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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Konjunktur

Das Wachstum stockt

Von Wolfgang Schmitz | 13. Juli 2017 | Ausgabe 28

Das Wachstum schwächelt. Eine aktuelle Studie schlägt einen höheren Arbeitsumfang, eine andere generelles Umdenken vor.

Wachstum BU
Foto: panthermedia.net/ssuaphoto

Das Wirtschaftswachstum steckt im Stau. Und die Umwelt nimmt trotz aller Verheißungen immer mehr Schaden. Sind neue Wohlstandskonzepte nötig?

Fachleute aller Glaubensrichtungen sind sich einig: Der ökonomische Wohlstand stößt an seine Grenzen. „Während die deutsche Wirtschaft momentan noch mit deutlich über 1,5 % zulegt, wird sich das mögliche Wachstum bis 2035 mehr als halbieren – zumindest dann, wenn es uns nicht gelingt, dem demografischen Wandel etwas entgegenzusetzen“, meint Michael Grömling vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Das Serum gegen einen Wachstumsschwund könne nur „gezielte Wirtschaftspolitik“ sein, heißt es in einer aktuellen IW-Studie. Dafür müsste ein größerer Anteil der Bevölkerung arbeiten, dass gesetzliche Rentenzugangsalter auf 68 Jahre steigen und die Wochenarbeitszeit angehoben werden. Staatliche und private Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Forschung und Entwicklung täten ihr Übriges. Nach IW-Berechnungen würde das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2035 um umgerechnet 7 % höher ausfallen als in einem Szenario ohne die Impulse.

Angesichts des sich abzeichnenden Wachstumsrückgangs müsse der Begriff „Wohlstand“ überdacht werden, mahnt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Das Ende der aufsteigenden Konjunktur hätte sich bereits in den 1960er-Jahren angekündigt, als sich das jährliche Wachstum von 8 % auf 4 % gegenüber den 50er-Jahren halbierte. In den Jahren 2011 bis 2016 betrug es lediglich 1,5 %.

Eine Studie des Berliner Instituts im Auftrag der Daimler und Benz Stiftung begründet die abnehmende Dynamik mit dem Schwächeln der wichtigsten Wirtschaftstreiber: Das Bevölkerungswachstum in vielen Industriestaaten klinge aus, die Gesellschaften alterten und die Produktivität erhöhe sich trotz digitaler Revolution immer langsamer. Dass sich die Wachstumsschwäche durch neue Technologien auflöse, halten die Berliner Forscher für sehr fragwürdig.

Stattdessen nähmen die Konsummöglichkeiten der unteren Einkommensschichten aufgrund steigender sozialer Ungleichheit ab und ökologische Schäden wirkten zunehmend bremsend auf die wirtschaftliche Entwicklung. „Politiker und Zentralbanken versuchen diese strukturell bedingte Wachstumsverlangsamung mit den klassischen Instrumenten der Konjunkturpolitik zu bekämpfen – mit staatlich geförderten Investitionsprogrammen oder niedrigen Zinsen“, erklärt Klingholz. „Konjunkturpolitik kann aber strukturelle Probleme nicht bekämpfen. In der Folge steigen lediglich die weltweiten Schulden.“

Die Rechnung, dass sich aus der Wachstumsschwäche eine „ökologische Dividende“ ergebe, weil weniger Güter weniger Energie- und Rohstoffverbrauch versprächen, müsse nicht aufgehen. Klingholz: „Die Politik könnte mit Konjunkturprogrammen reagieren, die Umwelteffekte außer Acht lassen. Sie könnte Umweltvereinbarungen wie das Pariser Klimaabkommen umgehen, weil sie kurzfristig das Wachstum behindern, oder alte, schädliche Technologien wie die Kohleindustrie wieder zum Einsatz bringen.“ Siehe USA.

Erst wenn Politik und Wirtschaft ihre Wachstumsziele auf die Verbesserung der Umweltsituation ausrichteten und gleichzeitig jene Unternehmen vom Markt verschwänden, die für große Umweltschäden verantwortlich seien, wäre das eine Politik mit ökologischem Nutzen, so Klingholz. Würde sich unter den Bedingungen des rückläufigen Wirtschaftswachstums die soziale Ungleichheitslücke weiter öffnen, sei sogar die Demokratie gefährdet.

Das Berlin-Institut fordert einen „Plan B“, in dem Politik und Wirtschaft ihre Systeme von den Wachstumszwängen befreien. Bislang lägen noch keine befriedigenden Lösungsansätze vor. Das Abflauen des Wirtschaftswachstums solle als Normalität akzeptiert werden. „Dass sich die Staaten neuen Idealen verschreiben, halte ich für den Moment aber für unwahrscheinlich. Dazu braucht es weitere schwere Krisen, die aber kommen werden.“

Ohne Wirtschaftswachstum werde die Gesellschaft auch künftig nicht leben wollen, kontert IW-Forscher Grömling. „Es ist schließlich der beste Weg, um materielle Wohlfahrt zu sichern.“ Ein wachsendes Volkseinkommen sei leichter und für alle Beteiligten schmerzfreier umzuverteilen als ein stagnierendes, Schulden seien eher abzubauen und die sozialen Sicherungssysteme vor allem in Zeiten einer alternden Bevölkerung stabiler.

Der Digitalisierung wenig Produktivitätspotenzial beizumessen, sei verfrüht, so Grömling. „Da stehen wir erst am Anfang. Die digitale Revolution hat noch nicht ihre kompletten Potenziale entfaltet.“ Feste stehe: „In der Geschichte waren technische Innovationen noch nie Jobkiller.“

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