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Montag, 11. Dezember 2017

Doping

„Sie lügen immer noch“

Von Wolfgang Schmitz | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Werner Franke gibt nicht klein bei. Die Tour de France liege in den Händen von Kriminellen, meint der Doping-Kritiker.

VDI nachrichten: Wird die Tour de France eine „saubere“ Veranstaltung?

Franke: Da sie in den Händen von Kriminellen war und zu einem großen Teil wohl auch noch immer ist, wohl kaum.

Werner Franke

Wieso Kriminelle?

Foto: DKFZ

Werner Franke: „In Deutschland herrscht Spitzensport-Scheinheiligkeit.“

Nach einem Urteil des BGH vom 9. Februar 2000 handelt es sich bei der Verabreichung von hormonellen Dopingmitteln um „Körperverletzung“ bzw. „Beihilfe“. Das ist bei älteren Fahrern genauso der Fall wie bei Minderjährigen. Daran ändert auch die „Risikoaufklärung“ durch halbgebildete Sportmediziner nichts. So sind einige der besonders verheerenden Herzschäden – häufig mit Todesfolge –, die oft erst Jahre später auftreten, in ihrer Ursache erst seit etwa 1994 bekannt.

Wieso erst seit 1994?

Weil die Moleküle, die mit erstaunlich häufigen Mutationen betroffen sind, erst ab jenem Jahr in meinem Labor entdeckt, sequenziert, charakterisiert und damit nachweisbar gemacht worden waren: Plakophilin 2, Desmoglein 2 und viele andere, insgesamt sechs von sieben heute dafür bekannten ursächlichen Strukturmolekülen.

Gehen Sie mit dem Vorwurf, dass bestimmte „Betreuer“ kriminell sind, nicht zu weit?

Nein, das sind Verbrecher, das sage ich denen auch ins Gesicht. Generell sind Sportler der Fürsorge und Obhut ihrer Trainer, Sportmediziner und Funktionäre als „Schutzbefohlene“ anvertraut. Wenn diese hormonelle Dopingmittel geben oder die ärztlich nicht indizierte Verabreichung dulden und fördern, bringen sie Menschen in Todesgefahr oder nehmen andere schwere Schädigungen in Kauf. § 225 StGB sieht dafür mehr als ein Jahr Freiheitsstrafe vor.

Aber das Anti-Doping-Gesetz wurde doch in diesem Jahr noch einmal überarbeitet.

Ein volksbetrügerischer Witz: Spätestens seit dem Prozess gegen den Tour-de-France-Fahrer Stefan Schumacher vor dem Landgericht Stuttgart im Herbst 2013, bei dem er vom Vorwurf des Betruges freigesprochen wurde, ist allen Denkenden klar, wie man hier Verurteilungen vermeidet: Der Fahrer weiß nicht, was er bekommen hat. Er kann es wenigstens behaupten. Sein Arzt, für mich der eigentliche Täter, war früher Assistent des Freiburger Doping-Professors Joseph Keul. Ernst Jakob hat sich wie alle anderen beteiligten Ärzte „auf sein Auskunftsverweigerungsrecht gemäß § 55 StPO berufen“. Das steht so im Urteil. Das haben bei dem Prozess alle anderen Gerolsteiner-Sportmediziner praktisch auch getan. Alle Beteiligten wussten, wer im Ärzteteam Schumacher die Dopingmittel verabreicht hat: der italienische Kurzvertrags-Doper Giuliano Peruzzi. Der wurde aber nicht einmal als Zeuge geladen. Ein auch gerichtlich total korruptes System.

Gehen die Medien angemessen mit dem Thema Doping um?

Nein. Da hilft auch das WDR-Doping-Office in Köln nichts, das durch Hajo Seppelts Nachweise russischer Dopingpraktiken berühmt geworden ist, aber über deutsches Doping wird, selbst wenn es zu Todesfolgen führt, nicht berichtet. Fertiggestellte Sendungen werden nicht ausgestrahlt. Etwa der Beitrag über den plötzlichen Kardiomyopathie-Herztod der früheren Schwimmweltrekordlerin Christel Justen. Dann wäre da noch die hochgedopte Kristin Otto vom ZDF, die bei den Olympischen Spielen sechsmal Gold gewann. Sie kritisierte 2016 bei den Spielen in Rio öffentlich russische Schwimmerinnen, die gedopt waren: deutsche Spitzensport-Scheinheiligkeit!

Wie gehen ehemalige Radsportler und Mediziner heute mit den Vorwürfen um?

Sie lügen immer noch, auch vor Gericht. Etwa Georg Huber von der Universität Freiburg, der auf meine Strafanzeige hin zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Oder der Radrennfahrer und Rekordlügner Jan Ullrich, der behauptet, er kenne Eufemiano Fuentes nicht. Jenen spanischen Arzt, der ihm mehrfach Blutmengen entnahm oder reinfundierte. Da sage noch einer, Spitzensportler taugten als Vorbild für unsere Jugendlichen.

Welche Substanzen sind aktuell begehrte Dopingmittel?

Es werden immer noch am meisten androgene Steroide und Epo-Varianten oder Epo-Mimetica genommen.

Sind die Fahnder den Sündern nähergekommen bzw. wie schnell lässt sich ein Verdacht überhaupt mit Labormethoden erhärten?

Wenn man wollte, könnte man vieles früher und mehr finden: Erst jetzt sind die chemischen Bestimmungen der Urinproben der Olympischen Spiele 2008 in Peking bekannt gegeben worden. 44 Medaillen mussten aberkannt werden. Werden acht Jahre später die Medaillen-Siegerehrungen nachgeholt? Mit Fernsehübertragung? Natürlich nicht.

Welche Schwierigkeiten stellen sich heute den Dopingfahndern?

Zum einen hemmen mangelnde Kenntnisse, zum anderen die Korruption der Sportverbände die Aufklärung. So stecken der Dauerdoper Lance Armstrong und der internationale Radsport-Verband unter einer Decke: Dopingverdecken gegen Geld. Womit wir wieder beim kriminellen Handeln wären.

 Schauen Sie sich die Tour im Fernsehen an?

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