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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

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Porträt der Woche

Blitzschneller Forscher

Von Wolfgang Schmitz | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Spitzenforschung bewegt sich an der Grenze zum Machbaren. Martin Dommach ebnet Wissenschaftlern den Weg dorthin.

Porträt (2)
Foto: Heumer

Martin Dommach: „Die Vielfalt von Menschen und Kulturen macht das Arbeiten im Projekt XFEL noch interessanter.“

In seiner Freizeit geht Martin Dommach die Wände hoch. Beruflich zieht es den 45-Jährigen dagegen in den Untergrund zwischen Hamburg und dem holsteinischen Umland. Dort gehört der Ingenieur für Physikalische Technik zum Team des neuen internationalen Forschungszentrums „European XFEL“, das mit einem Volumen von 1,22 Mrd. € als derzeit größte Wissenschaftsinvestition in Deutschland gilt.

XFEL: Europäisches Gemeinschaftsprojekt

XFEL beschäftigt sich mit dem „Licht der Zukunft“, so das Motto der Forschungsgemeinschaft. Durch ein 3,4 km langes Röhrensystem zwischen Hamburg-Bahrenfeld und dem Nachbarort Schenefeld sollen künftig bis zu 27 000 Laserblitze im Röntgenbereich pro Sekunde zucken. Dommach bahnt den Blitzen den Weg: Er leitet die Arbeitsgruppe, die für das erforderliche Vakuum in dem Röhrensystem verantwortlich ist.

Mithilfe des Superlichtes wollen die Wissenschaftler etwas erreichen, was für Laien unvorstellbar scheint. Sie wollen die atomaren Strukturen von Biomolekülen ausleuchten, etwa um Krankheiten auf molekularer Ebene zu erforschen. Dommach: „Wenn man in einem solch komplizierten wissenschaftlichen Bereich als Ingenieur arbeitet, muss man zumindest das Prinzip kennen und verstehen.“

Diese Kenntnisse hat der 45-Jährige während seines Studiums der Physikalischen Technik an der FH Lübeck aufgesogen: „Der Studiengang verbindet Elemente aus der Elektrotechnik und dem Maschinenbau mit einem starken physikalischen Hintergrund.“ Dass ihn dieses Studium in das Tunnelsystem unter Hamburg und in die Spitze der physikalischen Forschung führen würde, dürfte Dommach damals kaum geahnt haben. Nach einer Ausbildung im elektrotechnischen Bereich suchte er ein Ingenieurstudium „mit einer größeren Bandbreite als Elektrotechnik oder Maschinenbau“. Dass ihn Physik schon in der Schule begeistert hatte, führt ihn schließlich zum Lübecker Studienangebot.

Die Verbindung nach Hamburg kam eher durch Zufall. Der Untergrund der Elbmetropole ist seit mehr als 50 Jahren Handlungsebene europäischer Spitzenforschung. Das Deutsche Elektronen Synchrotron Desy betreibt in bis zu 25 m Tiefe unter der Hansestadt mehrere Teilchenbeschleuniger und zählt zu den internationalen Zentren der Teilchen- und Hochenergiephysik. Dommach lernte Desy während eines Praktikums kennen. Die Arbeit an den technischen Einrichtungen für hoch komplizierte wissenschaftliche Projekte faszinierte ihn und entsprach genau dem, was er an der Hochschule lernte: „Letztlich bin ich so nach dem Studium zu einem Arbeitsplatz im Desy gekommen.“ Von dort war der Sprung ins XFEL nicht mehr weit.

Das Desy ist die Keimzelle des European XFEL. Dort haben die Tunnel ihren Anfang, durch die die Laserblitze bis ins eigentliche Forschungszentrum in Schenefeld geleitet werden. Die von Dommach geleitete zehnköpfige Arbeitsgruppe Vakuumtechnik sorgt dafür, dass das Röhrensystem den wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechend eingerichtet wird: „Das reicht vom Aufbau über die Erprobung der Komponenten bis zur Inbetriebnahme.“ In dem System aus Edelstahlrohren darf höchstens ein Druck von 10–8 bis 10–10 bar herrschen. Dazu kommt, dass die Röhren staubfrei sein müssen – und das in einem erst vor kurzem betonierten Tunnel voller Baustaub: „Wir arbeiten mit einem mobilen Reinraum“, sagt Dommach und zeigt auf ein mit Kunststoffvorhängen abgeschottetes Wägelchen, in dem sich auf etwa 1 m2 Grundfläche der staubfreie Montageplatz für den Bau des Röhrensystems befindet. „Auf die Dauer ist das ganz schön anstrengend.“

Doch den Anforderungen stellt sich Dommach genauso gerne, wie den Anstrengungen im Mini-Reinraum: „Der Reiz dieser Aufgabe liegt unter anderem darin, ein Produkt von der Idee bis zur Fertigstellung zu begleiten. In der Industrie ist das selten möglich.“ Wer in der Wissenschaft arbeitet, müsse bereit sein, Neuland zu betreten. Das Studium in Lübeck sei zwar breit angelegt, „aber ausgerechnet Vakuum ist wie an anderen Hochschulen kein Kernthema“.

Was sich jetzt auszahlt, ist jedoch das gesamte physikalische Wissen, das er im Studium parallel zu den Ingenieurwissenschaften erworben hatte. Wie schon beim Desy ist ihm auch jetzt beim European XFEL der enge Kontakt und Austausch zu den Wissenschaftlern wichtig: „Ich arbeite eng mit der Röntgenoptikgruppe zusammen, das ist einfach unverzichtbar.“ Aber nicht nur die Zusammenarbeit mit den Forschern fasziniert ihn – mit nur wenigen 100 Beschäftigten ist XFEL eine überschaubare Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt. Und sie ist international: „Diese Vielfalt von Menschen und Kulturen macht das Arbeiten noch interessanter.“

Voraussichtlich im September soll der reguläre Betrieb beginnen und die ersten externen Nutzer kommen. Dommach hat keine Sorge, dass es dann weniger spannend im Forschungszentrum wird. „Es werden nacheinander erst drei der fünf Tunnel in Betrieb genommen, da bleibt noch jede Menge zu tun.“ Aber vielleicht ist dann mehr Zeit für ihn, die Wände hochzugehen. Dommach ist begeisterter Kletterer. Weil es in Hamburg zwar einige besondere Tunnel, aber keine nennenswerten Berge gibt, übt der 45-Jährige sein Hobby zumeist in der Halle aus. „Die Anstrengung beim Klettern ist eine willkommene Abwechslung zur notwendigen Konzentration bei der Arbeit.“ 

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