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Montag, 11. Dezember 2017

Medizintechnik

An der Schnittstelle zwischen Patient und Maschine

Von Bettina Reckter | 26. Oktober 2017 | Ausgabe 43

Es ist immer noch der Arzt, der die Diagnose stellt. Doch bei der Therapie kann bildgebende Technik helfen, sagt der Radiologe und Bestsellerautor Dietrich Grönemeyer.

BU Grönemeyer
Foto: Claudio di Lucia/Düsseldorf

Liebevolle Zuwendung auf Augenhöhe, Respekt vor der Würde des Menschen, Selbstverantwortung, Hilfe zur Selbsthilfe – das sind für Dietrich Grönemeyer Schlüssel für eine bessere, menschlichere Medizin.

VDI nachrichten: Herr Grönemeyer, Deutschland ist führend beim Entwickeln von Medizintechnik – auch der Bildgebung. Werden deutsche Patienten optimal versorgt?

Dietrich Grönemeyer: Das ist schwierig zu sagen. Die moderne Medizin hat häufig die technischen Möglichkeiten im Visier und weniger den Patienten. Zudem fehlt meist der gemeinsame Blick aus verschiedenen Fachrichtungen, durch den sich erst der Befund und damit das therapeutische Konzept allmählich herauskristallisiert.

Stifter und Kämpfer für die Gesundheitserziehung

Was wäre Ihrer Meinung nach nötig?

Dietrich Grönemeyer

Das Wesentliche einer guten Medizin ist nicht die Technik, sondern das Arzt-Patienten-Gespräch. Erst bedarf es einer genauen, umfassenden Anamnese und danach einer körperlichen Untersuchung, ehe die Radiologie, also bildgebende Verfahren, gezielt folgen.

Wo liegt der Vorteil eines solchen ganzheitlichen Ansatzes?

Nehmen wir als Beispiel starke Schmerzen an der Wirbelsäule. Nicht immer ist ein Bandscheibenvorfall die Ursache. Es können auch eine Muskelverspannung, ein blockiertes Wirbelgelenk oder eine Gelenkentzündung sein, die auf den Nerv wirkt. Im Gespräch bekomme ich das oft viel schneller heraus als mit einem Röntgenbild. In unserem Institut für Mikrotherapie nehmen wir uns deshalb für jeden neuen Patienten bis zu einer ganzen Stunde Zeit.

Damit investieren Sie wesentlich mehr in den Patienten als viele Kollegen.

Ja, und wir folgen im Grönemeyer-Institut dem klaren Vier-Augen-Prinzip. Immer befassen sich mindestens zwei Disziplinen mit dem Patienten – also etwa der Orthopäde mit dem Radiologen und/oder dem Anästhesisten bzw. dem Neurochirurgen. Die Interdisziplinarität ist für mich wesentlich, aus den jeweiligen Stärken des Einzelnen kann sich dann eine Form von Schwarmintelligenz entwickeln.

Aber die übliche Praxis in den Krankenhäusern sieht anders aus.

Genau darin liegt die Gefahr. Oft wird der Operateur nur für die eine Dienstleistung herangezogen, er kann aber nicht sagen, wie es für den Patienten weitergeht. Diese Subdisziplinierung, wo jeder nur einen kleinen Teilbereich übernimmt, führt letztlich auch dazu, dass Erkrankungen chronisch werden. Wenn keine Arzt-Patienten-Beziehung aufgebaut wird, fördert das weder das Verantwortungsgefühl des Arztes noch die Selbstheilungskräfte des Patienten.

Sie gelten als Vater der Mikrotherapie, was verbirgt sich dahinter?

Alles fing 1984 am Universitätsklinikum Kiel an. Ich hatte dort eine Krebspatientin im Endstadium mit einem dicken Lymphknoten, der den Ausgang des Gallengangs blockierte. Die Frau war schon ganz grün durch den Rückstau der Gallenflüssigkeit. Alle Kollegen hatten von einer weiteren Behandlung abgeraten, die Patientin galt als austherapiert. Als Assistenzarzt sagte ich damals, wir machen alles, was geht, wir müssen irgendwie an dem Knoten vorbei, um den Gallenfluss wieder in Gang zu setzen.

Mein Ansatz: Den Computertomographen (CT) nicht nur vor, sondern während des Eingriffs zu nutzen, um den Tumor darzustellen und einen Weg an ihm vorbei oder hindurch zu finden. Allein dafür wurde ich schon für verrückt erklärt. Mit einem Kollegen haben wir es schließlich geschafft, CT- und röntgengesteuert einen Stent in den Gallengang zu setzen. Die Frau hat noch zwölf Jahre gelebt – und ist zu einer Freundin geworden. Das war der Beginn der Mikrotherapie.

Sie haben also erstmals ein CT-Gerät sowohl zur Diagnose als auch zur Behandlung eingesetzt?

Ja. Damals haben die Oberärzte und der Chefarzt gefragt: Wie will der Grönemeyer im CT denn eine Sonde schieben? Tja, das war der Beginn des CT-gesteuerten Behandelns.

Und wie ging es weiter?

In den 1980er-Jahren kamen gerade die Kernspintomographen (MRT) auf. 1988 war ich an der University of California in San Francisco. Dort konnte ich am ersten Kernspintomographen, der offen für eine Behandlung konzipiert war, die MRT-gesteuerte Mikrotherapie einführen.

Der Technik hat das sicher zum großen Durchbruch verholfen.

Nein, denn immer noch fehlt es an geeigneten Instrumenten für MRT-Behandlungen, die das bildgebende Signal nicht stören oder verzerren – und am Know-how der Ärzte. Dabei eignen sich CT und Kernspin hervorragend als therapeutische Methode, weil man alle Strukturen und Gewebe im Körper während des Eingriffs genau und transparent sieht. So kann man sich sicher an Nerven und gefährdeten Strukturen vorbeibewegen. Selbst der Arzt, der endoskopisch vorgeht, hat nur eine Draufsicht, aber keine Durchsicht.

Wo sehen Sie die nahe Zukunft der bildgebenden Verfahren?

Die bildgebenden Verfahren bieten ganz wunderbare Möglichkeiten. In fünf bis zehn Jahren werden offene CTs im Operationssaal das Röntgengerät sicher ersetzt haben. Dann wird es auch mehr offene Kernspintomographen für den OP geben. Ich bin damals von Radiologen und Operateuren massiv angefeindet worden – aber heute ist jeder froh, der über eine solche Methode verfügt.

Wird dabei das OP-Team nicht einer Menge Strahlen ausgesetzt?

Im Kernspin ist die Strahlenbelastung kein Thema. Ich habe mit ganz geringen Feldstärken angefangen, das reicht für die Steuerung völlig aus. Bei der CT, die auf Basis von Röntgenstrahlung arbeitet, gibt es zwei Vorgehensweisen: Entweder geht das Team zum Scan raus oder es stellt sich hinter einen Wandschirm.

Außerdem habe ich in meiner Gruppe ein laserbasiertes Navigationsgerät, das 3D-LNS Amedo, entwickelt, das bei CT-gesteuerten Interventionen eingesetzt werden kann und die Strahlendosis weiter reduziert – neben Low-Dose-Protokollen, die wir konzipiert haben für die CT-Eingriffe. Wir definieren das Zielgebiet und das System zeigt genau an, an welcher Stelle und wie tief ich mit dem Instrument in den Körper eindringen muss. Das ist die modernste Form der Mikrotherapie.

Lässt sich so sicherer und präziser arbeiten?

Der Vorteil gegenüber anderen Verfahren ist, dass wir durch die Lasernavigation ein dreidimensionales Bild bekommen. Und man sieht alles schrittweise vor sich. So können wir sogar Hirnchirurgen anleiten, wo und in welchem Winkel das Instrument ansetzen muss, damit nicht unnötig Gewebe geschädigt wird.

Weil auch ganz junge Assistenzärzte sich so schnell und sicher im Körper bewegen können, bin ich der Meinung, dass sich die Methode ganz schnell ausbreiten wird.

Was könnten Ingenieure Ihrer Meinung nach noch an der Technik verbessern?

Was das Taktile betrifft, würde ich mir wünschen, dass sich da die Ingenieure noch was einfallen lassen. Ich brauche kein Robotersystem, das mir die Hand bei der Operation führt. Gewebeunterschiede kann ich besser selbst spüren. Aber wesentlich mehr Möglichkeiten wären da sinnvoll: zum Beispiel die Nervenstimulation zur lokalen Schmerztherapie oder die Sensorimplantation zur Registrierung von Körpersignalen bzw. Mikropumpen zur kontinuierlichen Medikamentenabgabe.

Und damit es endlich zum Durchbruch bei Interventionen im Kernspin kommt, brauchen wir Instrumente, die auch kernspintauglich sind. Die selbst aus der Tiefe noch Signale geben. Die mehr Informationen über pH-Wert, Druck, Temperatur und darüber liefern, ob sich im Gewebe maligne, also bösartige Vorgänge abspielen. Das würde ich gerne noch lange mitbegleiten.

Mehr zum Thema im Fokus „Bildgebung in der Medizin“Seiten 20 Bis 22

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