladen Bonn, der sich als Brücke zwischen Wissenschaft und Bürgerschaft sieht. „Wenn jetzt noch IT-Kenntnisse hinzukommen, verdoppelt sich das Problem, weil IT-Profile den anderen großen Mangelberuf bilden. Die Digitalisierungstendenz schlägt sich auf der ganzen Front der Berufsbilder nieder. Da steuern wir auf ein ernstes Problem zu.“ Um Ingenieure und Informationstechniker für Netzausbau, Smartgrids und Smartphones oder Anlagensteuerung zu gewinnen, müssten sich Unternehmen als attraktive Arbeitgeber aufstellen.

Die Ausgangsvoraussetzungen seien vor allem bei den Stadtwerken nahezu ideal, meint Ostenrath. Ihnen sollte es leicht fallen, das verstaubte Image abzulegen. „Die Stadtwerke hatten immer schon vergleichsweise gute Beschäftigungsbedingungen, weil sie hochgradig tarifvertraglich gebunden sind.“ Sie bemühten sich zusehends, als Motoren der digitalisierten Energiewende wahrgenommen zu werden. Die politischen Rahmenbedingungen in Form der Rekommunalisierung spielten ihnen dabei in die Karten.

Verändert die Digitalisierung die Berufsbilder so sehr, dass es gänzlich neuer Profile bedarf? Die Dynamik sei tatsächlich erheblich, meint Ostenrath, aber es reiche, digitale Kompetenzen in bestehende Ausbildungen und entsprechende Module in Studiengänge zu integrieren. Gefordert sei vor allem die Weiterbildung. „Ich bin kein großer Freund von Floskeln, aber hier trifft wirklich die Forderung nach lebenslangem Lernen zu. Da kann man nicht darauf pochen, irgendwann einmal Umwelttechnik studiert zu haben. Die Unternehmen müssen permanent nachschulen.“

Darüber ist man sich bei den Stadtwerken Bonn bewusst. Gesucht werden dort vor allem IT-Fachkräfte, gerne auch Quereinsteiger. „Oft muss man gar nichts in dem Bereich studiert haben, sondern kann sich das Wissen um Software und Hardware auch erarbeiten“, sagt Arbeitsdirektor Marco Westphal. Nicht weit den Rhein hinauf sieht es ähnlich aus. Wer sich bei dem Kölner Energieversorger Rheinenergie bewirbt, muss nicht zwangsläufig schon bei einem Unternehmen der Branche gearbeitet haben. Ein „Kompetenzatlas“ regelt, worauf bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte zu achten ist. Dazu zählen analytische Fähigkeiten, ganzheitliches Denken, Innovationsfreude und Marktkenntnisse.

Die technische Leistungsfähigkeit von Versorgungsunternehmen liegt wie in kaum einer anderen Branche im Zusammenwirken von Ingenieuren, Meistern und Facharbeitern. „Das war schon immer so, aber im Zuge der Digitalisierung werden die Zusammenhänge auf allen Ebenen komplexer“, meint Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung im Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. In technischen wie kaufmännischen Bereichen sei künftig ein noch tieferes Verständnis für das Zusammenwirken von Technik, Markt und Akzeptanz erforderlich. „Die Komplexitäts-, Problemlösungs-, Lern- und vor allem auch Flexibilitätsanforderung in den Berufen werden in den nächsten Jahren wachsen.“ Insbesondere von Führungskräften werde mehr und mehr Schnittstellenkompetenz erwartet.

Das allein reiche nicht, meint Ulrich Goldschmidt. Es gebe nicht allein auf technischen Ebenen Nachholbedarf, warnt der Vorstandsvorsitzende des Verbands Die Führungskräfte. Viele Energieunternehmen kämen jetzt erst langsam dort an, wo Firmen aus anderen Bereichen bereits seit Jahren seien. Goldschmidt überzeichnet bewusst eine Unternehmenskultur, „in der alles unter Esoterikverdacht gerät, was sich nicht in einer Excel-Datei abbilden lässt“.

Der Jurist ist nicht sicher, ob man in den Unternehmen tatsächlich den Wandel verinnerlicht hat. „Man muss die ernsthafte Befürchtung haben, dass in dieser Branche die Signale ,Industrie 4.0‘ und ,Digitalisierung‘ missverstanden werden könnten als Aufruf zur Verantwortungsdelegation an Algorithmen. Aber Algorithmen entwickeln keine Geschäftsmodelle.“ Was fehle, sei eine Start-up-Mentalität, in der Kreativität gefördert, die Angst vor Fehlschlägen genommen und Experimentierfreudigkeit unterstützt werden.

Dass die Unternehmen zumindest die technischen Herausforderungen der Digitalisierung erkannt haben, bestätigt Sebastian Lehnhoff, Professor für Energieinformatik an der Universität Oldenburg, in dessen Vorlesungen neben Informatikstudierenden auch sehr viele Gasthörer aus der Industrie sitzen. Da die Digitalisierung der Branche noch keine einheitlichen Standards für die Energieinformatikausbildung setzt, haben sich die Oldenburger gegen einen eigenständigen Studiengang und für ein Master-Vertiefungsgebiet „IT in der Energiewirtschaft“ entschieden. Lehnhoff: „So ist besonders für potenzielle Arbeitgeber klar, was die Mindestkompetenzen von Bewerbern sind.“

Die Industrie verlange nach Fachleuten, die Bedarfsanalysen erstellen und die wesentlichen Fragen beantworten: Welche Anwendungen braucht welche informationstechnische Vernetzung und wie hoch sind Risiko und Effizienzgewinn, verglichen mit traditionellen und eher IT-armen Technologien? „Mit unserem Studienangebot vermitteln wir Kompetenzen für die Beherrschung komplexerer Steuerungs-, Automatisierungs- und Überwachungsaufgaben“, fasst der Professor zusammen.

Abnehmer der Absolventen finden sich weit über den Oldenburger Raum hinaus. Darunter sind Vertriebsgesellschaften, die aus Energiedaten neue Geschäftsmodelle entwickeln und Kundenwünsche antizipieren wollen. Energieversorger suchen Fachleute für die Prognose, Netzbetreiber brauchen Fachpersonal für Informations- und Automatisierungstechnologien. IT-Dienstleiter leben von Leitsystemen und Softwaremodulen, für die sie Entwickler benötigen.

Einen anderen Weg geht im deutschsprachigen Raum die Fachhochschule Oberösterreich. Christoph Schaffer, Professor für Energie und Umwelt sowie Informations und Kommunikationssysteme, und seinem Team reichen Schwerpunktsetzungen nicht, weil sie nicht die gesamte komplexe Thematik der Smart Energy abdecken. Der Masterstudiengang „Energy Informatics“ am Standort Hagenberg soll die Bildungslücke schließen. Die Anforderungen sind zumindest quantitativ erheblich: Es geht um Energieerzeugung und -transport, um das Marktgeschehen, internationales Projektmanagement, die Anwendungsmöglichkeiten von Software wie Headend-Systemen und Scada (Überwachung und Steuerung), um IT-Security, Cloud-Computing, Big Data und Analytics. Und weil die Märkte immer internationaler werden, überrascht es nicht, dass Englisch die Unterrichtssprache ist.

Um seine Absolventen macht sich Schaffer keine Sorgen: „Es gibt einen immensen Bedarf an Fachleuten, den wir mit diesem Studiengang keinesfalls decken können.“ Die in IT und Energie gleichermaßen geschulten Absolventen könnten sowohl bei den Energieunternehmen unterkommen als auch bei den großen IT-Anbietern und zahlreichen Start-ups, „die in den kommenden Jahren aus dem Boden sprießen werden“.

Das Studium bereite, so Hochschullehrer Christoph Schaffer, auf das Berufsleben vor, biete aber keine Punktlandung mit langem Haltbarkeitsdatum. Systemwissen und Weitblick seien wichtig. „Denn die Dinge werden sich in diesem Markt weiter rasant ändern.“

Foto: Wila

„Auf dem Arbeitsmarkt Energie steuern wir auf ein ernstes Problem zu.“ Krischan Ostenrath, Wissenschaftsladen Bonn.

Die Bildungsverantwortlichen hätten grundsätzlich die Digitalisierung der Energiebranche im Griff, fasst Krischan Ostenrath vom Wissenschaftsladen Bonn zusammen, „wobei es sein mag, dass in der ein oder anderen Ausbildungsordnung die Digitalisierung etwas zu kurz kommt und wir vermutlich mehr Studiengänge in diesem Bereich haben sollten“.

Niemand habe die Entwicklung verschlafen, meint Arbeitsmarktkenner Ostenrath. Das sei aber auch nicht anders zu erwarten. „Dass Kraftwerke nicht manuell gesteuert werden, ist ja nicht erst seit gestern so.“

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