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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Mobilfunk

Auf den Spuren von Nokia

Von Kathleen Spilok | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Der finnische Riese kennt Aufs und Abs. In Oulu lässt sich anschauen, wie Konzern und Stadt damit umgehen.

BU Nokia Report
Foto: Nokia

Ingenieure von Nokia beschäftigen sich heutzutage nicht mehr mit Mobiltelefonen, sondern mit Antennen und Software.

Foto: panthermedia.net/dk_photos

Mitten in Finnland, 16 km vom Polarkreis entfernt, zwischen traditioneller Holz- industrie wurden vor 45 Jahren die ersten Funkgeräte produziert.

Erja Sankari steht in der Kaapelitie 4. Die Chefin des Nokia-Werks Oulu begrüßt in der Empfangshalle die Besucher persönlich. Sie ist blond und strahlt eine Frische aus, als käme sie gerade von einem Spaziergang im Schnee. Gar nicht abwegig, denn 16 km südlich des Polarkreises ist es fast immer kalt, die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt 1,9 °C. Wer sich auf Suche nach Spuren von Nokia begibt, sollte trotz der Kälte in Finnland anfangen, wo der Weltkonzern seine Wurzeln hat. Am besten in Oulu, der Wiege der Funktechnologie. Holz und Hightech geben hier den Ton an.

Transformation inklusive

Rings um Oulu ragen die Kamine der traditionellen Papier- und Holzindustrie wie Wahrzeichen in den Himmel. Dazwischen haben die klobigen Hallen der ansässigen Maschinenbauer ihren angestammten Platz. Am Stadtrand ducken sich zahlreiche Gewerbeparks in Birken- oder Kiefernwäldchen.

Hier liegt auch die Nokia-Fabrik. Rund 800 Besucher aus der ganzen Welt kommen im Monat hierher. Erja Sankari hat mit dem Begrüßen viel zu tun. „Kunden aus Korea, China oder Japan, Delegationen aus Europa, Geschäftspartner aus den USA“, zählt die Finnin auf. Sie traben durch die Etagen des modernen dreigeschossigen Glasbaus und die angrenzenden Fabrikhallen.

Was diesen Ort besonders macht: Im ehemaligen Kabelwerk hat Nokia vor 45 Jahren die ersten Funkgeräte hergestellt, später liefen die allerneuesten Funk-Basisstationen vom Band. Neben der Prototypenproduktion dient der Standort als Modellfabrik für Automatisierung und 5G – einer der Gründe für den Besucherandrang. 5G ist die kommende Mobilfunkgeneration, die alle smarten Geräte, Maschinen und autonom fahrenden Autos unglaublich schnell miteinander verbinden soll. Noch gibt es 5G nicht, die Standardisierung soll erst 2020 abgeschlossen sein.

Das Werk in Oulu gehört zu Nokias Netzwerksparte. Dem Teil, der seit 2002 rund 2300 Beschäftigte in Oulu hat und seit dem Zusammenbruch der Handysparte zum Hauptstandbein des Konzerns geworden ist. Das „Nokia-Desaster“ in der Handyproduktion begann 2011. Der bis dahin erfolgreichste Mobiltelefonhersteller wurde von der Konkurrenz überrollt, Microsoft kaufte die Handysparte und einen Teil der Patente. Trotzdem floppte Microsofts Geschäft mit den Nokia-Handys, 2014 wurden alle Standorte geschlossen.

„2500 Leute verloren ihren Job bei Nokia und 500 von Firmen, die Nokia belieferten“, erinnert sich Janne Mustonen von der staatlichen Wirtschaftsförderung Oulu. „Das war ein mittleres Drama für die Stadt“, meint er. Denn der Auflösungsprozess zog sich über fast drei Jahre hin. Zum einen begleitete Nokia diesen mit dem „Bridge Program“, einer Hilfe zur Umorientierung der Beschäftigten. Zum anderen halfen Regierung und die örtliche Wirtschaftsförderung, wenigstens in Teilen aus der Niederlage Erfolgsgeschichten zu machen.

Die ehemaligen Ingenieure nutzten ihre Kenntnisse aus der Handyentwicklung, wurden zu Erfindern, gründeten Start-ups mit Entwicklungen rund um mobile Netzwerke. In den vergangenen vier Jahren entstanden in Oulu mit seinen rund 200 000 Einwohnern mehr als 500 junge Technologiefirmen. Nur 50 Nokia-Beschäftigte konnten von der Handy- in die Mobilfunksparte wechseln. Bei Nokia heißen sie „Crossovers“.

Einer von ihnen leitet jetzt die 5G-Entwicklung am Nokia-Standort Oulu. „Die Transformation hat uns gut getan“, findet Wolfgang Hasiwar. Wie viele Menschen allerdings als Verlierer aus der Misere hervorgegangen sind, darüber gibt es zumindest bei Nokia keine Informationen. Den Verbleib ehemaliger Mitarbeiter darf der Konzern nicht dokumentieren.

Foto: Nokia

„Die 5G-Technik wird der Produktion sehr viele Vorteile bringen.“ Erja Sankari, Chefin des Nokia-Werks Oulu.

Erja Sankari führt derweil ihre Besucher auf der Besichtigungstour in die „Garage“. Ein Raum mit vielen Bildschirmen, weißen Wänden und Auslegeware. „Das ist unser Innovationslabor“, präsentiert sie den Umstehenden stolz. Auf einem der Monitore kriechen rote Rechtecke durch ein Geflecht von hellgrauen Quadraten. Es ist die Echtzeitübertragung aus den Produktionshallen ein Stockwerk höher. Sie zeigt, wie autonome Versorgungszüge einzelne Produktionsstationen mit Material versorgen.

„In der Garage treffen sich die Nokia-Mitarbeiter mit Partnern, die mit uns an neuen Technologien rund um Anwendungen für das Internet der Dinge arbeiten“, antwortet sie auf die fragenden Blicke der Besucher. „Wir zeigen hier auch, was wir Neues zu 5G haben.”

Als Nächstes eilt sie über den Hof, will den Gästen die Antennenkammer zeigen. In dem würfelförmigen Zimmer ragen 50 cm lange, graue Schaumstoffspitzen in die Raummitte. Wer hier drinnen brüllt, wird nicht gehört. Die Kammer ist schalldicht für Forschungszwecke. „Je weiter wir 5G entwickeln, umso mehr Antennenlösungen brauchen wir“, erklärt Sankari. Ohne Störungen von außen bekommen die Forscher in der abgeschirmten Umgebung die puren Ergebnisse über Antennenleistungen und vieles mehr.

Erja Sankari geht voraus, schon von Weitem ist ein Dröhnen zu hören. Angekommen im Testlabor strecken sich Kühlanlagen bis zur Decke und scheffeln lärmend warme Luft in ein Abzugssystem. Die Hitze von 2000 Handys muss schließlich abgeführt werden. Staunend betrachten die Besucher die endlos langen Wände, an denen Mobiltelefone hängen – und fragen sich: Wieso?

Ganz einfach: Die Netzwerkkomponenten werden einem Stresstest unterzogen. Er soll sicherstellen, dass kein neues Produkt unter hohen Netzbeanspruchungen ausfällt, egal, ob Tausende Handys gleichzeitig eingewählt sind, klingeln oder ausgeschaltet werden.

Die letzte Station der Besichtigungstour ist die Produktion, das Herzstück der Fabrik. Hier laufen Prototypen vom Band. Im weißen Kittel und mit Antistatikband an der Schuhsohle winkt Firmenchefin Sankari die Gäste besonders schnell durch die hoch automatisierte Produktion von Basisstationen und Spezialprodukten. Sie will nicht zu viel zeigen, denn was hier im Detail passiert, ist geheim.

Die Steuerung der Abläufe funktioniert mit einer Vorstufe der fünften Mobilfunkgeneration. „Wir arbeiten mit fortgeschrittenen Versionen von LTE und nennen das LTE 4.9 Evolution oder Forward 5. Wir fügen kontinuierlich 5G-Elemente hinzu“, beschreibt Sankari.

„Wir werden mehr Maschinendaten in der Cloud zusammenführen“, lässt die Finnin die Besucher wissen. Den Automatisierungsgrad erhöhen, ist ein Ziel. Sogenannte digitale Schatten, die helfen vorausschauend zu produzieren, sowie künstliche Intelligenz seien die Trends, betont Sankari.

Sie wollen hier die Indutrie-4.0-Welle auch nutzen, um umweltfreundlicher zu werden. Etwa durch energiesparendes Abschalten von Systemen, die nicht immer auf Hochtouren laufen müssen. „All das lässt uns mehr produzieren bei niedrigeren Kosten“, macht sie deutlich. Ein Beispiel: Was früher in mehr als 100 min in Handarbeit getan wurde, passiert heute automatisiert mit den passenden Algorithmen in weniger als 30 min. Ein großer Fortschritt.

Momentan testet die Modellfabrik den Einsatz kollaborativer Roboter, die gemeinsam mit dem Mitarbeiter am Band stehen und arbeiten. Hierfür braucht man die Echtzeitverbindung ohne jegliche Verzögerung bei der Signalübertragung, wie 5G sie bieten kann. „Die Technik wird der Produktion viele Vorteile bringen”, meint Sankari. Trotzdem: „Wir werden immer Menschen brauchen, die die Fabrik am Laufen halten.”

Die Finnen im ganzen Land wissen schon jetzt, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten könnte. Was sie zu einem Testlauf der besonderen Art animierte: das bedingungslose Grundeinkommen auf Probe, für das die Regierung 20 Mio. € bereitgestellt hat. Seit Jahresbeginn zahlt die finnische Sozialversicherung zwei Jahre lang 560 € im Monat anstelle des Arbeitslosengeldes an 2000 Probanden aus. Man will die Beschäftigung ankurbeln und den hohen bürokratischen Aufwand für die Auszahlung sozialer Leistungen senken.

Und Sankaris Zukunftspläne? Mit Blick auf die Produktionswelt möchte sie alle Nokia-Fabriken in Zukunft in Form von „verlässlichen“ Fabriken sehen, wie sie mit 5G möglich werden: automatisierter, vorhersagbarer, digitalisierter und ökologischer. „Das ist, was uns vorwärts bringt“, sagt sie. Sankari heißt übersetzt Heldin und irgendwie passt das zu ihr.

Foto: R. Bönsch

Premiere in Barcelona: Auf dem Mobile World Congress präsentierte HMD im Februar neue Nokia-Handys.

Indes ist ganz Oulu eine Spielwiese der Mobilfunkzukunft. „Wir haben hier alle das 5G-Gen“, gesteht Janne Mustonen. Vielleicht liegt es daran, dass Finnland mit 15,5 Einwohnern/km2 sehr dünn besiedelt ist, deshalb ist die Vernetzung ein großes Thema. Vor allem die Uni ist aktiv beteiligt. Sie forscht an tausenderlei Anwendungen der neuen Mobilfunkgeneration und testet sie aus. Gesundheitsassistenten, smarte Sportgeräte, die als Trainingscoach für Athleten gedacht sind, oder das kabellose Krankenhaus. „Wir machen uns Gedanken über neue Geschäftsmodelle, denn 5G ist nicht nur Technik“, ergänzt Olli Liinamaa, Koordinator der Uni Oulu für die fünfte Generation.

Einen Steinwurf vom Nokia-Werk entfernt hat das finnische Start-up HMD Global seine Zentrale. Auch hier dürfte der Andrang von Geschäftspartnern oder solchen, die es werden wollen, groß sein. Denn es ließ kürzlich die totgeglaubten Nokia-Handys wiederauferstehen. Die fünf neuen Android-Geräte, die HMD Ende Februar der Öffentlichkeit in Barcelona vorgestellt hat, sind Smartphones der Mittelklasse, die sich absichtlich nicht dem allgemeinen Megapixel- oder Gigahertz-Wettrennen anschließen.

Die Geräte firmieren unter der Marke „Nokia“, HMD hat die Nutzungsrechte des Namens für die nächsten zehn Jahre erworben. Aber wer ist HMD Global überhaupt? Die Chefs – Arto Nummela und Florian Seiche – kommen ursprünglich vom finnischen Mobilfunkpionier. „In unserem Team arbeiten viele Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen – teils von Nokia, teils von Unternehmen wie dem Kopfhörerhersteller Beats“, sagt Sebastian Ulrich, Geschäftsführer für HMD Global in Deutschland. Entwickelt wird bei HMD in Finnland, produziert wird bei FIH Mobile, die zu Foxconn gehören. „Wir arbeiten jetzt daran, diese Produkte schnellstmöglich in den Handel zu bringen“, sagt Ulrich.

Nokia ist nach wie vor eines der Zugpferde der finnischen Wirtschaft. Zusammen mit den vielen kleineren Technologieentwicklern und Zulieferern aus der Hightech- und der Mobilfunkbranche bringen sie ein enormes Innovationspotenzial auf die Waage. In der Bloomberg-Liste gilt Finnland als das fünftinnovativste Land der Welt.

Nur im kurzen Sommer überlassen die Finnen das Ersinnen von Innovationen anderen. Dann drängen alle raus in ihre Ferienhäuschen oder zur Luftgitarren-Weltmeisterschaft, die in diesem Jahr wieder in Oulu stattfindet. Dann wird sich die Besucherzahl auch ganz ohne Nokia und 5G-Geschichten in Oulu erhöhen.rb

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