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Dienstag, 12. Dezember 2017

Wirtschaft

Arbeit unter Strom

Von Heinz-Josef Bontrup | 26. Januar 2017 | Ausgabe 04

Wie die Digitalisierung die Energiebranche durchrüttelt, erklärt Heinz-Josef Bontrup, Direktor im Westfälischen Energieinstitut, Recklinghausen.

w - Digitalisierung Bontrup BU
Foto: Ulrich Zillmann

Heinz-Josef Bontup: Der Wirtschaftsexperte sieht die deutsche Energiebranche stark vom demografischen Wandel betroffen, besonders dabei die Ingenieurtätigkeiten. Und dies in einer Zeit, in der der digitale Umbau der deutschen Stromnetze absehbar einen hohen Bedarf an Experten erzeugen wird.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist in aller Munde. Man spricht von einer vierten industriellen Revolution oder man könnte auch von einem neuen auftretenden Kondratieff-Zyklus sprechen, dem zufolge es nur alle 50 bis 60 Jahre zu einer länger anhaltenden Wachstumsphase durch neue Technik kommt.

Heinz-Josef Bontrup

War dabei die dritte industrielle Revolution noch vom Einsatz von Computern und Robotern mit dem Ergebnis einer verstärkten Produktionsautomatisierung verbunden, so geht es heute um eine dezentrale Steuerung in der „smarten Fabrik“ in Form einer „totalen Vernetzung“ von Maschinen, fast ohne Menschen oder mittels Smartphones und Tablets, im Datenaustausch zwischen Anbietern und Endkunden; bis hin zu neuen Verfahren wie dem 3-D-Druck, der herkömmliche Fertigungsmethoden überflüssig machen soll. Auch das sich auf dem Vormarsch befindende selbstfahrende Auto trägt zur Diskussion um die neuen Automatisierungstechnologien bei. Entscheidendes Instrument ist dabei letztlich das Internet in Echtzeit.

Digitalisierung und die Arbeitsplätze

Dies alles macht neugierig und schürt gleichzeitig Ängste. Die größte Angst ist hier wohl die um Arbeitsplätze, wovon heute in der EU schon rund 25 Mio. fehlen. Ob die Digitalisierung zukünftig zu einem negativen Arbeitsplatzsaldo beiträgt, ist nur schwer zu sagen.

Forscher des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung haben allgemein die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitsmärkte in 21 OECD-Staaten vorausberechnet. Ihr Ergebnis: Nicht einmal jeder zehnte Arbeitsplatz sei automatisierbar.

Andere Studien, wie die der US-Forscher Carl Frey und Michael Osborne, sehen dagegen jeden zweiten Arbeitsplatz gefährdet. Die Boston Consulting Group schätzt hier konkret bezogen auf die Energiewirtschaft für 2030 im Vergleich zu 2012 einen negativen Nettoeffekt von 70 000 Arbeitsplätzen. Es könnten aber auch 329 000 zusätzliche Arbeitsplätze werden.

Arbeitsplatzsaldo in der Energiewirtschaft

Fakt ist: Seit der 1998 in Deutschland eingeleiteten Liberalisierung und der forcierten Energiewende ist in der Elektrizitätswirtschaft jeder vierte Arbeitsplatz verloren gegangen. Dies lag aber nicht an der Digitalisierung, sondern war zu einem Großteil selbst verschuldetem Managementversagen zuzuschreiben.

Überraschenderweise beurteilen dennoch gegenwärtig 69,2 % der Beschäftigten in der Energiebranche ihre Situation „als überwiegend gut“, so die auf Energieversorger fokussierte Personalberatung Callidus Energie in einer 2016 durchgeführten repräsentativen Umfrage in der Branche.

Die Gruppe der „Schwarzseher“ ist dabei durchaus relevant. 37 % gehen davon aus, dass sich die Lage in den nächsten drei Jahren „eher verschlechtern“ wird, und 12,6 % glauben sogar, dass es ihren Arbeitsplatz in fünf Jahren nicht mehr geben wird. Das ist immerhin jeder Achte. 14,7 % antizipieren gar, dass es ihr ganzes Unternehmen in zehn Jahren nicht mehr gibt. Dies ist nicht nur eine Sorge der Beschäftigten, selbst 15,8 % der Vorstände und Geschäftsführer teilen diese Befürchtung.

Sicher lässt sich dies nicht nur auf eine verstärkte Digitalisierung zurückführen. Wie immer aber am Ende der Arbeitsplatzsaldo aussehen mag, es werden durch die digitale Transformation der Energiebranche erhebliche Veränderungen auf die einzelnen Arbeitsplätze zukommen.

Einerseits wird Arbeit durch die unterstützende IT- und Internetwelt leichter und es entstehen größere individuelle Freiheiten. Die Beschäftigten können über das Internet an jedem Ort und zu jeder Zeit arbeiten.

Dies gilt zumindest für die „Kopfarbeiter“, die im Grunde fast überall ihre Arbeit verrichten können. Nicht aber für die überwiegend gewerblich Schaffenden. Ihr Arbeitsort bleibt die Baustelle oder die Fabrik, da, wo das Werk konkret geschaffen wird, und da, wo die Maschinen und das Fließband stehen.

Andererseits werden die Arbeitsinhalte komplexer und die Anforderungen unisono steigen. Bei einer Befragung von knapp 10 000 Beschäftigten im „DGB-Index Gute Arbeit 2016“ gaben 54 % der Befragten an, die zu bewältigende Arbeitsmenge sei durch Digitalisierung gestiegen und für 46 % hätte die Arbeitsbelastung zugenommen. Offensichtlich ist die Digitalisierung realiter in der Arbeitswelt schon angekommen.

In der Energieversorgung, so Callidus, wirke sich bereits die fortschreitende Digitalisierung aus – nicht nur in Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit, sondern auch auf die Stelleninhalte. So gehen 81,1 % der studierten Spezialisten in der Branche davon aus, dass sich ihre Aufgaben in den kommenden Jahren stark verändern werden. Bei den Führungskräften der Energieversorger sind es sogar 87,8 %.

Arbeitsinhalte in der Energiewirtschaft

So viel steht jedenfalls fest: Die Beschäftigungsstrukturen bei den Energieversorgern werden sich grundlegend ändern. Weder die konkrete Art noch der Umfang der Veränderungen lassen sich prognostizieren. McKinsey schätzt, dass Trends wie die Digitalisierung vor allem Stellen in administrativen Bereichen wie Abrechnung und Kundenservice gefährden werden.

Gleichzeitig stehen viele Energieversorger vor der Herausforderung, ihre Organisationsstrategie wegen der Liberalisierung und der Energiewende umbauen, neue Geschäftsfelder entwickeln und sich gleichzeitig den Veränderungen durch die Digitalisierung stellen zu müssen. Callidus hat hier auf Basis zahlreicher Interviews mit Entscheidungsträgern und einer Analyse der Veränderungen in den Stellenanforderungen mehrere neue personelle Kompetenzen für die Arbeitsplätze identifiziert.

Die klassische Wertschöpfungskette aus zentraler Erzeugung, Transport, Verteilung und Vertrieb wird zunehmend fragmentiert und sogar bidirektional. Privatkunden wie auch Firmen entwickeln sich zu „Prosumern“, die zunehmend selbst Energie produzieren und managen. Die Dezentralisierung ist ein Megatrend, der fast alle Akteure und Bereiche in der Energiewirtschaft auf vielfältige Weise beeinflusst.

Aufgrund der hohen Komplexität, so Callidus, „beobachten wir, dass neben Inselwissen vor allem ein übergreifendes Verständnis von den Einsatzmöglichkeiten, Entwicklungen und wirtschaftlichen Zusammenhängen im Bereich dezentraler Energielösungen und -anlagen gefordert wird“.

Die Notwendigkeit, über den Tellerrand blicken zu können, nimmt stark zu. Gerade vor dem Hintergrund der hohen Veränderungsdynamik und der immer stärkeren Vernetzung sowie der Integration unterschiedlicher digitalisierter Technologien und Lösungen.

Arbeitsprofile ändern sich

Neue Geschäftsmodelle im Bereich dezentraler Erzeugung, Energieeffizienz, Smart Homes, Connected Buildings und IT-Sicherheit werden zwar stark IT-getrieben sein, sie dürfen aber nicht nur aus dieser Sicht betrachtet werden. Sie berühren vielmehr weite Teile der gesamten Organisation, von der Abrechnung über den Messstellenbetrieb bis zur Netzsteuerung.

Methoden des Projekt- und Produktmanagements wie Scrum – die derzeit vor allem in der Softwareentwicklung Anwendung finden und darauf beruhen, dass sich komplexe Projekte kaum noch durch einen von oben herab verordneten Plan umsetzen lassen – sind auch auf andere Bereiche übertragbar und könnten verstärkt zur Anwendung kommen.

Viele Energieversorger können die notwendige Digitalisierungskompetenz jedoch nicht kurzfristig selbst entwickeln. Daher wird zunächst der Personalbedarf vor allem bei auf die Energiewirtschaft spezialisierten Unternehmensberatungen oder in Start-ups entstehen. Hier lotet gerade der Verband kommunaler Unternehmen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit IT-affinen Start-ups und Stadtwerken aus.

Das Primat der Wirtschaftlichkeit behält in Zeiten einer angespannten Ertragslage bei den Energieversorgern weiterhin seine starke Bedeutung. Deshalb werden zukünftig im Controlling weiter Top-Führungskräfte mit umfassenden IT-Kenntnissen gesucht werden.

IT-Kompetenz werden auch Vertriebler zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und -felder benötigen. Vor allem wird man hier auf „Business Developer“ setzen, bei denen es sich nicht um einfache Vertriebsmitarbeiter handelt, sondern vielmehr um Spezialisten, die in der Lage sind, neue Geschäftsbereiche eigenständig und holistisch aufzubauen.

Die Mischung aus strategischem Mindset, kommerzieller Orientierung und Vertriebstalent macht diese Menschen zu einer seltenen Spezies, nach der bereits heute viele Energieversorger „fahnden“.

Der Demografiewandel schlägt zu

Die Energiewirtschaft wird neben der Digitalisierung auch noch stark vom demografischen Wandel betroffen sein. Dies liegt zum einen an der Altersstruktur der Beschäftigten mit hohem Durchschnittsalter, aber auch an der Vielzahl energiespezifischer Berufe, die nicht so ohne Weiteres mit Beschäftigten aus anderen Branchen ersetzt werden können.

Besondere Herausforderungen bestehen dabei in den technischen und Ingenieurbereichen, wo das Durchschnittsalter besonders hoch ist. Hier wird sich ein nicht unerheblicher Bedarf im Bereich der dringend auszubauenden Stromnetze auftun. Auch hier wird die Digitalisierung bei der Verknüpfung und Aussteuerung der Netze eine große Rolle spielen.

Energiewirtschaft wird durchgerüttelt

Alles im allem zeigt die Digitalisierung in der Energiewirtschaft eine hohe Ambivalenz. Ob der Arbeitsplatzsaldo am Ende positiv oder negativ ist, kann heute seriös noch niemand sagen. Auf jeden Fall werden aber Arbeitsplätze wegfallen und dafür neue entstehen.

Diejenigen, die durch Digitalisierung ihre Arbeit verlieren werden, finden sich jedoch in der Regel nicht auf diesen neuen Arbeitsplätzen wieder. Das Problem wird sich auch nicht durch Weiterbildung und Qualifikation auflösen lassen.

Auf jeden Fall wird die Digitalisierung enorme Investitionen notwendig machen – in digitalisiertes Kapital und in Bildung.

Und es stellt sich zukünftig auch verstärkt die Frage nach der Verteilung der Digitalisierungswertschöpfung. Wer erhält die dadurch steigende Produktivität und das Wertschöpfungswachstum?

Partizipieren hier – wie in der Vergangenheit – die abhängig Beschäftigten bei den Energieversorgern nicht an der durch die Digitalisierung gewonnenen Produktivität in gleicher Höhe wie die Kapitaleigner, so dürfte es in der Branche zu schwerwiegenden Befriedungsproblemen zwischen Kapital und Arbeit und eher kontraproduktiven Entwicklungen bei der Umsetzung der Digitalisierung kommen.

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