Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Donnerstag, 21. September 2017, Ausgabe Nr. 38

Städtebau

Von der Steinwüste zur Oase

Von Fabian Kurmann | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Viele Stadtbewohner träumen vom Garten oder wenigstens grünen Balkon. Meist bleibt das ein Traum. Dabei gibt es viele Möglichkeiten zur Stadtbegrünung, die durchaus erschwinglich sind.

Gartenstadt BU
Foto: lllustration: Stefano Boeri Architetti

Einen vertikalen Wald hat mitten in der chinesischen Megacity Nanjing das Architektenbüro Stefan Boeri geplant. In Mailand wurde er bereits Realität.

Bis zu 20-stöckige Wohnsilos ragen an der achtspurigen Stadtautobahn empor. Mauern und grauer Beton, wohin man schaut. Wer hier Grünes sucht, findet es höchstens in einem kleinen Riss im Asphalt – aus dem vielleicht ein zartes Pflänzchen vorsichtig gen Himmel sprießt. Es könnte das Ergebnis von Guerilla Gardening sein, der heimlichen Aussaat von Pflanzensamen. Die Bewegung findet immer mehr Anhänger, die den tristen Betonwüsten etwas Leben einhauchen wollen.

Wissenswertes zur Gartenstadt

Dabei wären mehr Pflanzen so wichtig für die Gesundheit der Stadtbewohner. Sie filtern Schadstoffe und regulieren Luftfeuchte und Temperatur. Dennoch sind sie in den meisten Metropolen Mangelware. Teils geht das auf städteplanerische Sünden aus der Vergangenheit zurück, teils schlicht auf den Wunsch der Eigentümer nach pflegeleichten Flächen.

Das traurige Bild spiegelt sich in mancher Großstadt wider, die die Menschen aus dem Umland in Scharen anlockt. Das Job- und Kulturangebot ist gut, die Wege sind kurz. Doch es fehlt an Unterkünften. Der Bedarf an neuen Wohnungen wird auf 350 000 bis 400 000 pro Jahr geschätzt. „Das kann eigentlich nur durch Neubau und Nachverdichtung gedeckt werden, was zu Lasten von Grün- und Freiflächen geht“, sagt Juliane Wagner vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Als Leiterin des Projekts „Grün in der Stadt“ sucht sie im Referat Städtebauförderung nach Auswegen aus dem Dilemma.

Neu sind die negativen Folgen einer rasanten Bautätigkeit für die Lebensqualität der Bewohner nicht. Schon im Zuge der Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Arbeiter in den Quartieren oft regelrecht zusammengepfercht, die direkt neben den Fabriken lagen. Damals gab es noch kein Städtebaurecht, höchstens baupolizeiliche Vorgaben. „Das hat zu der lebensfeindlichen Situation beigetragen“, weiß Bastian Wahler-Zak, Referent in der BBSR-Projektgruppe Zukunftsinvestitionsprogramm.

Als Alternativmodell zu den überfüllten Mietskasernen entwickelte 1898 der britische Stadtplaner Ebenezer Howard die Gartenstadt (s. Kasten). In der Nähe einer Metropole neu angelegt, sollte sie den Menschen ein lebenswertes Umfeld mit guter Luft und genügend Vegetation bieten. Doch ein solcher Howardscher Reißbrettentwurf wäre heute nicht mehr zeitgemäß: „In Deutschland ist das utopisch“, meint Juliane Wagner. Man müsse vielmehr den Bestand entwickeln, führt Kollege Wahler-Zak aus.

Gemeinsam mit zahlreichen Experten haben die beiden Forscher überlegt, wie eine Gartenstadt im 21. Jahrhundert aussehen könnte. Energieversorgung, Infrastruktur, Sozialstruktur und Architektur – all das sollte sich dabei vernetzen. „Die Gartenstadt21 ist also nicht abgeschottet, sondern ein offenes System“, so Wahler-Zak. Zudem spielen die Bezahlbarkeit der Wohnungen sowie Grün- und Freiflächen eine wichtige Rolle.

Howards Entwurf, wie auch seine moderne Neuauflage berücksichtigen zudem die soziale Teilhabe. „Es muss die Möglichkeit geschaffen werden, dass sich jeder irgendwie in die Stadt einbringen kann“, so Wahler-Zak. Nur Häuser mit großzügigen Grünflächen zu konzipieren, gehe komplett am Kern der Idee vorbei. Eine Idylle am Stadtrand reiche also nicht.

Zum genossenschaftlich orientierten Konzept des britischen Stadtplaners gehörte, dass alles, was die Bewohner erwirtschaften, in den Erhalt und die Pflege der Gartenstadt zurückfließt. Die Flächen sollten zudem im Eigentum der Gemeinschaft bleiben. Das sei auch heute wichtig, um sich vor Bodenspekulation zu schützen, sagt Wahler-Zak.

Da aber ist die Politik gefragt. Die Bundesregierung hat erkannt, dass sie einiges ändern muss. Ein neuer Akzent im Städtebau ist die Förderung von hochwertigen Grünflächen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat soeben 50 Mio. € für städtisches Grün bewilligt. Und am 8. Mai erscheint das Weißbuch „Grün in der Stadt“, mit dem der Bund mehr Forschung fördern und Maßnahmen wie die Dach- und Wandbegrünung bei Bundesbauten prüfen will.

Lassen sich versiegelte Metropolen denn überhaupt noch begrünen? „Selbstverständlich kann man eine Stadt aus dem Bestand heraus grüner machen“, ist Architektin Claudia Breen überzeugt. Nur dürfe man eben nicht auf Entscheidungen aus der Politik warten. Viel besser gelinge dies von unten – als Bürgerinitiative.

In den Niederlanden gebe es gute Beispiele dafür, wie mit geringen Mitteln, dafür aber mit umso mehr Herzblut und Engagement, viel frisches Grün auch mitten in der Stadt gedeihen kann. Hier spricht die Gastdozentin von der TU Delft aus eigener Erfahrung, denn Breen unterstützt selbst mit Spaten und Gartenschere bewaffnet das Projekt „Proeftuin“ der Stiftung Groenkracht.

 „Angefangen hat alles vor zwei Jahren nahe dem Hauptbahnhof von Delft“, berichtet sie. Weil die gesamte Bahntrasse in diesem Bereich unter die Erde verlegt werden sollte, war ein kleines Gewerbegebiet frei geworden. Die Fläche von 0,5 ha Größe stellte die Gemeinde den Anwohnern zur Verfügung, um ein nachbarschaftliches Gartenprojekt zu realisieren. Hier können sie entweder ein eigenes Gemüsebeet bestellen oder bei der Pflege der Gemeinschaftsflächen helfen. Finanziert wird das Ganze durch Ernteabonnements für jene, die sich mit frischem Obst und Gemüse versorgen wollen, aber vielleicht nicht die Zeit oder den grünen Daumen besitzen, um sich tatkräftig an der Arbeit zu beteiligen.

„Es ist fantastisch mitzuerleben, wie schnell sich die ehemals triste Industriebrache in eine grüne Oase verwandelte“, freut sich Breen. Zudem sind sich die Beteiligten durch das gemeinschaftliche Gärtnern auch sozial näher gekommen. Man trifft sich auf einen Plausch oder hilft bei der Ernte der Feldfrüchte. Leider ist das Projekt auf dreieinhalb Jahre befristet. Vielleicht schon zum Ende des Jahres wird die Stadt Delft einen Teil der begehrten Fläche in Bahnhofsnähe für eine künftige Bebauung zurückfordern.

Auch mit anderen Begrünungsinitiativen können unsere Nachbarn im Westen aufwarten. So wollte Delft die Pflege eines Parks in einer sozial schwachen Gegend aufgeben. Bevor die Fläche einfach versiegelt wurde, sprang kurzerhand die Stiftung „Ad Naturam“ ein, die quer durch die Niederlande mit Grünprojekten am Start ist. Mit ihren Plänen, die Fläche in einen Nachbarschaftsgarten zu verwandeln, stieß sie auf große Begeisterung bei den Anwohnern. Die Rabatten sind bereits angelegt, die Aussaat von Kräutern und Gemüse in Eigenregie kann starten.

Es muss aber nicht immer Grund und Boden für eine urbane Begrünung bereitgestellt werden. Dächer und Fassaden bieten genug Raum und Halt für Nutzpflanzen, Blumen oder gar Bäume. Viel Erfahrung mit solchen vertikalen Gärten hat Maximilian Lössl. Diese seien aus dicht besiedelten Städten nicht mehr wegzudenken, sagt der Mitbegründer der gemeinnützigen Vereinigung Association for Vertical Farming. „Die Möglichkeit, das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse zu produzieren, kann nicht nur regional, sondern sogar global zu mehr Stabilität führen.“ Selbstversorgung hat also weitreichende Effekte.

Die erste kommerzielle Dachfarm der Megacity Singapur hat übrigens die Firma Comcrop entwickelt. Auf den Dächern der Wolkenkratzer im dicht bebauten Stadtstaat arbeitet sie mit platzsparenden doppelten Hydrokultursystemen. Der Clou daran: Die Pflanzen stecken in treppenartig angelegten Rohrsystemen, durch die Wasser zirkuliert, das mit einem Fischteich verbunden ist. So wird das Gemüse mit dem Fischkot gedüngt. Auf Chemie könne man verzichten, erklärt Keith Loh, Geschäftsführer von Comcrop. Zwar wächst nicht jede Nahrungspflanze in Aquakultur. Blattgemüse, Kräuter, Paprika, Tomaten und Gurken aber gedeihen hervorragend.

Mit Fassadenbegrünung befasst sich auch Norbert Kloeters, Professor für Landschaftsplanung an der FH Aachen. Immer häufiger beobachtet er, dass Pflanzen mit viel technischer Finesse etwa für die Wasserzuführung oder die künstliche Düngung an den Wänden hochgezogen werden. „Solche Lösungen halten wir selten für angemessen.“ Die Pflanzungen erforderten oft einen immensen technologischen Einsatz.

Foto: Visioverdis GmbH/Gustavo Alàbiso

Dieser Baum wächst bereits seit drei Jahren waagerecht an der Wand. Möglich wird das durch langsame Drehung seines Pflanzkübels – in diesem Falle einer Waschmaschinentrommel.

Das Stuttgarter Start-up Visioverdis scheut solchen Aufwand nicht. Gründerin Alina Schick entwickelt Bäume, die sogar waagerecht an Hauswänden wachsen. Damit diese Graviplants sich nicht sofort ihrer Natur gemäß nach oben krümmen, müssen sie regelmäßig gedreht werden. Dafür stecken sie in einer Art Waschtrommel. „Drehgeschwindigkeit, sensorgesteuerte Bewässerung und Beleuchtung mit LEDs können wir per Computer direkt von Stuttgart aus regeln“, erklärt die Biologin. Auch wenn die Anschaffung der Bäume recht teuer ist: Eine Pflege des Grüns sei nur zweimal im Jahr nötig.

Das liegt an einem ausgeklügelten Konzept: Durch eine Drehung der Bäume bei 0,2 min-1 bis 1,2 min-1 wird die Reaktion der Pflanze auf Licht und Gravitation überlistet. „Die drehenden Pflanzen erhalten den Licht- und Schwerkraftreiz von allen Seiten und wachsen daher kaum in die Länge. Aber der Stamm wird dicker“, sagt Schick. Die Krone behält eine kugelige Form bei.

Entwickelt hat sie das Produkt für Städte, denen es an üppigen Grünflächen mangelt. Da die Bäume max. 2 m aus der Wand ragen, sei sogar eine zweischichtige Begrünung möglich, so die Biologin. Sie ist überzeugt, dass schon ein Straßenzug mit 100 drehenden Bäumen sich positiv auf Hitze- und Smogentwicklung auswirkt.

Der Künstler Friedensreich Hundertwasser hatte bereits in den 1980er-Jahren Bäume in Fassaden integriert. Diese wachsen allerdings ebenso wie die 10 000 Bäume der beiden Hochhäuser Bosco Verticale, zu deutsch: vertikaler Wald, in Mailand ganz normal nach oben. Sie sprießen aus Betonwannen auf Terrassen und Balkonen und bieten Insekten und Vögeln neuen Lebensraum.

Geplant wurden die Vertikalwälder vom italienischen Architekten Stefan Boeri. Weitere sind im chinesischen Nanjing geplant. Auch wenn die Wohnungen in den grünen Türmen nicht unbedingt für jedermann bezahlbar sind, so zeigt sich doch, dass es noch reichlich Flächen in den Betonwüsten gibt, die sich begrünen lassen.

stellenangebote

mehr