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Dienstag, 12. Dezember 2017

Soziale Medien

Attacke der Meinungsroboter

Von Wolfgang Schmitz | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Alle großen Parteien haben die Nutzung von Social Bots im Wahlkampf ausgeschlossen. Das heißt nicht, dass die digitale Stimmungsmache damit ruht.

Twitter BU
Foto: panthermedia.net/nils.ackermann.gmail.com

Ins Netz der Meinungsmacher mischen sich zunehmend maschinelle Stimmen.

Via Twitter hatte Saskia Esken die Fluggesellschaft Air Berlin darauf hingewiesen, dass deren Werbung auf der rechtspopulistischen US-Plattform Breitbart erschien. Air Berlin änderte das, woraufhin es einen Shitstorm gegen Esken hagelte, den die SPD-Bundestagsabgeordnete ob seines schieren Volumens nicht mehr kontrollieren konnte. Von „widerlicher Denunziantin“ und „Linksfaschistin“ war die Rede.

Attacken in sozialen Netzwerken sind kein neues Phänomen, sie nehmen in ihrer Breite und Schärfe aber zu, um politische Aussagen zu verunglimpfen oder zu verfälschen. Fake News, also Falsch- und Fehlinformationen, werden von Einzelnen oder Gruppen im eigenen oder fremden Auftrag gestreut, aus persönlichen oder wirtschaftlichen Motiven. In Wahlzeiten wie diesen vor allem auch aus Gründen politischer Einflussnahme. Diese Propaganda, so Saskia Esken, „spaltet die Gesellschaft und bereitet den Boden für Populismus und Demagogie in der Politik“.

Bei der Verbreitung helfen Algorithmen verschiedenster Art, etwa in Form von Social Bots, also automatisierten Profilen in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter. US-Forscher haben herausgefunden, dass weltweit zwischen 9 % und 15 % der Twitter-Konten nicht von menschlicher Hand, sondern Bot-gesteuert sind. Das Potenzial breiter Meinungsbeeinflussung – der so genannte „Bot-Effekt“ – lässt sich empirisch allerdings kaum nachweisen.

Um die Prozesse hierzulande transparenter zu machen, hat die Medien- und Digitalberaterin Tabea Wilke mit „Botswatch“ ein Werkzeug entwickelt, das Social Bots auf Twitter in Echtzeit erkennen kann. So verzeichneten Wilke und ihr Team bei der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem CDU-Bundesparteitag Anfang Dezember, dass knapp 10 % der Tweets von Social Bots abgesetzt worden waren. Bei einer Folge der Polit-Diskussion „Hart aber fair“ betrug der Anteil der Bots-geposteten Nachrichten rund 21 %.

Dabei sind Bots generell nicht verwerflich. Martin Fuchs, Dozent für Social Media und politischer Strategieberater, hofft, dass Chat-Bots im Wahlkampf Bürgern helfen, mit Parteien und Kandidaten ins Gespräch zu kommen. „In der aktuellen Diskussion wird vor allem über Social Bots gesprochen, so genannte ,Bad Bots‘, die versuchen, aktiv die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Diese Nutzung haben alle großen Parteien ausgeschlossen, das ist auch gut so. Trotzdem werden wir auch diese Bad Bots im Wahlkampf beobachten, da jeder von uns diese einfach programmieren und einsetzen kann.“ Soll heißen: Auch wenn die Parteien offiziell nicht in Erscheinung treten, gibt es immer noch diverse Hintertüren und Stellvertreter ihrer Meinungen.

Im Fokus wissenschaftlicher Recherchen standen in den vergangenen Jahren Diffamierungen aus dem rechten Lager, weiß Martin Fuchs. Mittlerweile habe sich allerdings ein Klima im Netz entwickelt, das immer mehr Hass, Manipulationen und unlautere Methoden auch aus dem linken Lager offenbare. „Diese Entwicklung macht mir Sorgen, weil es eher zu einer Verschärfung des Diskurses führt. Ich plädiere für eine Abrüstung auf beiden Seiten.“

Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik München, möchte die Bedeutung der Meinungsroboter nicht überbewerten. Wenn Bots aber in allen Debatten von Bedeutung mitmischen, fühlten sich Politiker häufig veranlasst, auf die maschinell produzierten Stellungnahmen einzugehen – auch wenn sie noch so absurd sind. Von dieser politischen Aufwertung profitierten wiederum die Produzenten obskurer Botschaften. Ein Teufelskreis.

Mit großer Skepsis betrachtet der Hamburger Medienforscher Stephan Weichert die Entwicklung. „Social Bots mögen zwar für Politiker und ihre Wahlberater praktisch sein, aber sie unterminieren die politische Diskursrationalität“, sagte er dem Medienportal Meedia. „Sie sind ein perfider Demokratiekiller, weil sie eine potenzielle Gefahr für unser gesamtes Wahlsystem darstellen, das auf politischer Interaktion und sozialer Partizipation beruht.“

Die schleichende Automatisierung und Algorithmisierung gefährde die gesellschaftliche Meinungsbildung. Die USA gäben einen Vorgeschmack auf das, was Deutschland bevorstehe. Weichert: „Bei amerikanischen Wahlkämpfen schauen sich vor allem die Populisten unter den deutschen Politikern viel ab. Auch wenn es hierzulande bislang nicht ganz so schrill abläuft wie in den USA, rechne ich damit, dass sich die AfD schon jetzt einen Schlachtplan mit den zehn wichtigsten Learnings aus der Trump-Wahl zurechtlegt.“

Die Wahlkämpfe im Saarland (26. März), in Schleswig-Holstein (7. Mai), Nordrhein-Westfalen (14. Mai) sowie die Bundestagswahlen am 24. September werden auch im Netz ausgetragen. Fake News und Social Bots werden aber keine entscheidende Bedeutung auf den Wahlausgang haben, glaubt Martin Fuchs. „Lügen können nur dann erfolgreich sein, wenn das Volk das Vertrauen in die Politik verloren hat und empfänglich für ,alternative Fakten‘ ist. Deshalb ist das Aufkommen von Lügen zu allererst ein Problem der politischen Akteure.“

Robert Heinrich, Wahlkampfmanager der Grünen, befürchtet hingegen, dass der Wahlkampf 2017 vor allem wegen digitaler Angriffe unterhalb der Gürtellinie „heftiger und schmutziger“ wird als vorangegangene.

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