Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Raumfahrt

„Wir werden nicht mehr alle Satelliten auf Herz und Nieren prüfen“

Von Iestyn Hartbrich | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Nicolas Chamussy, Chef der Airbus-Raumfahrtsparte, spricht im Interview über verringerten Aufwand bei den ganz kleinen Satelliten – und erhöhten bei den ganz großen.

BU Chamussy
Foto: Airbus Defence and Space

„Entwicklung voll im Plan“: Airbus will die ersten zehn OneWeb-Satelliten in Toulouse bauen. Die eigentliche Serienproduktion erfolgt in Florida.

VDI nachrichten: Herr Chamussy, Airbus wird mit einem Joint Venture, OneWeb Satellites, die OneWeb-Konstellation mit rund 900 Satelliten fertigen. Wie weit sind Sie?

Nicolas Chamussy: Die Entwicklung der Satelliten liegt voll im Plan und aktuell bauen wir die Endmontagelinie für die zehn Prototypen in Toulouse. In der zweiten Jahreshälfte wollen wir sie in Betrieb nehmen. Die eigentliche Produktion der Satelliten entsteht aktuell in Florida und wird 2018 in Betrieb gehen. Der erste Launch ist ebenfalls für 2018 geplant.

Nicolas Chamussy

Der Zielpreis pro OneWeb-Satellit liegt unter 1 Mio. $, solche Preise sind in der Raumfahrt neu. Haben Sie Angst, dass Sie sich die Preise in Ihrem traditionellen Geschäft mit größeren Telekommunikationssatelliten kaputt machen?

Ich habe keine Angst. Wir investieren in Megakonstellationen, weil wir wissen, dass sie ein Teil der Zukunft der Satellitenindustrie sind. Wir wollen die ersten sein, die damit anfangen.

Wie viel „billig“ verträgt die Raumfahrt?

Fragen Sie mal den neuen deutschen ESA-Astronauten, Matthias Maurer, ob er bereit wäre, in eine Kapsel zu steigen, deren Komponenten wir nicht vollständig getestet haben. In meiner früheren Funktion war ich für das Transportfahrzeug ATV zuständig. Ich erinnere mich noch genau an eine Diskussion. Wir hatten herausgefunden, dass zwei Komponenten mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:109 ausfallen. Das ist sehr unwahrscheinlich, aber damals war uns das Risiko zu hoch. Unsere Partner bei der Nasa sagten, die Wahrscheinlichkeit der Challenger-Explosion habe ebenfalls 1:109 betragen.

Jetzt vergleichen Sie einen kleinen Satelliten mit einem Fahrzeug für die bemannte Raumfahrt ...

Um bei den Satelliten zu bleiben: Wir werden auch mit einem Satelliten, den wir nur einmal bauen, der zum Beispiel zum Jupiter fliegen soll, niemals so umgehen, wie mit OneWeb. Das gilt auch für die großen geostationären Satelliten mit mehreren Tonnen Startgewicht und sehr komplexer und teurer Funktechnik an Bord. Für viele unserer Programme können wir aber von OneWeb lernen, vor allem, wie wir in der Entwicklung schneller werden. Hier sehe ich noch Luft nach oben.

Sie sprechen von reduziertem Testaufwand bei OneWeb. Was ist damit gemeint?

Wir werden nicht mehr alle Satelliten auf Herz und Nieren prüfen, sondern vielleicht nur noch jeden fünfzigsten. Wir können uns diese Vorgehensweise erlauben, da wir über 200 Stück Ersatz einplanen.

Das klingt wild.

Unsere Idee ist diese: Wir werden die Prototypen gründlich testen und qualifizieren und wir werden das gleiche mit unserem Produktionsprozess tun. Danach müssen wir nur noch sicherstellen, dass wir uns exakt an unseren Produktionsprozess halten.

OneWeb wird als Konstellation im erdnahen Orbit fliegen. Ergänzt sie die großen Telekommunikationssatelliten im geostationären Orbit? Oder soll sie sie sogar aus dem Markt drängen?

OneWeb ergänzt die heutige Satelliteninfrastruktur. Die Bandbreiten, die die Konstellation bietet, sind viel niedriger. Der Zusatznutzen für ohnehin gut abgedeckte, dicht besiedelte Landstriche ist sehr gering. Aber: OneWeb umspannt den gesamten Globus, auch die dünn besiedelten Gebiete. Dass OneWeb die klassischen Satelliten nicht verdrängt, sieht man auch daran, dass wir zeitgleich die Kapazitäten der Telekommunikationssatelliten immer weiter steigern. Mittlerweile erreichen wir hunderte GBit/s mit einem einzigen Satelliten.

Herr Chamussy, die Endnutzer auf der Erde halten sich immer seltener an feste Programmschemata. Daten, vor allem Videos, rufen sie „on demand“ ab. Nicht gerade das klassische Feld für die Satellitenkommunikation ...

Wir müssen die Satelliten und ihre Nutzlasten immer flexibler bauen. Klassischerweise sind die Frequenzbänder und der Footprint – das ist der abgestrahlte Bereich – über die gesamte Lebensdauer eines Satelliten fix, also für 15 Jahre. Bei flexiblen Missionen können wir Frequenzen und Footprint im Orbit steuern. Solche Missionen werden häufiger, weil sich nicht mehr voraussagen lässt, wie die Märkte in 15 Jahren aussehen. Wer hätte zum Beispiel vor 15 Jahren sagen können, wie stark das Bevölkerungswachstum in Nigeria zunimmt?

Was unterscheidet diese flexiblen Satelliten in technischer Hinsicht von ihren Vorgängern?

Bislang haben wir das gesamte Frequenzband des Satelliten, zum Beispiel 100 MHz, auf den gesamten Footprint abgestrahlt. Das waren die guten alten Zeiten, in denen Millionen Menschen zur gleichen Zeit das gleiche Fernsehprogramm geschaut haben. Heute teilen wir den Footprint in bis zu 2000 Unterbereiche, das sind sich leicht überlappende Kreise mit einem Durchmesser von jeweils mehreren 10 km. Diese Kreise – wir nennen sie Spots – lassen sich einzeln mit Fraktionen unseres Frequenzbands belegen. Dafür reicht es aus, das gesamte Frequenzband in vier Teile aufzuspalten, in unserem Beispiel ergibt das also 4x25 MHz. Das ist sehr rechenaufwendig, wir investieren deshalb aktuell viel Geld in leistungsfähige On-Board-Prozessoren.

Das klingt nach einem hohen Stromverbrauch. Was bedeutet das für die Satellitenplattform?

Die Plattformen werden immer größer. Das ist die gegenläufige Entwicklung zu OneWeb. Gleichzeitig gibt es die Entwicklung hin zu elektrischen Antrieben mit deutlich reduziertem Startgewicht.

Weniger Masse für Tanks und Treibstoff, mehr Masse für die Elektronikkomponenten?

Ja. Die parallele Entwicklung gibt es übrigens im Flugzeugbau, wo man über elektrische Fahrwerke nachdenkt. Eigens für die Fahrwerke hat das Flugzeug eine leistungsfähige Hydraulik mit dem entsprechenden Gewicht an Öl an Bord. Diese Hydraulik arbeitet zehn Minuten, fünf beim Starten und fünf beim Landen. Auf den Satelliten übertragen, schleppen wir bis zu 2 t chemischer Treibstoffe mit, nur damit der Satellit etwas schneller in seinem Zielorbit ankommt.

Chemische Antriebe bringen Satelliten binnen Tagen in den Zielorbit, elektrische benötigen dafür ein halbes Jahr.

Der Kunde muss warten können. Aber er kann entweder eine leistungsfähigere Nutzlast mitnehmen, oder beim Startgewicht sparen. Dann kommt er womöglich mit einer billigeren Trägerrakete aus. Unser erster voll elektrischer Satellit, Eutelsat 172B, wird übrigens im April oder im Mai gestartet. Der wiegt nur 3,5 t, chemisch angetriebene Satelliten hingegen meist über 6 t.

stellenangebote

mehr