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Dienstag, 12. Dezember 2017

Ökonomie

Schwieriges Einmaleins

Von Hans-Christoph Neidlein | 2. November 2017 | Ausgabe 44

Die Berechnung der Kosten des Klimawandels ist komplex und stößt an Grenzen. Vor allem dann, wenn es um dessen gesellschaftliche Auswirkungen geht. Dies machte die Konferenz „Impacts World“ in Potsdam deutlich.

w - Kosten Klimawandel BU
Foto: Reuters/Adrees Latif

Naturkatastrophen kosten viel Geld, ihnen vorzubeugen auch. Was sich wirklich lohnt zu unternehmen, um die Folgen zu mildern, muss oft erst noch berechnet werden.

Die Kausalität zwischen Emissionen und Temperaturveränderungen ist ziemlich gut verstanden. „Es gibt in der internationalen Forschergemeinschaft praktisch niemanden mehr, der bestreitet, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist. Das gibt uns auch die Möglichkeit den Erwärmungsprozess aufzuhalten“, sagt Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Weitaus verzwickter und komplexer ist die Bestimmung der Kosten der Auswirkungen des Klimawandels. Dessen wahren Kosten besser auf die Spur zu kommen, hat sich die Konferenz „Impacts World“ Mitte Oktober in Potsdam auf die Fahne geschrieben, an der über 500 Wissenschaftler aus aller Welt teilnahmen.

„Wenn es um die Kosten des Klimawandels geht, fragen die Menschen zu oft nur nach absoluten Zahlen, in Dollars oder als Prozent des Bruttosozialprodukts. Diese Konferenz aber fordert eine umfassendere Abschätzung der Folgen und schaut auf vielfältige Dimensionen wie Armut oder Ungleichheit“, spannte Stéphane Hallegatte, Chefökonom der Global Facility for Disaster Reduction and Recovery (GFDRR) der Weltbank, den Bogen.

Einfache Formeln zur Bestimmung der gesellschaftlichen Kosten des Klimawandels konnte allerdings auch die dreitägige Veranstaltung nicht liefern. „Wir sind schon ganz gut darin, die biophysikalischen Folgen des Klimawandels wie Starkregen, Stürme, überflutete Flächen und die Häufigkeit von Dürren zu beschreiben“, sagte Frieler. Auch könne man dies quantifizieren und sagen, wie viele Menschen davon betroffen seien. Der schwierige Schritt sei dann allerdings, zu bestimmen, wie sich die Wettereignisse konkret auf ganze Gesellschaften auswirken, so die promovierte Mathematikerin.

So werden nach Erhebungen des Internal Displacement Monitoring Center (IDMC) derzeit im Durchschnitt 25 Mio. Menschen pro Jahr weltweit von Naturkatastrophen vertrieben. Der weitaus größte Anteil (86 %) davon geht auf Wetterextreme zurück.

Wie die Betroffenen dann jedoch damit fertig werden, ob sie es schaffen, für sich und ihre Kinder wieder anderswo eine Existenz aufzubauen oder wieder in ihre alte Heimat zurückzukehren – all das lässt sich nur schwer vorhersagen und quantifizieren. Weitere wichtige Fragen sind, ob die Menschen Gesundheitsschäden davontragen und ob es zu lokalen Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen kommt – oder eben nicht.

„Die Wissenschaft zeigt, dass die aktive Begrenzung der globalen Erwärmung viel billiger ist, als einfach nichts zu tun. Nichtstun würde uns am Ende ein Vielfaches der rund 2 % der globalen Wirtschaftsleistung kosten, die wir für die Klimastabilisierung aufbringen müssten“, sagt Hermann Lotze-Campen, Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am PIK. „In diesen Abschätzungen werden jedoch Kosten für Gesundheitsschäden und zusätzliche Todesfälle, von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, und potenzieller Massenmigration und nicht zuletzt die Kosten von anhaltender Armut noch gar nicht berücksichtigt.“

Unbestritten ist, dass die Folgen des Klimawandels vor allem die Ärmsten treffen, meist in südlichen Regionen. „Naturkatastrophen halten oder bringen derzeit jährlich rund 26 Mio. Menschen in Armut“, so Hallegate. Bis zum Jahr 2030 rechnet die Weltbank mit einem Anstieg auf über 100 Mio. Menschen, wenn keine entsprechenden Gegenmaßnahmen getroffen werden.

Das Bruttosozialprodukt (BIP) ist hierbei allerdings ein lückenhafter Indikator für die Quantifizierung der Auswirkungen des Klimawandels auf Gesellschaften und Menschen, unterstreicht der GFDRR-Chefökonom. Abgesehen davon, dass das BIP nicht alle Aspekte des menschlichen Wohlbefindens und von Lebensqualität abdecke, gebe es enorme Unterschiede in der Wirtschaftskraft. So trifft selbst ein nur geringer Rückgang des BIP Menschen und Gesellschaften, die eh nur wenig haben, mehr als Reichere.

Dies gilt vor allem für das südliche Afrika, das nur 3 % zum weltweiten Bruttosozialprodukt beiträgt, jedoch besonders vom Klimawandel betroffen ist. „Das BIP ist nicht das Maß aller Dinge, auch nicht bei der Bestimmung der Klimafolgenkosten“, bringt es Frieler auf den Punkt.

Es gibt enorme Unterschiede in den Kostenschätzungen des Klimawandels innerhalb ökonomischer Modellrechnungen und in empirischen Abschätzungen. Entsprechend einem empirischen Ansatz reduziert sich das weltweite BIP bis zum Jahr 2100 durch die Klimafolgen um rund 23 %, falls nicht gegengesteuert wird. „Hierbei wurde geschaut, wie das BIP bisher mit Temperaturschwankungen korreliert, und dieser Wert wurde dann in die Zukunft fortgeschrieben“, erklärt Frieler.

Andere ökonomische Modellrechnungen veranschlagen, dass das BIP wegen des Klimawandels bis zur nächsten Jahrhundertwende um 5 % bis 10 % zurückgeht. Hierbei seien jedoch sehr vereinfachende Annahmen gemacht worden, erklärt die Mathematikerin. Meist nicht ausreichend berücksichtigt seien hierbei die Auswirkungen zunehmender Extremereignisse, etwa klimaverursachter Epidemien. „Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass die tatsächlichen Kosten des Klimawandels höher sind, als unsere bisherigen Prognosemodelle zeigen“, betont Frieler.

Um die Kostenberechnung des Klimawandels voranzubringen, hält sie vor allem eine noch stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Naturwissenschaftlern, Ökonomen und Sozialwissenschaftlern für nötig. Den Wert eines Menschenlebens ökonomisch zu bestimmen, wird jedoch nie klappen, so ein Fazit der „Impacts World“. Dies wird auch in Zukunft eine ethische Frage bleiben.

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