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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Simulation

Plötzlich alt – ein Selbstversuch

Von Bettina Reckter | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Wie fühlt sich Alter an? Den allmählichen Verlust körperlicher Fähigkeiten haben wir hautnah getestet – im Alterungsanzug.

Alter B (6)
Foto: SD&R GmbH

Wie fühlt sich Altern an? Produktdesigner, Ingenieure und Ausbilder können Simulationsanzüge wie diesen hier auch ausleihen, um die schwindenden Fähigkeiten älterer Menschen besser einzuschätzen.

Schön ist es nicht, wenn die Sicht schwindet, die Knie nicht mehr wollen, das Gefühl aus den Fingerspitzen weicht. Vielen Älteren macht es zu schaffen, wenn plötzlich die Kraft fehlt und sie sich nicht mehr auf ihren Körper verlassen können. Nachvollziehen kann man das erst, wenn man selbst in der Situation steckt. Wir haben deshalb die Uhr vorgedreht und in einem Alterungsanzug die Zeitreise ins hohe Alter gewagt.

Es dauert, bis der Simulationsanzug richtig sitzt. Beinbandagen mit Gewichten sind an Ober- und Unterschenkel festgezurrt. Das Winkelstück dazwischen verpasst mir die Beweglichkeit eines 80-Jährigen. Viel ist das nicht. Gurte mit eingenähten Gewichten simulieren die altersbedingte Fußhebeschwäche. Ein Nierengurt erschwert zudem jede Drehung der Hüfte. Das Schulterhalfter, ein System aus kürzeren und längeren Gurten, formt meinen Rücken zu einem respektablen Buckel. Eine Halsmanschette schränkt jede Kopfdrehung ein. Jetzt noch eine Weste mit 10 kg Zusatzgewicht, damit man sich nicht allzu leicht fühlt.

Bandagen am Arm fixieren Ellbogen und das Handgelenk. Integriert ist ein Tremorsimulator, der mir per stufenlos regulierbarer Vibration vermittelt, wie ein Parkinsonpatient sich fühlen muss. Jetzt noch ein paar einfache Baumwollhandschuhe, die mein Tastgefühl einschränken. Ein Kopfhörer dämpft Geräusche und Stimmen, eine Brille simuliert altersbedingte Augenerkrankungen nach Wahl.

Schließlich ist es so weit: Durch das Anlegen des „Anzugs“ bin ich um mindestens 30 Jahre gealtert. Das Aufstehen vom Stuhl will nicht so recht klappen. Die Gewichte simulieren die nachlassende Muskelkraft und machen mir das Leben schwer. Ich muss ich mich schon mit beiden Händen abstützen, um überhaupt hochzukommen.

Gebeugt stehe ich da. Tapsig sind meine ersten Schritte, typisch für den „älteren“ Menschen. Mit dem Ballen taste ich vor, dann erst setze ich den ganzen Fuß auf. Die eingebaute Fußhebeschwäche macht sich bemerkbar – der Grund, warum Senioren oft einen schlurfenden Gang haben.

Mit den Jahren versteifen die Gelenke. Die Winkelstücke an den Beinmanschetten lassen meinen Gang grobmotorisch, fast roboterhaft aussehen. Die Schrittlänge ist deutlich verkürzt, die Bewegung einfach nicht rund. Es fühlt sich an, als hätte ich die Beine im Gipsverband. Schauspielerei ist das nicht, es geht einfach nicht besser.

Im Gegenteil, es geht sogar noch schlechter – nämlich auf der Treppe. Eine Hand am Geländer, Knie und Hüftgelenk nach außen gedreht, schaffe ich es nur per Drehbewegung, mich eher nach oben zu ziehen als zu heben. Verflixt anstrengend ist das. Genauso wie das Hinsetzen, wobei ich mich auf den Fäusten abstütze. Ein sanftes, koordiniertes Absenken klappt nicht, eher ein plumpes Fallenlassen.

In der Zeitung zu blättern oder gar gezielt eine Seite aufzuschlagen, geht praktisch gar nicht – es ist ein reines Lotteriespiel, weil die Haptik durch die Handschuhe erschwert wird. Irgendwie ist mir das jetzt auch egal, weil ich mit der Brille ohnehin kaum etwas erkennen kann. Die Einstellung „Grüner Star“ zeigt mir nur verwaschene Bilder einer ursprünglich glasklaren Realität.

Zuletzt kommt der Tremorsimulator ins Spiel. Die Aufgabe ist simpel: aus einem halb mit Wasser gefüllten Glas trinken. Mit zittriger Hand will das nicht gelingen. Die Koordination fällt schwer. Schließlich schaffe ich es, auch wenn ich viel verschütte: ein vorsichtiges Schlückchen – und dann schnell weg mit dem lästigen Trinkgefäß.

Mein Fazit: Die gewohnten Bewegungsabläufe werden im Alter beschwerlich und anstrengend. Der Geist ist willig, aber der Körper streikt. Eins hab ich mir vorgenommen: Angesichts von Senioren nicht gleich ungeduldig zu werden, sondern ein wenig mehr Gelassenheit und Hilfsbereitschaft zu üben.

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