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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Demografie

Zähe Digitalisierung im Silbermarkt

Von Claudia Burger, Bettina Reckter, Regine Bönsch | 9. November 2017 | Ausgabe 45

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Doch nur langsam dringt assistierende Technik in den Markt.

Alter (9)
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/kamphi/ajalbert/VDIn

Trotz gestiegener Zuwanderung werden in Zukunft deutlich mehr ältere Menschen in Deutschland leben. Im Jahr 2030 soll bereits die Hälfte der Bevölkerung älter als 48 Jahre sein und der Anteil der über 80-Jährigen bei rund 8,3 % der Gesamtbevölkerung liegen. Das hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung ergeben. Laut Statistischem Bundesamt waren 2015 zudem 2,86 Mio. Menschen hierzulande pflegebedürftig. Ihre Zahl wird 2030 bei etwa 3,4 Mio. liegen. Rund drei Viertel davon werden heute zu Hause versorgt.

 Politiker, Wissenschaftler, Krankenkassen – alle sehen eine Aufgabe darin, Menschen möglichst lange in der eigenen Wohnung leben zu lassen und ein selbstbestimmtes und am gesellschaftlichen Leben orientiertes Dasein zu bieten. Technik soll da helfen.

Die Protagonisten

Drei fiktive Protagonisten stehen in unserem Fokus stellvertretend für den Umgang mit technischen Geräten im Alter: Helga K., 70 Jahre, noch ziemlich fit, zwar kein Digital Native, aber trotzdem mit Digitaltechnik erstaunlich vertraut; Günther B., 82, der seine Bange vor Smart-Home-Lösungen überwunden hat und noch selbstbestimmt zu Hause wohnt; und Elli M., 93, die aufgrund zunehmender Demenz nun im Pflegeheim lebt, bettlägerig und auf Technik angewiesen ist.

Ist es für Jüngere oft selbstverständlich, sich in der digitalen Welt zu bewegen, so haben Ältere meist Berührungsängste. „Probleme gibt es, weil die ältere Generation vielfach nicht erfahren ist mit Technik oder gar eine gewisse Scheu davor hat“, bestätigt Ursula Lehr. Deshalb fordert die ehemalige Bundesfamilienministerin, die den ersten Lehrstuhl für Gerontologie in Deutschland innehatte, dass sich beide Seiten aufeinander zubewegen: Die Produktentwickler sollten lernen, womit Ältere Schwierigkeiten haben. Senioren wiederum müssten lernen, mit Technik umzugehen. Dann könne Digitalisierung das Altern erleichtern – beim Einkaufen, der Kommunikation und der Gesundheitsvorsorge etwa per Telemedizin und Pflegeangeboten.

Die Gesellschaft müsse das Prinzip des lebenslangen Lernens ernst nehmen und ältere Menschen schulen, fordert Christine Weiß, Seniormanagerin am Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT. „Ältere dürfen nicht mehr einfach akzeptieren, von einer digitalen Gesellschaft ausgeschlossen zu sein.“

Ganz langsam tut sich was. Da entwickeln Hersteller technische Geräte – für den Alltag ebenso wie für Pflegeeinrichtungen. Millionenschwere Forschungsprojekte zeugen von der gesellschaftspolitischen Relevanz. Interdisziplinär schmieden unterschiedliche Fraunhofer-Institute und Universitäten mit Partnern aus der Industrie Allianzen für komplexe technische Systeme. Sie werden wiederum mit Millionenbeträgen aus öffentlichen Töpfen gefördert – Bund, Länder und Kommunen sind dabei.

So unterstützt die Stadt Dortmund ein Projekt, das gerade vom Europaparlament ausgezeichnet wurde. Smart Service Power will mit natürlichsprachlicher Kommunikation, ausgefeilter Sensorik und gesicherten Datenprozessen älteren Menschen zu Hause Hilfe anbieten. Dafür arbeiten hier Kommunen, Hochschulen, Wohnungswirtschaft, Pflegekassen, Pflegedienste und Unternehmen exemplarisch zusammen. Bettina Horster, Projektleiterin und Chefin des Dortmunder Softwarehauses Vivai, weiß, wie notwendig diese Zusammenarbeit ist: „Es krankt nicht an der Technik, sondern an den Businessmodellen.“

Das sieht Expertin Weiß ähnlich. Zur Gretchenfrage für technische Lösungen werden Finanzierung und Geschäftsmodelle. „Die Erwartung, dass ältere Menschen ihre Wohnung mit Sensoren, Herdabschaltung und anderen Sicherheitstechniken ausstatten, um länger zu Hause leben zu können, hat sich nicht annähernd erfüllt“, so ihre Erfahrung. Außerdem sei die Übernahme von Kosten durch die Kranken- und Pflegekassen ein immer noch ungelöstes Problem. Dies rühre daher, dass die neuen digitalen Lösungen nicht so einfach in die Kategorisierung von Pflegeunterstützung eingeordnet werden könnten.

Der Ruf nach technischen Hilfssystemen in einer alternden Gesellschaft wird immer lauter. Auf Pflegekongressen würden die Themen „Technik“ und „Digitalisierung“ verstärkt diskutiert, erzählt Weiß. Die Pflegepraxis zeige sich zunehmend ungeduldig angesichts der wenigen marktverfügbaren Produkte. Alle fragten: „Es wurde doch so viel gefördert, wo sind die Innovationen und warum brauchen sie so lange, um sich am Markt zu etablieren?“ Aber kaum einer gehe den ersten Schritt.

 Das sieht in Japan ganz anders aus (s. S. 24). Das Land mit der weltweit am schnellsten alternden Bevölkerung scheint den Pflegenotstand mit emotional agierenden Robotern und jeder Menge künstlicher Intelligenz (KI) bewältigen zu wollen.

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