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Dienstag, 12. Dezember 2017

Gastbeitrag

Chemiewende – und zwar jetzt

Von Barbara Hendricks | 2. März 2017 | Ausgabe 09

Der Umgang mit Chemikalien muss sicherer werden, fordert Umweltministerin Barbara Hendricks. Dafür sei eine nachhaltigere Chemie nötig.

BU Hendricks
Foto: Andreas Pein/laif

Einen nachhaltigen Umgang mit Chemikalien fordert Barbara Hendricks.

Immer wieder hat es Augenblicke gegeben, in denen klar wurde, dass die Umweltbelastung über eine kritische Grenze kippt und entschlossenes, internationales Handeln gefordert ist. So war es beim Ozonloch und beim sauren Regen – und so wird es hoffentlich auch sein, wenn die Vereinbarungen der Pariser Klimakonferenz von Dezember 2015 umgesetzt werden.

Barbara Hendricks

Nun deutet vieles darauf hin, dass wir bei der Gestaltung, Produktion, Nutzung und der Entsorgung von Chemikalien ein weiteres Mal vor einer solchen Herausforderung stehen. Chemikalien sind allgegenwärtig: in Lebensmitteln, im Trinkwasser und in unserer Kleidung. Sie sind in unseren Wohnungen, an unserem Arbeitsplatz und überall dort, wo wir uns bewegen.

 Ohne die Nutzung von Chemikalien werden wir die von der Weltgemeinschaft letztes Jahr vereinbarten Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) nicht erreichen. Wir brauchen Chemikalien – um Gebäude zu isolieren, Wasser aufzubereiten und Solarzellen zu bauen.

Internationales Chemikalien-Management

Da Chemikalien ein so wesentlicher Teil des modernen Lebens sind, übersehen wir leicht einige wichtige Dinge: Über die meisten der Zehntausende von chemischen Stoffen, die der Mensch nutzt, wissen wir sehr wenig. Viele Chemikalien bergen Risiken für Mensch und Umwelt. Außerdem wächst die Menge und Bandbreite der weltweit produzierten Chemikalien unaufhörlich.

Obwohl Chemikalien für viele Bereiche von grundlegender Bedeutung sind, etwa in Medizin, Landwirtschaft oder Industrie, könnten die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Kosten von Chemikalieneinsätzen inakzeptable Größenordnungen erreichen.

Die Proteste gegen die Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat geben uns nur einen Vorgeschmack auf kommende Herausforderungen und Konflikte. Nicht nur offensichtliche Probleme, wie die zunehmende Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll, zwingen uns zum Handeln. Auch weniger sichtbare, aber wissenschaftlich gut dokumentierte Folgen der Nutzung von Chemikalien, wie etwa Störungen des Hormonhaushalts oder zunehmende Krebserkrankungen, zeigen, wie dringend ein grundlegender Wandel im Umgang mit Chemikalien vonnöten ist.

Wir brauchen eine Chemiewende – und zwar jetzt. Wie können wir den Umgang mit Chemikalien besser sichern? Ich möchte zwei Vorschläge machen: Der erste betrifft unser Verständnis von „Chemie“, der zweite das Chemikalienmanagement auf internationaler Ebene.

Im Mai 2016 tauchte der Begriff „nachhaltige Chemie“ erstmals in einem UN-Dokument auf – in einer Resolution, die von der Umweltversammlung der Vereinten Nationen in Nairobi verabschiedet wurde. Deutschland hat diese Resolution nachdrücklich unterstützt, weil wir überzeugt sind, dass wir eine bessere weltweite Chemikalienpolitik brauchen. Nachhaltige Chemie ist ein ganzheitlicher Ansatz, der zunächst fragt, wie wir Nachhaltigkeit erreichen können, und dann nach den besten Lösungen dafür sucht. Das können menschliche Verhaltensänderungen, der Einsatz von Maschinen oder eben auch von Chemikalien sein.

Nachhaltige Chemie folgt dem Vorsorgeprinzip: Wo immer möglich gibt sie sicheren Alternativen den Vorzug vor gefährlichen Stoffen und fördert innovative Verfahren und Recyclingkonzepte. Nachhaltige Chemie lenkt unseren Blick auf den Nutzen von Chemie für den Ausbau erneuerbarer Energien und die Steigerung der Material- und Energieeffizienz. Die Politik einer nachhaltigen Chemie könnte sich auch in anderen Bereichen positiv auswirken, etwa bei der Kostendämpfung im Gesundheitswesen, der Bekämpfung des Klimawandels oder beim Übergang zur Kreislaufwirtschaft.

Nachhaltige Chemie arbeitet mit mehr Transparenz und erleichtert den Zugang zu Informationen, die Verbrauchern häufig vorenthalten werden, wenn sie wissen wollen, welche Langzeitwirkungen chemische Stoffe haben, mit denen sie zu tun haben. Moderne Informationstechnologien bieten uns hierbei einfachere und günstigere Möglichkeiten als je zuvor.

Damit komme ich zum zweiten Aspekt, dem internationalen Chemikalien-Management. Seit 2006 gibt es den „Strategischen Ansatz für ein Internationales Chemikalien-Management“ (Saicm) als Leitfaden für die globale Gemeinschaft (s. Kasten). Dieses UN-Forum, in dem Regierungen, Privatwirtschaft und die Zivilgesellschaft vertreten sind, soll den Umgang mit Chemikalien und Chemieabfällen in allen Bereichen verbessern. Die Rolle des Saicm, der eine ganze Reihe wichtiger multilateraler Übereinkommen zu Chemikalien ergänzt, ist kaum zu überschätzen, vor allem bei der Bewusstseinsbildung, dem Wissenstransfer und der Kompetenzvermittlung in Entwicklungsländern.

Trotzdem hat es Saicm bisher weder vermocht, dem Anstieg der Produktion gefährlicher und langlebiger Chemikalien etwas entgegenzusetzen, noch hat er die wachsenden Probleme bei der Entsorgung von Chemieabfällen in Angriff genommen, was den Übergang zur nachhaltigen Entwicklung erschwert. Hinzu kommt, dass dieser Rahmen nur Ziele bis zum Jahr 2020 enthält und einer Erneuerung bedarf.

Die internationale Gemeinschaft hat nun Gespräche über eine Nachfolgevereinbarung für die Zeit nach 2020 aufgenommen. Deutschland hat die Präsidentschaft dieses Verhandlungsprozesses inne. Wir haben hier die Gelegenheit uns einen Rahmen zu schaffen, mit dem wir die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen können.

Wir sind überzeugt: Es ist Zeit für Saicm 2.0! Saicm ist eine freiwillige Plattform – das kann auch so bleiben. Sie bringt Akteure zusammen, die alleine keine Chance haben, ein globales System für den sicheren Umgang mit Chemikalien aufzubauen. Wir brauchen aber auch die politischen, wirtschaftlichen und zivilen Akteure aus den Sektoren Gesundheit, Arbeit, Landwirtschaft und Umwelt sowie die wachsende Zahl innovativer Start-ups einer nachhaltigen Chemiewirtschaft.

Saicm 2.0 muss selbstverständlich höheren Ansprüchen genügen als die Vorläuferversion: Der Chemiesektor ist bedeutend – und hat enormes Potenzial. Wir brauchen auch mehr Verbindlichkeit im nachhaltigen Chemikalien-Management, damit Produkte, die gefährliche und bei uns streng regulierte Stoffe enthalten, nicht über den Umweg des Handels zu uns kommen.

Indem wir die Herausforderung des Klimawandels angegangen sind, haben wir die Stromerzeugung revolutioniert, Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum geschaffen und dabei den Ausstoß von Treibhausgasen gesenkt. Ich bin überzeugt, dass die Wende zu einer nachhaltigen Chemie ebenfalls mit vielen Vorteilen verbunden sein wird.

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