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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Wissenschaft

„Aus Sorge um die Menschheit“

Von Sebastian Wolking | 18. Mai 2017 | Ausgabe 20

1957 gingen die „Göttinger Achtzehn“ gegen die atomare Aufrüstung auf die Barrikaden. Jetzt lebt der Geist der trotzigen Forscher auf.

Göttinger BU2
Foto: S. Wolking

Quantenphysiker Andreas Buchleitner von der Universität Freiburg (hier im Gespräch mit Staatssekretärin Andrea Hoops) warf der Politik in Göttingen Blauäugigkeit im Umgang mit Big Data vor.

Wissenschaftler geraten auch in westlichen Ländern immer stärker unter Druck und stehen zunehmend in Konkurrenz zu alternativen Fakten. Sollte sich die Wissenschaft daher mehr in die politischen Debatten unserer Zeit einmischen?

Die „Göttinger Achtzehn“

Anlässlich des 60. Jahrestags der „Göttinger Erklärung“ ist die Frage aktueller denn je. Damals hatten sich Atomforscher aus der ganzen Bundesrepublik in einer öffentlichen Stellungnahme gegen die atomare Aufrüstung der Bundeswehr gestellt. „Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Arena!“ lautete der Tenor der Festveranstaltung, mit der die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) sowie die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e. V. (VDW) in Göttingen an die damalige Offensive der Wissenschaftler anknüpften.

Foto: dpa Picture-Alliance/Kurt Rohwedder

Die Wissenschaftler Walter Gerlach, Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Hahn (v. li.) 1957 vor dem Gespräch mit Konrad Adenauer, an dessen Ende die Bundesregierung Abstand von der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr nahm.

„Wir leben in einer Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr in allen Ländern als Grundlage für politische Entscheidungen genommen werden“, beklagte Ulrike Beisiegel, Rektorin der Universität Göttingen, und fragte: „Müssen wir da nicht unsere Stimme erheben und der Öffentlichkeit unser Wissen zur Verfügung stellen?“ Ihre Antwort war klar und knackig: „Ja.“ Neben Lehre und Forschung werde die sogenannte Third Mission für die Hochschulen immer wichtiger: die Unis öffnen, das vorhandene Wissen nach außen tragen, die Gesellschaft teilhaben lassen.

Sich in die politische Debatte einzumischen, ist für Wissenschaftler auch heute noch keine Selbstverständlichkeit. Dabei gäbe es Anknüpfungspunkte en masse: Klimawandel, Gentechnik, Stammzellenforschung, Syrien, Nordkorea oder die weltweite Flüchtlingskrise. Auch die Digitalisierung ist ein Feld, in dem großer Redebedarf diagnostiziert wird. „Die Digitalisierung mit all ihren Konsequenzen, die virtuelle Welt und der Einsatz von Robotern sind technisch hochinnovativ“, sagt Beisiegel. „Aber es stellt sich mehr denn je die Frage nach den gesellschaftlichen Folgen und der Akzeptanz neuer Technologien in der Gesellschaft.“

Auch Quantenphysiker Andreas Buchleitner von der Universität Freiburg glaubt, dass eine breite und kritische Debatte vor allem über Big Data überfällig sei. Hier verhalte sich die Politik zwar sehr technologiefreundlich und fortschrittsorientiert, aber eben auch blauäugig. In Bezug auf die Digitalisierung sei die Büchse der Pandora schon geöffnet, sieht Physiker und Friedensforscher Götz Neuneck der Zukunft pessimistisch entgegen.

Wissenschaftler, die sich in die Tagespolitik einmischten – das war 1957 „für die Bundesrepublik Deutschland ein völlig neues Phänomen“, so Christian Forstner, Vorsitzender des Fachverbands „Geschichte der Physik“ der DPG. Der damaligen Intervention der Wissenschaft sei es im Übrigen geschuldet, ergänzt Hartmut Graßl, Vorsitzender der VDW, dass „die Bundeswehr bisher keine Atomwaffen hat“.

Eine öffentlichkeitswirksame Einmischung von Wissenschaftlern mit großer Wirkung – und großem Erfolg. Ein Vorbild für heutige Generationen? „Das, was damals die Göttinger Achtzehn gemacht haben, funktioniert heute nicht mehr“, glaubt Hartmut Graßl. „Es klappt nur, wenn vorher die Bevölkerung informiert worden ist. Wenn der Bürger ein Thema nicht verstanden hat, reagiert die Politik nicht.“ Und dennoch „kann und darf es nicht sein, dass sich eine Mehrheit alternativen Fakten zuwendet, wie in den USA“, warnt Universitätsrektorin Beisiegel.

Der Grat zwischen alternativen und „echten“ Fakten ist allerdings ein äußerst schmaler. Wo hört Wahrheit auf, wo fangen Fake News an? „Wir haben keinen Zugang zur echten Wahrheit. Wir robben uns an diese heran“, betont Graßl. Und bisweilen müsse man sich auch eingestehen, dass man falsch lag.

„Bis aus wissenschaftlichen Erkenntnissen Fakten entstehen, ist es ein langer Weg“, fügte Beisiegel an. Denn zunächst müssten Experimente sorgfältig geplant und kritisch ausgewertet, dann alle Ergebnisse mehrmals wiederholt und möglichst unabhängig von anderen Arbeitsgruppen bestätigt werden. „Erst dann sprechen wir von wissenschaftlichen Fakten.“

Doch damit ist nicht Schluss. „Neue und ebenfalls sorgfältig geprüfte Erkenntnisse können diese Fakten ergänzen oder widerlegen. Das ist zugegebenermaßen komplex und manchem dann auch zu komplex.“ Mit der Konsequenz, dass sich mancher Ungeduldige vom Wissenschaftsbetrieb ab- und alternativen Quellen zuwendet. Aber was können Wissenschaftler konkret dagegen tun? „Wir müssen wieder mehr streiten“, sagt Andreas Buchleitner. Der Quantenphysiker beklagt vor allem ein „falsches Anreizsystem“, das Wissenschaftler allein von Veröffentlichungen und Ranglisten abhängig mache. „Wir dürfen uns nicht treiben lassen von Ratings und Rankings“, ist Ulrike Beisiegel gleicher Meinung. Entschleunigung hätten auch die Hochschulen dringend nötig.

Physikhistoriker Christian Forstner meint: „Was wir heute feststellen können, ist eine zunehmende Ökonomisierung der Wissenschaften.“ Bedenklich werde es, „wenn Dissertationen zunächst einmal zwei Jahre unter Verschluss bleiben, um sie ökonomisch auszuschlachten.“ Er empfiehlt eine Transparenzinitiative, die aber von außen in die Hochschulen hineingetragen werden müsse.

Eine weitere Antwort lautet: auf die Straße gehen. So brachte der March of Science im April nach Angaben der Veranstalter deutschlandweit fast 40 000 Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler auf die Straße, um für den Wert von Forschung und Wissenschaft einzutreten. Mit dabei war auch die DPG. Wissenschaft bringe Verantwortung mit sich, meint Vorstandsmitglied Arnuld Quadt. „Deswegen können wir nicht zu allen politischen Fragen schweigen.“

 „Und wir können uns auch in die verschiedensten gesellschaftspolitischen Diskussionen einmischen, ohne dass die Qualität unserer Wissenschaft darunter leidet“, glaubt Forstner.

Am Ende bleibt die Sinnfrage entscheidend. Wozu einmischen? Götz Neunecks Antwort lautet: „Es geht letztlich um die Sorge, was die Zukunft den Menschen bringt.“ ws

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