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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Kreislaufwirtschaft

Münden moderne Textilien in Müllflut?

Von Patrick Schroeder | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Die Technisierung der Bekleidung nimmt Fahrt auf. Das Recycling steht vor neuen Herausforderungen.

BU Fisch
Foto: Foto [M]: ddp images/panthermedia.net/miflippo/mrpuen/VDIn

Plastikfisch? Industrie und Umweltschützer streiten sich darum, wie viel Kunststofffasern aus Waschmaschinen am Ende auf unserem Teller landen.

Die gute Nachricht zuerst: Die Technisierung der Bekleidung bringt Vorteile. Ein Sportler mit Herzproblemen zum Beispiel trainiert sicherer denn je – dank Sensoren im T-Shirt, welche den Muskel überwachen. Die schlechte Kunde: Für die Umwelt entstehen Probleme. „Die Textilindustrie muss beim Recycling schon genügend Hausaufgaben machen. Bei Mischfasern etwa gibt es in der Industrie kaum Anlagen, die ein Baumwolle-Synthetikgemisch auseinandernehmen können. Wenn jetzt auch noch elektronische Teile in die Kleidung wandern, wird deren Kreislauffähigkeit noch schlechter“, kritisiert Alexandra Perschau, Ökotrophologin bei Greenpeace. „Dann benötigen Textilrecycler Fachleute für Elektronikrecycling.“ Die Expertin fordert Hersteller intelligenter Kleidungsstücke deswegen auf, Elektronikkomponenten einzusetzen, die sich leicht abnehmen und wiederverwenden lassen.

Tatsächlich wird der Planet schon jetzt von Elektroschrott überhäuft. In diesem Jahr wird die Menschheit laut UNO 65 Mio. t Elektromüll produzieren. Warum so viel? Weil selbst hochwertige Elektronik keine lange Lebensdauer mehr hat. So tauschen die Deutschen im Schnitt alle zwei Jahre ihre Smartphones aus. „Die schnellen Produktzyklen verursachen massive Umweltschäden bei Herstellung und Entsorgung“, so Greenpeace-Chemiker Manfred Santen. „Die Hersteller müssen Smartphones zukünftig so konstruieren, dass sie leicht repariert werden können.“ Das Gleiche gilt für die Produzenten intelligenter Bekleidung, damit die Elektroschrottberg nicht noch höher wird.

Wenn Hersteller intelligenter Bekleidung nicht nur Elektronik integrieren, sondern zudem noch auf Synthetikfasern setzen, sehen sie sich mit einem zweiten Problem konfrontiert: Kleidung mit einem hohen Anteil aus Acryl und Polyester steht nämlich unter Verdacht, Flüsse und Meere mit Mikroplastik zu belasten. Die University of California hat ausgerechnet, dass in einer Stadt mit 100 000 Einwohnern täglich rund 50 kg der einschlägigen Synthetikfasern aus Waschmaschinen in der Kläranlage landen. Das Problem: Ein Teil der Fasern gelangt trotz Filtrierung in die Nahrungskette und am Ende auf den Teller des Menschen. Essen wir etwa unsere eigene Garderobe, die mit Gift angereichert ist? Viele Kritiker unterstreichen diese Theorie.

Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie hingegen gibt Entwarnung. Textile Produkte spielen als Quelle für Mikroplastik angeblich eine geringe Rolle, da sie nur einen kleinen Anteil an der globalen Kunststoffproduktion haben. Allein durch den Abrieb von Autoreifen entstünden 300 Mal mehr Mikropartikel. „Dass Textilien der Hauptverursacher für Mikroplastik seien, wird immer wieder behauptet, ist aber unzutreffend. Eine Modellrechnung zeigt, dass eine Fleecejacke, die im Jahr achtmal gewaschen wird, in fünf Jahren nur etwa 0,4 g an Fasern verliert“, so der Verband. Zudem hielten Kläranlagen 96 % der Fasern zurück. Demnach seien die Mikrofasern auch kein Negativposten in der Ökobilanz der Hersteller intelligenter Kleidung.

Wie viel Mikroplastik in den Meeren stammt denn nun aus Waschmaschinen? „Viele publizierte Zahlen sind zweifelhaft“, sagt Gunnar Gerdts, Mikrobiologe am Alfred-Wegener-Institut auf Helgoland. Grund sei die Schwierigkeit, in Proben die winzigen Plastikfasern von biologischen Fasern zu unterscheiden. „Selbst unter dem Mikroskop sind Plastikfasern nur sehr schwer von Fasern zu unterscheiden, die von aufgelöstem Klopapier stammen.“ Und auch eine automatische Analyse mit spektroskopischen Techniken sei wegen der Struktur der Fasern schwierig. 

Trotzdem gibt es Unternehmen, die gegen die vermeintliche Plastikflut aus den Waschmaschinen ankämpfen. Unter ihnen die Berliner Langbrett GmbH. Sie hat „Guppy Friend“ entwickelt – einen Waschbeutel, der nur Wasser und Waschmittel durchlässt. Das Mikroplastik, das sich beim Waschen von der Kleidung löst, landet wegen des Rückspüleffekts automatisch in den Ecken des Beutels und lässt sich nach dem Waschgang im Plastikmüll entsorgen.

Auch Umweltvereine gehen gegen die kleinen Fasern vor. So fordert Plastikcontrol aus Hannover, dass Waschmaschinenhersteller ihre Geräte mit Filtern ausrüsten. Der Einwand von Miele: Kunststoffteilchen aus Kleidung seien zu klein, um sie mechanisch zu filtern. Und ein chemietechnischer Filter würde die Maschine unbezahlbar machen sowie die Waschdauer erhöhen. Zwar seien Mikropartikelfilter ein Zukunftsthema, in absehbarer Zeit sei mit einer wirtschaftlich tragfähigen Lösung aber nicht zu rechnen.

Abseits vom Mikroplastikproblem gibt es Kleidungshersteller, die gegen die Fluten großer Plastikteile vorgehen. So hat Adidas jüngst einen Laufschuh auf den Markt gebracht, der aus verschiedenen Arten von Meeresplastik hergestellt ist – 95 % hat das Unternehmen an den Stränden der Malediven einsammeln lassen. In jedem Paar Schuhe stecken unter anderem elf Plastikflaschen. 

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