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Dienstag, 12. Dezember 2017

Sicherheit

Mit dem Schiff durch den Berg

Von Bettina Reckter | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Oslo plant den Bau des weltweit ersten Tunnels für Hochseeschiffe. Er soll den Kapitänen die gefährliche Fahrt um Norwegens Westkap ersparen.

BU_Tunnel
Foto: Stad Skipstunnel

Tunnelblick: So werden Touristen auf ihrem Kreuzfahrtschiff möglicherweise den Moment der Ausfahrt aus dem Schiffstunnel in Norwegen erleben.

Atemberaubend zeigt sich die Landschaft am westlichsten Punkt des norwegischen Festlands 300 km nördlich von Bergen. Einmalig der Blick vom Meer aus auf die Küste mit ihren Bergen und Fjorden. Doch die Gegend ist gefährlich. Selbst erfahrene Kapitäne sind mitunter machtlos, wenn ihr Schiff hier in eine gefährliche Kreuzsee gerät. Dann nämlich treffen Wellen aus westlicher und nördlicher Richtung aufeinander und werden unberechenbar. Zudem ist die Sicht allzu oft von plötzlich aufziehendem Nebel eingeschränkt. Keine idealen Bedingungen, um Touristen an Bord von Kreuzfahrtschiffen sicher zu befördern.

Fakten zum Tunnel

Aus diesem Grund hat nun das norwegische Kabinett Gelder frei gemacht für ein spektakuläres Projekt, das weltweit einmalig ist. Ein Tunnel, eher noch: eine gigantische Felsenhöhle soll künftig den Moldefjord mit dem Vanylvsfjord zwischen Selje und Fiskå verbinden. Damit könnten die Seeleute auf Höhe des Westkaps den Gefahren der tosenden Nordsee entgehen, die allein in den letzten Jahrzehnten schon mehr als 40 Schiffen zum Verhängnis wurde.

Zwar existieren viele Tunnel für kleinere Schiffe, doch keiner, der groß genug ist für Frachter und Touristendampfer mit 1000 Passagieren, etwa der beliebten Hurtigruten-Flotte. Die „MS Midnatsol“ (Mitternachtssonne), das größte Schiff der ehemaligen Postlinie, klappert von Mai bis September regelmäßig die norwegische Küste ab. Im Jahr 2003 entkam sie nur knapp einer Katastrophe, als sie – voll besetzt mit Touristen – bei stürmischer See ausgerechnet am Westkap mit Maschinenschaden in Seenot geriet. Gerade noch rechtzeitig, kurz vor einem gefährlichen Riff, konnte sie damals Anker werfen und das Ende des Sturms schließlich unbeschadet abwarten.

„Pläne für einen Schiffstunnel gibt es schon seit mehr als 100 Jahren“, erzählt Terje Andreassen vom norwegischen Küstenamt. Doch erst jetzt beschloss die Regierung in Oslo deren Realisierung. „Der Schiffstunnel bei Stad ist der erste dieser Art auf der Welt“, erklärt Norwegens Verkehrsminister Ketil Solvik-Olsen stolz. Das Infrastrukturprojekt der Superlative mit 36 m Breite und knapp 50 m Höhe könnte einmal jeden Straßen- oder Eisenbahntunnel in den Schatten stellen.

Rund 1,7 km lang soll der Kanal werden. Mit 12 m Tiefe ist er für Fracht- und Passagierschiffe bis etwa 16 000 Bruttoregistertonnen (BRT) ausgelegt. Deshalb kann er auch nur abwechselnd in jeweils einer Richtung befahren werden. Die „MS Midnatsol“ mit ihren gut 16 000 BRT würde genau durchpassen, nicht aber wirklich große Kreuzfahrtdampfer wie die „Queen Mary“ oder die „Queen Elizabeth“ mit rund 80 000 BRT.

Foto: [M] Stad Skipstunnel/VDIn

Abkürzung: Durch den Berg hindurch wird der Weg nur geringfügig kürzer, aber erheblich sicherer als über die sturmgepeitschte See am Westkap vorbei.

Bautechnisch sei der Tunnel keine besondere Herausforderung, meint Projektleiter Andreassen. „Aber es müssen etwa 8 Mio. t Gestein aufgebrochen und entfernt werden.“ Allein für das Portal wurde eine Öffnung mit der Fläche von 1625 m² berechnet. Geplant ist, das Bergmassiv der Halbinsel Stadlandet zunächst von oben aufzubohren und dann Stück für Stück auszuhöhlen. Erst ganz zum Schluss soll das Gestein dann an beiden Tunnelenden aufgebrochen werden, damit das Wasser einströmen kann.

Der Bau könnte schon im kommenden Jahr beginnen, mit der Fertigstellung rechnet Andreassen bis zum Jahr 2023. Die ursprünglich veranschlagten Baukosten in Höhe von 250 Mio. € werden nicht ausreichen, das steht jetzt schon fest. Die Arbeiten am Portal seien aufwendiger als gedacht, so der Projektleiter, deshalb gehe man nun von 300 Mio. € aus. Weitere Probleme erwartet er aber nicht.

In der zerklüfteten Küstenlandschaft an Norwegens Westkap wird sich mit dem Tunnel der Weg für die Schiffe um einige Seemeilen verkürzen. „Eine Zeitersparnis bringt das aber nicht unbedingt“, vermutet Andreassen. Jedenfalls bei gutem Wetter würden die Schiffe für die Tunneldurchquerung wohl genauso lange brauchen wie bei einer Umschiffung der Halbinsel. Anders allerdings könnte das bei Sturm aussehen. Dann macht die Kombination aus Meeresströmungen, Untiefen und hohem Wellengang die See am Westkap besonders rau. Und genau dies führt derzeit regelmäßig zu Verspätungen bei Frachtschiffen, Postbooten und der Hurtigruten-Linie.

Dass der Tunnel selbst einmal zur Gefahr werden könnte, gilt als unwahrscheinlich. Dennoch wird derzeit mit Computersimulationen intensiv getestet, ob die Passage auch bei schlechtem Wetter sicher ist. Stefan Krüger vom Institut für Entwerfen von Schiffen und Schiffssicherheit der TU Hamburg wittert hier keine Probleme. „Im Tunnel gibt es weder Wind noch Wellen, die Dampfer fahren nur geradeaus. Ich glaube nicht, dass das gefährlicher wird als etwa eine Fahrt durch den Elbtunnel.“

Kritik an dem Projekt kommt jedoch von anderer Seite. „Ökonomisch gesehen macht der Tunnel für Schiffe keinen Sinn“, urteilt Knut Samset von der Technischen Universität in Trondheim. Ganze elf Gutachten untermauerten dies, sagt der Bauingenieur. Da habe sich wohl eher die Region mit ihrem Wunsch für das Projekt durchgesetzt.

 Eine Maut für die Passage solle nicht erhoben werden, heißt es im norwegischen Verkehrsministerium. Auch darüber dürfte sich die Bevölkerung der Halbinsel Stadlandet freuen. Zum Beispiel Stein Robert Osdal, der Bürgermeister von Selje. Er rechnet mit einem kleinen Ansturm von Schaulustigen und Touristen, wenn der Tunnel für die erste Durchfahrt freigegeben wird.

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