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Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Automobil

Nabelschau zwischen Blech und Bytes

Von Johannes Winterhagen | 7. September 2017 | Ausgabe 36

Noch dominieren auf der Messe IAA (14. bis 24. 9.) die klassischen Antriebskonzepte. Doch an der Mobilität der Zukunft wird gearbeitet.

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Foto: VDA e.V.

Faszination Auto: 50 Pkw-Hersteller und 1000 Aussteller buhlen im September in Frankfurt um die Gunst des fachkundigen Publikums.

Eine „durchdachte Betaversion“ nennt Matthias Wissmann die IAA 2017. Die größte Automesse sei längst keine reine Autoshow mehr, sagte der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie Ende August auf einer im Internet abgehaltenen Pressekonferenz, die zeitgleich nicht nur ins Englische, sondern auch ins Chinesische übersetzt wurde.

Aufgabe der Messe sei es, Automobilindustrie und Digitalwirtschaft zusammenzubringen. Dafür, dass es der IAA tatsächlich gelingt, diese Scharnierfunktion einzunehmen, führte Wissmann vor allem die Sondershow „New Mobility World“ an, auf der mehr als 250 Aussteller vertreten sein werden. Stolz nannte der Autopräsident Partnerschaften mit Facebook und Google.

Und tatsächlich sind die Internetfirmen hochrangig vertreten. So spricht neben Bundeskanzlerin Angela Merkel auch Facebook-Vorstandsmitglied Sheryl Sandberg auf der Eröffnungsfeier. Dazu passt, dass einige Hersteller digitale Akzente setzen wollen. So organisiert Mercedes-Benz gemeinsam mit dem texanischen Veranstalter SXSW die dreitägige „Me Convention“, auf der 150 sogenannte „Pioniere“ zu Wort kommen sollen.

Ob jedoch die mehr als 800 000 Besucher, die Wissmann zur IAA dieses Mal erwartet, die Digitalisierung in den Mittelpunkt ihres Messerundgangs stellen, ist fraglich, zumal die in den ersten Stock der Halle 3 verbannte „New Mobility World“ bereits am Sonntag der ersten Messewoche ihre Pforten schließt.

Wer die IAA besucht, um sich tatsächlich im Vorfeld eines Autokaufs zu informieren, dürfte zudem vor allem eine dringende Frage haben: Fährt das nächste eigene Auto mit einem Benziner, einem Diesel oder schon elektrisch? Antworten darauf sollten von den mehr als 50 Pkw-Marken unter den 1000 Ausstellern zu erwarten sein.

 Im Vorfeld war zwar von vielen Absagen zu lesen, doch tatsächlich fehlen nur Hersteller mit kleinen Marktanteilen wie Alfa (Marktanteil Januar bis Juli 2017: 0,2 %), Peugeot (1,8 %) oder Volvo (1,1 %).

Noch kleiner ist die Marktrelevanz von Tesla, dennoch wird das Fehlen der Marke aus dem Silicon Valley stets aufs Neue thematisiert. Erstmals präsent sind dagegen die chinesischen Hersteller WEY und Chery.

Volkswagen, der Hersteller, der den Dieselskandal vor zwei Jahren noch während der IAA auslöste, wird ein umfangreiches Antriebsportfolio zur IAA mitbringen. Der neue Polo, nach dem Golf das zweitwichtigste Modell für den Wolfsburger Konzern, wird überwiegend mit neuen Benzinern ausgestattet, doch für Vielfahrer sind auch weiterhin zwei Dieselmotoren im Angebot.

Erstmals kommt auch ein Erdgasmotor mit 66 kW im Polo zum Einsatz. Elektro-Polos sucht man hingegen vergebens – Interessenten an batterieelektrischer Mobilität müssen zum kleinen E-Up oder zum größeren E-Golf greifen.

Ähnlich wie Volkswagen geht es den meisten anderen Marken: Momentan sind zwar einigermaßen alltagstaugliche Elektrofahrzeuge erster Generation zu haben. Doch die kommende Generation, die von Anfang an konsequent als E-Fahrzeug konzipiert wurde, ist erst zur IAA 2019 fertig. Deren Vertreter sind einstweilen vor allem als Studien zu sehen (siehe Seite 22).

So ist nicht auszuschließen ist, dass Volkswagen eine weitere Studie der elektrischen I.D.-Baureihe vorstellt. Mercedes-Benz verheiratet die Elektrosubmarke EQ mit dem Smart. Die auf der Messe gezeigte Studie verfügt nicht nur über ein futuristisches Design, sondern mit einem Energieinhalt von 30 kWh auch über einen deutlich größeren Akku.

Honda soll Medienberichten zufolge mit „Urban“ die Studie eines kleinen, speziell für den europäischen Markt entwickelten E-Fahrzeugs vorstellen. Auch bei einem vollelektrischen Mini (BMW), der Design und Fahrgefühl der englischen Marke in das Elektrozeitalter übersetzen soll, handelt es sich um eine Studie, die 2019 in Serie gehen soll. Als Wendepunkt in der Geschichte des Pkw-Antriebs dürfte die diesjährige IAA daher kaum eingehen.

Dafür, dass der Diesel unverzichtbar bleibt, sorgt der ungebrochene Trend zum SUV (Sport Utility Vehicle). Die für den Alltagsgebrauch gedachten Geländefahrzeuge weisen aufgrund größerer Stirnfläche und Masse einen höheren Energieverbrauch auf. Nahezu alle Hersteller auf der IAA werden mindestens eine SUV-Premiere im Programm haben.

Die Neuauflage des BMW X3 wird ergänzt durch kompakte Sportgeländefahrzeuge von Citroen, Hyundai und der Schwestermarke Kia sowie dem Volkswagen T-Roc, mit dem der größte Autokonzern Europas in das Segment kleiner SUV einsteigt. Selbst Jaguar springt mit dem E-Pace auf den SUV-Trend auf.

Eine Besonderheit stellt der Opel Grandland X dar, der auf der Basis des Peugeot 3008 entstanden ist und das Synergiepotenzial der frisch vermählten Marken zeigen soll. Mercedes führt dem Messepublikum die X-Klasse vor, den ersten Pick-up mit Stern. Mit Leiterrahmenbauweise und Starrachse hinten entspricht er dem Technologiestand in dieser Fahrzeugklasse.

Die Werte, für die deutsche Autos stehen, werden auf dem Audi-Stand sichtbar, wo die neue Generation der Oberklasselimousine A8 ihre Premiere feiert.

Ähnlich wie in den ebenfalls jungen oder renovierten Konkurrenzmodellen aus München oder Stuttgart, verpacken die Ingolstädter alles technisch Mögliche in einer gefälligen und mit 5,17 m recht langen Karosserie. Zu den Möglichkeiten gehören nicht nur bis zu 41 Assistenzsysteme, 23 Lautsprecher und Massagesitze, sondern auch jene Sensoren, Rechner und Aktuatoren, die schon ab 2019 hochautomatisiertes Fahren auf Autobahnen ermöglichen sollen.

Foto: Audi AG

Der neue Audi A8: Erstmals in der Geschichte deutscher Automobiltechnik wird ein Oberklassefahrzeug weniger mit seinen aktuellen Leistungswerten beworben, sondern damit, was es bald nach einem Softwareupdate leisten wird.

Es ist das erste Mal in der Geschichte der deutschen Automobiltechnik, dass ein Fahrzeug wie der A8 nicht primär damit beworben wird, was es kann, sondern was es nach einem angekündigten Softwareupdate einst können wird.

Damit technisch interessierte Autofahrer eine Vorstellung vom automatisierten Fahren erhalten, betreibt Audi gemeinsam mit Daimler und Volkswagen sowie den Zulieferern Bosch, Continental und ZF auf dem Freigelände ein Aktionsprogramm.

Ohnehin war und ist die IAA aus Besuchersicht kein Ort, an dem ausschließlich nüchtern über Alltagsmobilität nachgedacht wird. An den Wochenenden versperren Menschentrauben die Sicht auf die leistungsstarken Zweisitzer, die bei nahezu allen Herstellern locken.

Eine besondere Attraktion dieser Kategorie ist bei Mercedes zu erwarten: Erstmals wird dort das AMG „Project One“ ausgestellt. Der Supersportwagen ist mit einer modifizierten Version des Formel-1-Hybridantriebs ausgestattet und kommt auf eine Leistung von mindestens 625 kW, umgerechnet 1000 PS. Allerdings sind die 275 Einheiten, die von dem Überauto gebaut werden sollen, dem Vernehmen nach bereits ausverkauft.

Deutlich größere Stückzahlen peilt BMW mit der neuen 8er-Baureihe an, die als seriennahes Konzept auf der IAA zu sehen sein wird. Von dem Coupé soll es auch eine besonders sportliche M-Version mit der vom M5 ererbten Antriebstechnik geben.

Zum Träumen animiert ein neues Cabrio von Ferrari, nach der ligurischen Küstenstadt Portofino benannt. Der offene Viersitzer beerbt den legendären California. Noch nicht zu sehen sein dürfte der Nachfolger des aktuellen Porsche 911. Er soll zwar im kommenden Jahr bereits in Serie gehen, doch die Aufmerksamkeit auf dem Porschestand gehört dem neuen Cayenne.

Egal ob Alltagsauto oder Traumfahrzeug: Der Ladestecker wird auf der IAA noch bei vielen Fahrzeugen fehlen, während der Internetanschluss in allen Segmenten zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Wunderlich ist das aus technischer Sicht nicht. Denn als die Dieselkrise vor zwei Jahren ausbrach, befanden sich die Autos, die auf der IAA 2017 als marktreife Fahrzeuge präsentiert werden, schon längst in der Serienentwicklung. Was für Ingenieure eine Selbstverständlichkeit ist, könnte für das Standpersonal im Dialog mit potenziellen Autokäufern eine Herausforderung darstellen.

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