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Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

Stadtplanung

„Ein globaler Megatrend“

Von Stephan W. Eder | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Holger Robrecht, Vorstandsmitglied des globalen Umwelt-Städtebündnisses ICLEI in Europa, sieht Klimaschutz, Gesundheit und Wirtschaftsfragen als Treiber für grüne Stadtkonzepte.

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Foto: ICLEI Europe

Holger Robrecht erkennt bei der heutigen nachhaltigen Stadtplanung Grenzen für klassische Gartenstadtkonzepte. Es gehe zu viel Platz verloren, zudem sei es eine Infrastruktur- und Kostenfrage.

VDI nachrichten: Weltweit beschäftigen sich Bürgermeister und Stadtplaner mit grünen, ökologischen Konzepten für urbane Räume. Wie sind diese Bemühungen einzuordnen?

Robrecht: Konzepte für grüne Städte sind ein globaler Megatrend, weil es eine ganze Reihe von Herausforderungen gibt, die durch diese Konzepte beantwortet werden können, zumindest durch die Einführung von grünen Infrastrukturen.

Nehmen wir den Klimawandel, der sich zum Beispiel in zunehmenden Starkregenereignissen ausdrückt. Wie macht man das? Man schafft Ausweichflächen für die Wasserabflüsse. Oder man legt grüne Inseln in den Städten an, um gegen die Hitzezonen, die wir immer wieder in den Sommern in Mitteleuropa erfahren, Gegengewichte zu schaffen. Es gibt eine ganze Reihe von guten Gründen, sich mit einigermaßen kostengünstigen und in der Stadtwirklichkeit auch mit gut zu etablierenden Lösungen zu befassen.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Die Frage ist doch, worüber reden wir, wenn wir von grünen Städten sprechen. Ich denke, wir sprechen hier nicht vom Ersatz vorhandener, konventioneller Infrastrukturen. Es geht vielmehr darum, bestehende Infrastrukturen zu ergänzen und unterschiedliche Lösungen zu integrieren. Schaut man zum Beispiel auf Hochwasser- und Starkregenereignisse der jüngeren Vergangenheit, so wird deutlich, dass konventionelle Infrastrukturen oft nur eine Basis schaffen können, quasi die „Grundlast“ fahren – aber nicht die „Spitzenlast“, etwa ein Flutereignis, regulieren.

Wo immer wir hinschauen, ist die gebaute Stadtwirklichkeit nicht in der Lage, krisenhafte Ereignisse, wie Starkregen, abzufedern. Da müssen wir uns über neue Lösungen Gedanken machen. Viele Städte haben zum Beispiel eine Pflicht zu gebäudenahen Versickerungsflächen in den Bauordnungen eingeführt.

Dann ist die Frage, ob großtechnische Lösungen helfen. Beispiel Japan: Dort versucht man Flutereignisse durch Flutmauern abzuwehren. Ob das Erfolg hat, um zum Beispiel in Tokio die entsprechenden Stadtteile frei zu halten, oder ob das Wasser gegebenenfalls in andere Stadtbereiche ausweicht, wissen wir noch nicht; die Bewährungsprobe steht noch aus.

Eine wichtige Frage ist, wie solch eine Mauer in einer Stadt auf die Bewohner und auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt wirkt. Das hat möglicherweise erhebliche soziale, mentale, auch physische Beeinträchtigungen zur Folge. Das kostet natürlich eine ganze Menge Geld und es fragt sich auch, ob solche Bauwerke, auch statisch gesehen, dauerhaft den Nutzen erzeugen können, den wir von ihnen erwarten.

Wir wissen aus Holland, dass der Bau immer höherer Deiche auch statisch nur begrenzt möglich ist. Tokio aber ist eine sinkende Stadt, die jedes Jahr um ein paar Zentimeter absackt. Man muss genau auf den Ort und die Umstände schauen, dann kann eine hergebrachte, konventionelle Lösung richtig sein; aber wenn es eine alternative Lösung gibt, dann sollte man sie auch nutzen.

Woran machen Sie den Megatrend fest?

Das kann man an drei Aspekten festmachen. Erstens gibt es eine Reihe von Entwicklungen aus sehr unterschiedlichen Bereichen, die in die gleiche Richtung deuten.

Ob Klimawandel, Stadterneuerung oder Fragen, die in Zusammenhang mit Flüchtlingspolitik und Wanderungsbewegungen kommen – die bisherigen Lösungen für eine Stadtentwicklung, wie wir sie aus den 1960er- und 1970er-Jahren kennen, kommen hier ganz oft an ihre Grenzen. Daher gibt es einen Druck dahingehend, andere Lebenssituationen in Städten dadurch zu erzeugen, in dem wir auch grüne Lösungen einführen.

Zweitens gibt es eine ganze Reihe von Städten, die sich auf den Weg gemacht haben und Selbstverpflichtungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel oder der Biodiversität eingegangen sind. Mindestens 20 % der Nachhaltigkeitsziele der UN sind nur durch Städte umsetzbar, 35 % nur mithilfe von Städten. Das beinhaltet oft grüne Lösungen.

Als dritter Aspekt kommt die Wirtschaft hinzu. Unternehmen stellen für grüne Städte Lösungen bereit, die entweder Integrationslösungen für konventionelle und grüne Infrastruktur erlauben oder die direkt grüne Infrastrukturlösungen bereitstellen. Der Markt dafür sind die Städte, die sich auf den Weg gemacht haben. Zum Beispiel hat Barcelona einen „Plan für grüne Infrastruktur“. Die dänische Hauptstadt Kopenhagen nutzt das aber auch, um mit diesem Image für die Ansiedelung neuer Unternehmen zu werben.

(siehe )

Was sind neben Klimawandel und Biodiversität Treiber für diese Entwicklung?

Ganz stark ist es die Gesundheit. Das Leben in einer Stadt ist oft mit ungesunden Lebensverhältnissen verknüpft. Wissenschaftler haben erst jüngst dargelegt, dass aus einem gesundheitspolitischen Aspekt heraus grüne Infrastrukturen für das Wohlbefinden, mental wie physisch, von großer Bedeutung sein können.

Ein Aspekt ist die Auswirkung grüner Konzepte auf die Luftqualität, was ja derzeit ein großes Thema in deutschen Städten ist. Auch aktivieren grüne Lösungen Bürgerinnen und Bürger, dass diese auch mal Strecken zu Fuß gehen und nicht nur mit dem Auto fahren. Hinzu kommt der Umwelttrend zum Fahrradfahren auch für den Weg zur Arbeit.

Die klassische Gartenstadt hat eine recht lockere, großzügige Bebauung. Ist so etwas nachträglich noch umsetzbar?

Das sehe ich problematisch. Für viele Städte, wie die schnell wachsenden Megastädte, ist die Gartenstadt sicher nicht das Konzept der Wahl. Auch in vielen europäischen und deutschen Metropolen würde ich das für schwierig halten. Wenn aber zum Beispiel eine Einfamilien- oder Reihenhaussiedlung oder Ähnliches geplant ist, dann gerne als Gartenstadt.

In England gibt es Pläne, 50 000 neue Wohnungen durch Gartenstadtkonzepte zu schaffen, auch im Außenbereich der Städte. Aber das können wir uns in Deutschland, in den meisten europäischen Ländern und definitiv in Asien und im Nahen und Mittleren Osten nicht leisten. Einerseits geht zu viel Platz verloren, andererseits ist es eine Infrastruktur- und Kostenfrage. Denn dies könnte auch zu mehr Pendlerverkehr führen – ein Trend, den wir ja auch umkehren wollen. Und dafür ist die Gartenstadt möglicherweise nicht das richtige Konzept.

Wenn die klassische Gartenstadt nicht das richtige Konzept ist, wie sehen dann Lösungen aus?

Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen für urbane Nachbarschaften, bei denen viele grüne Aspekte von Anfang an mitgedacht worden sind. Das sind aber dennoch Viertel, in denen hoch verdichtet gebaut wurde.

Ein Beispiel ist das Vauban in Freiburg. Dort ist die Bebauung um eine zentrale grüne Achse herum entwickelt worden. Zuerst hat man die ÖPNV-Anbindung konzipiert und von dort aus grüne Achsen angelegt. Das Konzept ist in anderen Stadtbezirken Freiburgs wiederholt worden und wird aktuell auch in der Planung des Stadtteils Dietenbach berücksichtigt, in dem in acht Jahren dann 12 000 bis 15 000 Leute wohnen werden.

Die unterschiedlichen Funktionen, die diese Grünachsen einnehmen können, wurden von vorneherein als integraler Bestandteil der Planung mitgedacht. Dazu gehören zum Beispiel der Wasserabfluss, die Wohltemperierung des neuen Planungsbereichs oder auch die Energieeffizienz. Es gibt europaweit viele solcher Beispiele. Der Ansatz dabei ist immer: Wie lassen sich möglichst viele Gedanken der alten Gartenstadtkonzepte in neue urbane Konzepte übertragen?

Wie ist das im Bestand?

Um im Bestand etwas zu ändern, muss es für eine Planung einen Anlass geben. Beispiel Ruhrgebiet: Es gibt einen übergreifenden Plan zur Umgestaltung dieser alten, hochverdichteten Industrieregion, der 2020 umgesetzt sein wird und grüne Lösungen einpflegt. Das ist zum Beispiel an der Emscherachse hervorragend beobachtbar. Dabei hat man immer die Bevölkerung mit einbezogen. Die Leitidee war hier, die durch den Industrieniedergang frei werdenden Räume für die Menschen und ihre Lebensqualität nutzbar zu machen.

Paris kommt aus einer ganz anderen Ecke: Die Verantwortlichen dort sagen: In unserem hochverdichteten Metropolraum – mit allen sozialen Problemen wie denen in den Banlieues – haben wir einen Auftrag für die öffentliche Planung. Unter dem Titel „Reinvent Paris“ hat die Stadt 23 städtische Flächen für internationale Planungswettbewerbe bereitgestellt. Maßgabe war, dass gilt: Grün vor Grau, dass es Planungen sind, die die Stadtgesellschaft fördern und Lebensqualität für viele und nicht für wenige schaffen. Daraus sind hervorragende Projekte entstanden.

Und außerhalb Europas, wie ist zum Beispiel die Entwicklung in China?

An den neuen, schnell wachsenden Städten in China sind teilweise internationale Entwicklungskonsortien beteiligt. Dort wird auch viel kopiert und quasi auf dem Reißbrett von einer Stadt auf die nächste übertragen. Ich habe gar nicht die Sorge, dass in China grüne Lösungen nicht zum Tragen kommen. Die Frage ist, ob diese Reißbrettlösungen immer die richtigen, ortsangepassten Lösungen sind und ob das wirklich lebendige Städte sein können.

Wie sieht das in den teilweise wild wuchernden Städten Lateinamerikas und Afrikas aus?

Wir kennen eine ganz Reihe von Städten, die sehr ausdrücklich grüne und nachhaltige Lösungen betreiben. Ein Beispiel ist die peruanische Hauptstadt Quito, mit der wir gerade an einem EU-Förderantrag eng zusammenarbeiten. Dabei sollen Konzepte aus europäischen Städten dorthin übertragen werden; unter anderem sind Mailand, Hamburg und London mit dabei.

In vielen Fällen haben nachhaltige und grüne Konzepte in Lateinamerika dabei geholfen, Stadtteile zu entwickeln und sie zu befrieden. Ein Beispiel ist Medellin, bekannt geworden als Drogenhochburg. Das stimmt heute nicht mehr. Die Stadt hat sich seit geraumer Zeit auf den Weg gemacht, sich unter Beteiligung der Bürgerschaft ein neues Profil und neue Lebensqualität zu geben. Ein Aspekt dabei ist die Bereitstellung sicherer öffentlicher Plätze, die so geplant sind, dass auch die Sicherheitsfragen mit bedacht werden.

http://www.iclei-europe.org

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