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Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

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Chemiewende

Chemie ohne Erdöl

Von Bettina Reckter | 13. Juli 2017 | Ausgabe 28

Wird Erdöl knapp, könnten Chemieunternehmen auf Basis von Biomasse produzieren. Die Technologien stehen bereit, wirtschaftlich sind sie aber bislang kaum.

S1 Aufmacher Chemie (2)
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/3dart/Foto-VDW/Maks_Narodenko/VDIn

Biobasierte Chemieprodukte in Europa könnten im Jahr 2020 mindestens 500 Mrd. € Umsatz erzielen, schätzen Branchenkenner.

Die Chemie braucht neue Rohstoffe. Und: „Sie muss nachhaltiger werden“, fordert Kurt Wagemann, Geschäftsführer der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (Dechema) in Frankfurt am Main. Er hatte gemeinsam mit der TU Berlin und dem Bayer-Sprössling Covestro zum Rohstoffgipfel kürzlich nach Berlin geladen, um mit rund 200 Experten auszuloten, wie aus nachhaltigen Kohlenstoffquellen tatsächlich Innovationen werden könnten.

Etwa 90 % aller Chemieprodukte weltweit basieren zurzeit noch auf Erdöl. Doch wenn die Reserven versiegen, braucht die chemische Industrie ein neues Konzept. Biomasse könnte einspringen. Die Unternehmen investieren bereits kräftig in die entsprechende Forschung.

Deutschland hat hier eine Vorreiterrolle, auch dank Fördermaßnahmen etwa im Rahmen der „Nationale Politikstrategie Bioökonomie“. Und so ist denn beinahe täglich aus irgendeinem Labor im Lande von einem vielversprechenden Ansatz zu hören.

Die Technologien stehen also bereit, um aus Zuckerrüben, Stroh oder Holzschnitzeln chemische Basisstoffe zu gewinnen, die die Industrie für die Herstellung von Lacken, Farben, Kunststoffen oder Kosmetika benötigt.

Zum Beispiel bei Global Bioenergies (GBE) in Leuna. Dort wurde mit Förderung durch das Bundesforschungsministerium (BMBF) jetzt eine weltweit einmalige Demonstrationsanlage zur fermentativen Produktion von Isobuten aus Zuckerrüben eröffnet. Isobuten ist eine Plattformchemikalie für Gummi, Kunststoffe, organisches Glas und Kraftstoffe. In einem Anschlussprojekt, das dann die EU fördert, will GBE zeigen, dass die Fermentation auch mit Zuckern, die aus anderen Quellen gewonnen werden, gelingen kann.

Covestro in Leverkusen wiederum hat auf Basis industrieller Zucker ein neues Verfahren für Anilin entwickelt, das als Vorstufe für Polyurethan-Hartschaum eingesetzt wird. „Es ist ein weiterer Schritt, um die Chemie- und Kunststoffindustrie unabhängiger von fossilen Rohstoffen und von Marktschwankungen zu machen“, sagt dazu Markus Steilemann, im Covestro-Vorstand für Innovation zuständig.

Die technische Basis dieser Verfahren liefert oft die industrielle Biotechnologie. Branchenkenner der Wirtschaftsberatung Ernst & Young gehen davon aus, dass Europa im Jahr 2020 einen Umsatz von über 500 Mrd. € mit Chemieprodukten aus Biotech-Prozessen erzielen kann – bei jährlichen Wachstumsraten um die 18 % zwischen 2015 auf 2020.

Und dennoch: „Wirtschaftlich sind die Prozesse im Moment oft nicht“, meint Regina Palkovits, Katalyseexpertin an der RWTH Aachen. Dafür sei Erdöl zu billig, seien die Verfahren zu etabliert und die Raffinerien seit 100 Jahren optimiert. Es sei also nicht einfach, das Erdöl abzulösen. Das bestätigt auch Thierry Vanlancker, im Vorstand von AkzoNobel für die Sparte Spezialchemikalien zuständig: „Eine Chemiewende liegt in weiter Ferne.“

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