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Dienstag, 12. Dezember 2017

Rund ums Rad

„E-Bikes stellen ein hohes Risiko dar“

Von Wolfgang Schmitz | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Viele Innovationen dienen nicht der Sicherheit beim Radfahren, meint der Kölner Hochschuldozent Achim Schmidt.

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Foto: Achim Schmidt

Achim Schmidt fuhr früher Radrennen, heute reicht dem Wissenschaftler die sportliche Herausforderung am Berg. Unter seinen insgesamt 15 Rädern sind zwei Mountainbikes.

VDI Nachrichten: Sie waren ein erfolgreicher Radrennfahrer. Da sollten Sie heute froh sein, das Rad in den Keller stellen zu können.

Schmidt: Ich bin jetzt 48 Jahre alt und bis vor vier Jahren noch Radrennen gefahren. Das Rad bleibt eine Droge. Mit dem Mountainbike fahre ich einmal in der Woche, mit dem Stadtrad täglich. Da hole ich mir meine Dosis ab. Für lange Touren reicht es zeitlich leider nur noch selten.

Achim Schmidt

Wie viele Räder haben Sie?

15 Räder, darunter zwei Rennräder, zwei Mountainbikes, drei Falträder, zwei Lastenräder, ein S-Pedelec und ein „Bahnhofsrad“, dessen Verlust ich verschmerzen könnte.

Macht Hightech am Rad Sinn?

Ich bin ein Fahrer, der Spaß an technischen Details hat. Ich habe jüngst ein sehr innovatives E-Bike getestet. Mein Fazit: Das meiste davon brauche ich nicht, weder Designerrahmen noch Bremslicht oder die elektrische Hupe, die bei schnellen Pedelecs ab 2018 vorgeschrieben ist. Oder eine eingebaute Sim-Karte, mit der ich das Rad orten und sperren kann. Und eine App, die mir zeigt, welchen Weg ich zurückgelegt habe. Über die App besteht die Möglichkeit, das Ansprechverhalten des Motors zu verändern oder eine Drehmomentkalibrierung vorzunehmen. Wie gesagt: Es geht auch ohne diese Extras.

Die Technik kann aber Fahrspaß vermitteln.

Ja, natürlich. Womöglich sind noch größere Technikfrickler als ich von diesen Details begeistert. Ich bin auch sicher, dass das die Zukunft des Rades ist. Das Rad wird mit Sensoren bestückt werden, die mir zeigen: „Pass auf, jetzt Kettenwechsel!“ Oder: „Die Bremsbeläge sind verschlissen!“ Das wird definitiv kommen. Zum sicheren Fahren braucht man das alles aber nicht.

Also viel Spielraum für Technikverliebte?

Das Entwicklungspotenzial ist enorm. Sei es bei Apps, GSM-Modulen (digitaler Mobilfunk) oder Multisensoren mit Netzanwendung. Diese Entwicklungsfeatures laufen schon als Pilotprojekte, wenige Hersteller haben das vernetzte Rad bereits umgesetzt. Wir reden über Räder von ca. 10 000 €.

Teure Räder, große Probleme?

Der größte Haken ist wohl das Diebstahlproblem. Am E-Bike können leicht viele kostenintensive Teile abgebaut werden. Allein ein Top-Scheinwerfer kostet rund 350 €. Deshalb lasse ich bei Fahrten in die Stadt mein E-Bike stehen und ziehe mein Bahnhofsrad vor.

Wie bewerten Sie die Infrastruktur in deutschen Städten?

Die ist im Vergleich zu einigen nordeuropäischen Ländern und den Niederlanden alles andere als ideal, aber ansonsten vergleichsweise gut.

Also freie Fahrt auch für Einsteiger?

Radfahrneulinge sind in Städten ohne viele und ausgebaute Radwege gnadenlos überfordert: mit der Verkehrsdichte, mit dem Verhalten der Autofahrer, die unter Stress sind. Um Einsteiger zu gewinnen, bedarf es einer erheblichen Verbesserung der Infrastruktur. Viele Menschen würden gerne fahren, trauen sich aber nicht.

Welche Mittel bieten die größte Sicherheit?

Helme etwa haben sich verbessert. Es gibt Helmairbags, die aber noch nicht massentauglich sind. Das effektivste Sicherheitskriterium ist und bleibt die subjektive Fahrtechnik und Antizipation anderer Verkehrsteilnehmer.

Welche Gefahren bergen E-Bikes?

Ich habe mehrfach versucht, die Fahrradindustrie zu überzeugen, dass E-Bikes ein hohes Risiko darstellen. Sie sind weit schneller und werden, weil sie als normales Rad wahrgenommen werden, von anderen Verkehrsteilnehmern unterschätzt. Unfallzahlen verdeutlichen das. Ich möchte der Industrie klarmachen, dass mit einem E-Bike ein Sicherheitstraining verkauft werden könnte. Mittlerweile kommen einige Firmen auf den Trichter, dass diese Dienstleistung Sinn macht.

Was ist das vorrangige Motiv, wenn die Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen wollen?

Sie wollen vor allem mobiler sein, die Fitness und der Umweltschutz sind zweitrangig.

Werden Radfahrer von der Politik gebührend wahrgenommen?

Verkehrsminister Dobrindt kümmert sich wenig um das Radfahren. Das entsprechende Referat war gewollt lange Zeit unterbesetzt. Das soll sich ändern. Die Fahrradlobby ist gegenüber der Autolobby verschwindend klein. Solange das Thema Auto tabu ist, wird sich daran wenig ändern.

Hat die Industrie die Kinder auf ihrem Schirm?

Nur peripher. Die Verkaufszahlen bei Kinderrädern gehen zurück, auch wenn sich eine leichte Kehrtwende ankündigt. Wenn Kinder heute kaum noch fahren, werden viele das als Erwachsene nicht nachholen. Zuwächse gibt es im Bereich 50plus. Für die Großen der Branche heißt es deshalb derzeit nur: E-Bike, E-Bike, E-Bike.

Sind die Schulen gefordert, Kindern das Radfahren schmackhaft zu machen?

Ja. Die Zahl der Rad fahrenden Kinder steigt signifikant, wenn eine Schule ihren Fokus darauf legt. An einem engagierten Kölner Gymnasium betrug die Quote der Rad fahrenden Schüler 80 %. Bei einem anderen Gymnasium, das sich nicht um das Thema kümmerte, waren es knapp 50 %. Vielen Pädagogen fehlt schlicht das Handwerkszeug für verkehrsgerechte Übungseinheiten.

Viele junge Erwachsene legen keinen Wert mehr auf ein Auto. Das sollte der Fahrradindustrie doch in die Karten spielen.

Das ist nicht die gesamte Wahrheit. In vielen Familien spielt das Fahrrad keine Rolle. Dort ist das Auto immer noch dominantes Statussymbol.

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