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Montag, 11. Dezember 2017

Mobilfunk

„Über 35 % unserer Wertschöpfung kommen aus Europa“

Von Regine Bönsch | 23. Februar 2017 | Ausgabe 08

Vincent Pang, Westeuropa-Chef des chinesischen Netzausrüsters Huawei, über die mobile Zukunft, die Herausforderungen der Cybersicherheit und die wichtige Rolle europäischer Zulieferer.

BU Peng
Foto: Huawei

Vincent Pang, Westeuropa-Chef von Huawei: „Es ist viel wichtiger, einen großen Kuchen gemeinsam zu kreieren, als dass alle sich um die Stücke eines kleinen Kuchens streiten.“

VDI nachrichten: Huawei stellt Mobilfunk-Infrastruktur her, aber auch Endgeräte wie Smartphones. Wenn Sie ein Bild von mobilen Zukunftstechnologien in zehn Jahren malen könnten, wie sehe das aus?

Vincent Pang: Ich glaube, dass niemand voraussehen kann, was in zehn Jahren ist. Schon allein in den nächsten fünf Jahren wird sich unendlich viel verändern. Aber eines ist klar: Künstliche Intelligenz und virtuelle Realität werden in den kommerziellen Betrieb übergehen.

Vincent (Bo) Pang

Was machen Menschen mit diesen Techniken?

Virtuelle Realitäten werden in unterschiedlichen Industrien eingesetzt, wie der Tourismusbranche, Gaming, Social Media, aber auch der Produktion. Das wächst mit den Fähigkeiten der Infrastruktur. Was wir heute zu Hause beispielsweise von der Deutschen Telekom an Bandbreite erhalten, sind im Schnitt 10 Mbit/s. Künftig können wir mit 5G bis zu 1 Gbit/s offerieren – das heißt, wir haben bis zu 100-fache Kapazität. Damit können wir Videokonferenzen und Filme übertragen, aber auch 3-D übers Smartphone, was über holografische Projektionen sehr real wirkt. Der Datenverkehr hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verhundertfacht, und er wird sich in den kommenden fünf Jahren weiter verhundertfachen.

Gibt es schon genügend Ideen für den Einsatz von 5G oder werden wir erst die Technik haben und dann nach Anwendungen suchen?

Die Ideen für Anwendungen sind da. In der Logistik, aber auch in der Automobilindustrie. Und wir testen sie schon – wie beispielsweise die Kommunikation zwischen Fahrzeugen oder die zwischen Automobilen und der Cloud.

Huawei Technologies

Bei der Standardisierung arbeiten Sie viel mit Ihren Konkurrenten zusammen. Mit Ericsson, mit Nokia – wann beginnt der Wettbewerb?

Der ist jeden Tag da. Aber das hindert uns nicht an Kooperationen. Wir alle sind in Deutschland, Europa, China und der ganzen Welt unterwegs. Wenn wir wirklich eine bessere Technik haben wollen, dann verlangt das weltweite Standards.

Die US-Amerikaner wittern hinter chinesischer Netztechnik immer auch Spionagetechnik. Was entgegnen Sie all denen, die das denken?

Wir stellen die Pipe zur Verfügung – eine Leitung, die dann ausschließlich in der Hand des jeweiligen Netzbetreibers liegt, das kann ein Telekommunikationsunternehmen oder eine Regierung sein. Wir haben da nichts zu verstecken. Bei uns gibt es keine Hintertüren. Wir haben beispielsweise in Großbritannien ein Cybersicherheits-Evaluierungszentrum gemeinsam mit der dortigen Regierung in Betrieb genommen und legen dafür unseren gesamten Quellcode offen.

Cybersicherheit ist eine riesige gemeinsame Herausforderung für die gesamte Industrie, die Politik und den Nutzer. Im Zuge der zunehmenden Vernetzung von Menschen und Maschinen werden Datenschutz und Datensicherheit immer wichtiger. Aber im Sinne von Big Data stehen auch immer mehr Daten zur Verfügung, die, wenn sie zu Smart Data werden, ein großes wirtschaftliches Potenzial entfalten können. Wir als Huawei haben jedoch eine andere Strategie. Das Analysieren der Daten überlassen wir Unternehmen, deren Geschäftsmodell sich darauf konzentriert, beispielsweise Suchmaschinen oder sozialen Medien. In unserer Cloud-Partnerschaft mit der Deutschen Telekom etwa stellen wir für die Public Cloud nur die Infrastruktur zur Verfügung. Verantwortlich für den Umfang der Datenverarbeitung ist dann die Telekom, die auch konkrete Vereinbarungen mit den Kunden über die zu erbringenden Rechenleistungen trifft.

Huawei ist stolz auf seine weltweiten Zulieferer. Wer ist das eigentlich hierzulande?

Mehr als 35 % unserer Wertschöpfung kommen aus Europa. Wir haben hier viele Zulieferer. Und der Anteil wächst jedes Jahr um 15 %. Das fing beim britischen Chiphersteller ARM an, der allerdings gerade von der japanischen Softbank gekauft wurde. DHL ist ein großer Logistikpartner von uns. Wir arbeiten aber auch mit Infineon und vielen anderen zusammen.

Mit Leica haben wir eine Kooperation der ganz besonderen Art. Wir haben eine langfristig angelegte Technologiepartnerschaft, aus der gemeinsame Produkte wie das Smartphone P9 und Mate 9 entstanden sind. Aber wir haben auch ein gemeinsames Innovationslabor in Wetzlar gegründet, das sich speziell der Forschung und Entwicklung in den Bereichen neue optische Systeme, digitale Bildbearbeitung, Virtual Reality und Augmented Reality widmet. Also Anwendungen im professionellen und industriellen Umfeld.

Das ist ein gutes Stichwort: Mit wem arbeiten Sie in Sachen Industrie 4.0 zusammen?

Wir kooperieren bei industriellen Themen beispielsweise mit Kuka, Daimler, Volkswagen und BMW. Mit den Automobilherstellern arbeiten wir am autonomen Fahren, der Maschinenkommunikation und vielem mehr. Und das tun wir wiederum mit verschiedenen Partnern wie Vodafone, der Telekom und anderen. Dabei geht es um Speicher, um die Cloud und mehr.

Mit SAP verkaufen wir gemeinsam Lösungen in die ganze Welt – nach Afrika, Lateinamerika und Asien. Wir haben außerdem jede Menge Forschungskooperationen, die wir aber nicht nennen dürfen. Und natürlich arbeiten wir in Sachen Industrie 4.0 bei allen großen Thinktanks mit – wir sind Mitglied der Acatec ebenso wie der Plattform Industrie 4.0.

Um es kurz zu sagen: Wir wollen Europa nicht nur Basisstationen bringen und hier Umsätze generieren. Wir wollen hier mit Partnern zusammenarbeiten und Innovationen für alle Industrien vorantreiben. Dafür haben wir 175 Offices über die ganze Welt verteilt.

Was macht Europa für Sie so interessant?

Zunächst gibt es in Europa sehr starke Forschungs- und Entwicklungsfähigkeiten – es geht also darum, Innovationen in die Welt zu bringen. Außerdem hat Europa die stärksten Industrien – vom Maschinenbau über die Energie und Logistik bis hin zur Automobilindustrie. Da ist dieser Kontinent aus unserer Perspektive noch stärker als China oder die USA. Wenn wir also an das Internet der Dinge oder an das autonome Fahren denken, dann sind wir hier genau richtig. Umgekehrt kann Europa von unserer Telekommunikationsexpertise profitieren.

Menschen auf der Straße denken bei Huawei mittlerweile immer an Smartphones. Ist es nötig als ein Netzwerkspezialist, auch Konsumgeräte im Programm zu haben?

Das stärkt die Marke. Und es werden immer mehr Berührungspunkte. Schon heute können Sie auf vielen Settop-Boxen unterschiedlicher Netzbetreiber hinten „Huawei Technologies“ lesen. Wir haben immer gesagt: Bevor Sie unseren Namen kennen, sind wir schon seit vielen Jahren bei Ihnen zu Hause.

Wie wichtig ist für Sie das Geschäft als Netzwerkausrüster mit Mobilfunkunternehmen wie der Telekom oder Vodafone?

Das macht mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus – inklusive Festnetztechnologien.

Wie hart ist dabei der Kampf zwischen den großen dreien – Ericsson, Nokia und Huawei?

Ericsson und Nokia sind immer noch größer als wir in diesem Bereich. Wir respektieren beide zum einen als gute Wettbewerber. Zum anderen arbeiten wir aber auch gut zusammen. Ich sage immer: Einen großen Kuchen gemeinsam zu kreieren, ist viel wichtiger, als dass alle sich um die Stücke eines kleinen Kuchen streiten. Deshalb schaffen wir ein großes Ökosystem für ganz viele. Unsere Industrie war noch nie so wichtig wie heute – für Privatkunden, aber auch für die verschiedenen Industriezweige. In den nächsten Jahren wird sich unser Arbeitsleben, unser soziales Leben, unsere Welt dramatisch verändern.

Der große Kuchen? Macht er die Welt besser?

Ja, Technologie und Innovation werden unser Leben immer weiter verbessern. Davon bin ich fest überzeugt.

Herr Pang, Sie behaupten, dass Mitarbeiter bei Huawei so gut sind, weil Ihnen die Firma gehört. Wie viel Prozent von Huawei gehören Ihnen?

Um ehrlich zu sein: Ich weiß es nicht. Wir haben über 180 000 Mitarbeiter, davon halten ca. 80 000 Anteile am Unternehmen, und derjenige mit dem größten Anteil hält 1,4 % – das ist unser Gründer. Bei anderen Unternehmen sind das meist mehr als 51 %, damit die Gründer die Firma kontrollieren können. Aber unser CEO, Ren Zhengfei, hat entschieden, viele Mitarbeiter zu beteiligen.

Wer bekommt denn Anteile?

Das hängt von dem Beitrag für die Firma und vom Erfolg ab. Da wird immer wieder neu entschieden. Aber sie werden weltweit selten eine Firma von dieser Größe finden, die zu 100 % den Angestellten gehört. Wir haben keinen anderen Anteilseigner.

Ist Huawei daher nicht an den Börsen gelistet?

Zu Beginn war das der Grund. Zu der Zeit hatte die Börse in China die Vorschrift, dass keine Firma dort gelistet sein kann, die mehr als 200 Anteilseigener hat. Später stellten wir fest, dass wir das nicht brauchen. Wir sind anders. Seit 20 Jahren haben wir dasselbe Topmanagement. Und auch unsere Strategie hat sich nicht geändert. Wir wollen keine kurzfristigen Strategien, wie sie der Blick auf den bloßen Börsenwert häufig mit sich bringt.

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