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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Arbeit

Selbstorganisierte Minifabriken

Von Sascha Stowasser | 6. April 2017 | Ausgabe 14

Die perfekte Fabrik gibt es nicht. Aber Ideen, wie sie aussehen könnte. Wir haben vier Experten gebeten, ihr Idealbild einer Fabrik zu zeichnen, und zwar: bezogen auf ihr jeweiliges Fachgebiet und losgelöst von Randbedingungen, insbesondere Kosten. Die perfekte Fabrik vertraut auf die Mündigkeit der Beschäftigten, sagt Sascha Stowasser.

Mensch Puzzle
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/duplass/Pavel Konovalov/VDIn
Foto: Ulrich Zillmann

Sascha Stowasser: Der Arbeitsforscher sieht in der Industrie 4.0 große Chancen für die Beschäftigten.

In der perfekten Fabrik wird die menschliche Arbeit erstens flexibler, zweitens digitaler und drittens gesünder. Zum Glück rücken wir ihr durch die Entwicklungen der Industrie 4.0 näher. Warum?

Die industriellen Revolutionen der Vergangenheit hatten zur Folge, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter in ein starres Korsett gezwängt wurden. Ich glaube, diesmal wird das Gegenteil der Fall sein. Denn die Flexibilisierung der Produktion – und damit der Arbeit – ist das Kerncharakteristikum der Industrie 4.0.

Das betrifft zunächst die Arbeitszeitmodelle. Die Produktionsverantwortlichen und die Mitarbeiter regeln die Schichtplanung in Zukunft per App.

Wie weit das gehen kann, lässt sich schon in einigen Werken sehen, wo die Arbeiter untereinander Absprachen treffen können. Der eine möchte am Mittwoch zwei Stunden früher gehen, die andere springt ein. Das bedeutet, dass in der perfekten Fabrik die Mündigkeit der Beschäftigten eine viel wichtigere Rolle spielt als in heutigen Fabriken.

Die Starrheit wird auch in der Produktion aufgelöst. Dort entstehen kleine Produktionsinseln, die idealerweise von den Mitarbeitern und einer Führungskraft selbst organisiert werden. Diese Inseln ersetzen die Montagelinien, die sich aus Henry Fords Zeiten bis heute gehalten haben.

Die Extremform dieser Entwicklung ist die selbstorganisierte Minifabrik. Ich vermute, dass diese wieder in die Nähe der Wohngegenden rückt, allein schon um die Pendelwege der Beschäftigten zu verkürzen. Diese Form der Produktion ist von Start-ups inspiriert, aber ich gehe davon aus, dass sich auch die großen Unternehmen in diese Richtung entwickeln werden, wenn auch vielleicht nicht gleich die Automobilkonzerne.

Warum glaube ich an Fertigungsinseln und in der Konsequenz Minifabriken? Weil sie notwendig sein werden. Erstens würde diese Form der Fertigungsorganisation den Unternehmen einen Wunsch erfüllen: wieder näher an die lokalen Märkte heranzurücken. Zweitens könnten wir die Komplexität zentraler Fabriken schon bald nicht mehr beherrschen, weil es zu viele Varianten der Produkte geben wird. Auch in Zukunft werden Unternehmen ihre Produktion zentral planen, ohne Zweifel, aber die Produktionseinheiten müssen kleiner werden und näher an die Kunden heranrücken.

 Beispiel Adidas: In seinen Speedfactories will das Unternehmen auf Basis neuester Technologien aus Robotik und Kunststoffverarbeitung lokal kundenindividualisiert fertigen. Warum? Lieferzeiten entfallen. Heute bestellt, morgen in der Post. So könnte es in 20 Jahren vielfach aussehen. Der Einfluss des Kunden auf die Produktgestalt steigt; die Zahl der Varianten wächst ins Unermessliche.

Interessanterweise dürften die Monteure von der Vielfalt weniger überfordert sein als die IT-Systeme. Digitale Handbücher, Datenbrillen und andere Assistenzsysteme sorgen für steile Lernkurven und geringe Fehlerquoten.

Ich habe gesagt, dass die Arbeit in der perfekten Fabrik gesünder ist. Das muss sie sein, da die Arbeiter in einer alternden Gesellschaft ebenfalls im Mittel älter werden. Sie erhalten kollaborierende Roboter an die Seite, sogenannte Cobots, die anstrengende, monotone Arbeiten übernehmen. Bei besonders unergonomischen Tätigkeiten werden die Arbeiter von Exoskeletten unterstützt.

Nun noch ein Wort der Warnung, auch die perfekte Fabrik hat nicht nur positive Seiten. Mit dem Digitalisierungsgrad steigt die Abhängigkeit. Wer findet heute schon noch ohne Navigationsgerät ans Ziel? Auf die Fabrik übertragen heißt das: Wer sich einmal an digitale Helfer gewöhnt, kommt nicht mehr ohne sie aus. Der Verlust der Eigenständigkeit muss aber begrenzt werden. Spätestens, wenn Künstliche Intelligenz Entscheidungen auch zum Nachteil des Menschen treffen kann.

Der Arbeitswissenschaftler Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser ist Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa) in Düsseldorf.

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