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Dienstag, 12. Dezember 2017

Chemie

Chemie muss weltweit nachhaltig werden

Von Ralph H. Ahrens | 25. Mai 2017 | Ausgabe 21

Auf der „Konferenz zur grünen und nachhaltigen Chemie“ vergangene Woche in Berlin präsentierten Forscher aus aller Welt ihre Ideen. Parallel dazu wurde das Internationale Kompetenzzentrum ISC3 vorgestellt.

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Foto: Covestro

Kohlendioxid als neuer Rohstoff: In dieser Produktionsanlage in Dormagen baut Covestro jetzt 20 % CO2 in eine wichtige Schaumstoffkomponente ein.

Nachhaltige Chemie ist alternativlos“, erklärte Eric Solheim, Präsident des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), in einer Videobotschaft in Berlin. Kurz zuvor hatte dort Barbara Hendricks den Startschuss für das International Sustainable Chemistry Collaborative Center (ISC3) mit künftigem Sitz in Bonn gegeben.

Mit dem Kompetenzzentrum will die Bundesumweltministerin zweierlei erreichen: Sich entwickelnden Ländern helfen, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu erreichen – also z. B. Hunger und Armut zu bekämpfen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern und eine bezahlbare, umweltverträgliche Energieversorgung sicherzustellen. Und es soll nachhaltige Chemie weltweit voranbringen.

Hendricks will Nachhaltigkeit als grundlegende Leitstrategie in Chemikalienpolitik und Industrie verankert wissen. Sie stützt daher das ISC3 zunächst mit 1,7 Mio. € Anschubhilfe sowie ab 2018 mit 2,4 Mio. € Fördergeld pro Jahr.

Warum solche Investitionen so wichtig sind, legte Borhane Mahjoub von der tunesischen Universität in Sousse zuvor auf der „Konferenz zur grünen und nachhaltigen Chemie“ dar. „Chemie ist Segen und Fluch zugleich“, erklärte er. „Chemiefirmen geben Arbeit und holen Geld ins Land“, so der Chemiker Mahjoub. Aber sie seien in Tunesien auch allein für mehr als 50 % der Luft- und rund 70 % der Wasserverschmutzung verantwortlich.

Solche Umweltbelastungen können in Schwellen- und Entwicklungsländern sogar noch zunehmen, meint Sam Adu-Kami von der ghanaischen Umweltschutzagentur in Accra. Hier habe die Industrialisierung erst begonnen. Es gebe zwar gute Gesetze und Vorschriften, „doch Behörden können den Umgang mit Chemikalien kaum kontrollieren“. Oft fehlten Wissen und Bewusstsein dafür, sicher mit den Substanzen umzugehen, oft auch einfach das Geld, gute Leute einzustellen.

Doch wie wird Chemie nachhaltig? Eine klare Definition fehlt. Für Ministerin Hendriks geht es um Schutz von Mensch und Umwelt, um Ressourcenschonung und Vorsorge – und zwar entlang des gesamten Lebensweges. Ein Beispiel: Windmühlenflügel sollten nicht nur stabil und leicht sein, um effizient Strom zu erzeugen, sondern auch recycelbar. Fossile sollten durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden, ohne die biologische Vielfalt oder die Böden zu gefährden.

Nachhaltige Chemie werde durch Innovationen auch in Deutschland zu Wachstum und neuen Arbeitsplätzen führen, ist die Ministerin überzeugt. Das Umweltbundesamt nennt Beispiele: etwa den Einbau von CO2 in den Ausgangsstoff für Polyurethanweichschäume durch die Firma Covestro. Oder die Methansynthese aus CO2 und Wasserstoff mit überschüssigem erneuerbaren Strom, wie es Automobilhersteller Audi tut. Hendricks spricht hier von Nachhaltigkeit made in Germany.

Doch auch in anderen Ländern engagieren sich Forscher. „Wir können Arzneimittel und Chemikalien aus Pflanzen isolieren und exportieren“, meint Adu-Kami. Forscher der Universität von Mato Grosso do Sul in Brasilien entwickeln aus Cashew und Rizinus ein Biozid gegen Larven eines Moskitos, das Viren etwa des Dengue-Fiebers überträgt. Maschinenbauer Amandeep Oberoi arbeitet an der Chitkara University in Gujarat, Indien, daran, Wasser mithilfe von Sonnenlicht zu spalten und Wasserstoff in Aktivkohle aus Holz zu speichern. Ein solcher Akku enthält weder Blei noch Lithium, entlädt sich nicht und kann stete Stromversorgung in Dörfern gewährleisten.

An der Universität von Kolumbien in Bogotá wollen Forscher aus gebrauchtem Speiseöl Polyole als Polyurethankomponente herstellen. Bio-basierte Polyole für Hartschaumpolyurethan, mit dem sich Häuser dämmen lassen, können zudem aus Kiefernharz gewonnen werden, betont Chemieingenieur Mikelis Kirpluks vom lettischen Holzchemieinstitut in Riga.

Eine Aufgabe des neuen Kompetenzzentrums ISC3 wird es also sein, solche Projekte auf allen Kontinenten zu finden, bekannt zu machen und dann gegebenenfalls auch zu fördern.

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