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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Handel

„Das deutsche Exportmodell gerät unter Druck“

Von Dieter W. Heumann | 22. Juni 2017 | Ausgabe 25

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ist sehr gefährlich. Das Ungleichgewicht kann zu einer Finanzkrise führen, meint Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

BU Vöpel
Foto: HWWI

Die schwache Investitionstätigkeit ist mitverantwortlich für den Leistungsbilanzüberschuss, meint Ökonom Henning Vöpel.

VDI Nachrichten: Herr Professor Vöpel, Jahr für Jahr erzielt Deutschland einen hohen Leistungsbilanzüberschuss. Woher kommt er?

Vöpel: Die deutschen Exporte liegen deutlich über den Importen. Und für die hohen Exporte gibt es im Wesentlichen drei Gründe: erstens, die hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Sowohl unter dem Aspekt der preislichen als auch wegen ihrer hohen qualitativen Wettbewerbsfähigkeit sorgen deutsche Produkte für eine hohe Nachfrage im Ausland. Zweitens erhöht der relativ niedrige Euro die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte in Drittstaaten zusätzlich. Und drittens sparen die Deutschen relativ viel und sie investieren im Inland zu wenig.

Henning Vöpel

Warum importiert Deutschland nicht in etwa in Höhe der Exporte?

Deutschland spart einen Teil der Exporterlöse, das heißt, sie werden nicht in gleicher Höhe für den Import von ausländischen Gütern und Dienstleistungen ausgegeben, sondern für ausländische Wertpapiere. Diese stellen Nettoforderungen gegenüber dem Ausland und insoweit einen Vermögensaufbau dar. Die Alternative zum Aufbau von Nettoforderungen gegenüber dem Ausland, die ausfallen können und somit nicht immer sicher sind, ist die Verwendung der Ersparnisse für Sachvermögensbildung im Inland.

2016 betrug der Überschuss fast 9 % des Bruttoinlandsprodukts. Dies war der höchste Wert weltweit, er lag deutlich über der von der EU definierten Höchstgrenze von 6 %. Ist dieser Wert willkürlich?

Die Zahl, deren Nichteinhaltung mit keinerlei Sanktionen verbunden ist, spiegelt gewisse empirische Erfahrungen aus der Vergangenheit wider, was die makroökonomische Stabilität betrifft. Zwar wären auch 7 % noch ein vertretbarer Wert; aber 8 % oder 9 % sind – historisch betrachtet – definitiv außergewöhnlich hoch. Der IWF spricht sogar nur von rund 4 % vom BIP als Leistungsbilanzüberschuss, die anderen fünf Prozentpunkte seien ökonomisch ein nicht gerechtfertigtes Ungleichgewicht.

Mitte der 1960er-Jahre sah man unter Wirtschaftsminister Karl Schiller eine ausgeglichene Leistungsbilanz als so wichtig an, dass dies als Ziel ins Wachstums- und Stabilitätsgesetz aufgenommen wurde.

Ja, aber das Ziel ist der heutigen Wirtschaftspolitik abhanden gekommen. Ich halte das für bedenklich. Eingangs hatten wir die aus den Leistungsbilanzüberschüssen entstandenen Forderungen an das Ausland thematisiert, die keinesfalls immer sicher sind. Und in der Tat waren es diese Ungleichgewichte, die entscheidend mit dazu beigetragen haben, dass es 2007/2008 zur Wirtschafts- und Finanzkrise kommen konnte. Die Deutschen hatten damals ihre Überschüsse aus dem Handel mit den USA in hohem Maße dazu verwandt, unter anderem verbriefte US-Immobilienkredite zu kaufen, die in der amerikanischen Immobilienkrise zu Schrottimmobilien verkamen. Die leidvollen Folgen sind bekannt.

Und schnell in Vergessenheit geraten?

Ja, interessanterweise bestand das Krisenmanagement damals nicht darin, die Ungleichgewichte abzubauen. Vielmehr müssen wir heute erleben, dass sich die Ungleichgewichte seither sogar laufend vergrößern. Das Leistungsbilanzgleichgewicht, wie es seinerzeit als eines von vier wirtschaftspolitischen Zielen ins Stabilitäts- und Wachstumsgesetz geschrieben worden ist, hätte auch heute eine hohe Berechtigung.

Also sollte Deutschland die Kritik an seinem dauerhaften Leistungsbilanzüberschuss nicht brüsk zurückweisen, sondern ernst nehmen?

Unbedingt. Zum einen geht es darum, weltweit stabile wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und Ungleichgewichte abzubauen. Andererseits liegt es auch in unserem eigenen Interesse, die Kritik ernst zu nehmen und einen Teil unserer Ersparnisse für Investitionen im Inland zu verwenden. Aus meiner Sicht ist die seit Jahren zu schwache Investitionstätigkeit hierzulande mitverantwortlich für den dauerhaften Leistungsbilanzüberschuss. Das gilt sowohl für die Investitionstätigkeit des Staates, aber auch für die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen. Gut laufen lediglich die Bauinvestitionen.

Auch Untersuchungen haben ergeben, dass eine Belebung der Ausrüstungsinvestitionen die Importtätigkeit in großem Maße fördert, weil zur Produktion im Inland dringend benötigte Rohstoffe, aber auch Vorprodukte aus dem Ausland notwendig sind.

Ein Grund mehr, den Blick auf die unzureichende Entwicklung der Unternehmensinvestitionen im Inland zu lenken. Dass hier dringender Handlungsbedarf besteht, zeigt auch die Produktivitätsentwicklung, die ebenfalls seit vielen Jahren relativ schwach ist. Ein Beleg dafür, dass die inländische Investitionstätigkeit nicht die wirtschaftliche Dynamik auslöst, die notwendig wäre, um ausreichendes Wachstum mit Blick auf die zukünftigen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen dieses Landes zu generieren.

US-Präsident Donald Trump ist ebenfalls auf den Zug der Kritiker der deutschen Leistungsbilanz aufgesprungen. Er beschuldigt die Deutschen allerdings, den Eurowechselkurs zu manipulieren, um sich so Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Recht hat Trump insofern, als ein billiger Euro den Exporteuren in der Eurozone tatsächlich Wettbewerbsvorteile verschafft, wie bereits eingangs betont. Falsch ist aber, dass Deutschland Wechselkurse manipuliert. Der niedrige Euro-Dollar-Wechselkurs ist vielmehr eine Folge der Niedrigzinspolitik der EZB. Aber was Trump völlig außer Acht lässt, das sind die wichtigen Terms of Trade – also das Verhältnis, in dem wir unsere Exporte gegen die Importe tauschen.

Können Sie das in einem Beispiel verdeutlichen?

Wir exportieren derzeit – z. B. einen BMW – ziemlich günstig, kaufen eine Urlaubsreise nach Miami – aufgrund des hohen Dollarkurses – aber relativ teuer ein. Für den deutschen Urlauber sind die USA derzeit also ein ziemlich teures Vergnügen, während der amerikanische Autofan im Moment günstig zu seinem Traumwagen kommt. Indem wir billig exportieren, aber teuer importieren, führen wir einen Teil unseres Wohlstands in die USA aus, also das Gegenteil der Behauptung, wir würden durch unsere Überschüsse andere Länder ausbeuten. Das übersieht Donald Trump.

Der IWF schlägt vor, die Löhne zu erhöhen, um so den Konsum und damit die Importe zu erhöhen. Was halten Sie davon?

Anders als viele andere Länder hat Deutschland durch nur moderat steigende Löhne an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Aber Lohnsteigerungen können kein Weg zur Tugend sein, denn sie erhöhen die Produktionskosten und schlagen auf die Preise durch: Die deutschen Produkte würden sich verteuern und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die Folge: Der Absatz würde sinken. Dieser Weg – wie auch die Festlegung von Exportquoten – wäre für die deutsche Wirtschaft fatal: Es käme zu sinkender Produktion und zu negativen Konsequenzen am Arbeitsmarkt. Lohnsteigerungen lassen sich zudem nicht verordnen.

Sie haben bereits höhere Investitionen von Staat und Unternehmen im Inland gefordert. Was könnte sonst helfen, die Leistungsbilanz auszugleichen?

Um den inländischen privaten Konsum anzuregen, wären Steuersenkungen sicherlich ein besseres Mittel als die bereits angesprochenen Lohnerhöhungen. So könnte man die Mehrwertsteuer senken, so dass die verfügbaren Einkommen steigen würden, mit der Folge, dass die Konsumlust der Verbraucher zunehmen und sich die Importe beleben dürften.

Während die öffentliche Hand langsam ihre Investitionstätigkeit erhöht, gibt es bei den Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen immer noch keine nennenswerten Fortschritte?

Im öffentlichen Bereich wird investiert – vor allem in die Infrastruktur. Aber mit Blick auf den Bedarf, der sich in den Jahren der Zurückhaltung aufgetürmt hat, gibt es noch eine Menge zu tun. Dass die Ausrüstungsinvestitionen der Firmen kaum vom Fleck kommen, verwundert, zumal die Konjunktur in Deutschland seit Jahren gut läuft, die Zinsen niedrig und die Möglichkeiten der Eigenfinanzierung bei vielen Unternehmen hervorragend sind. Der konjunkturelle Aufschwung hierzulande ist im Wesentlichen konsumgetrieben. Um auch von einem sich selbst tragenden Aufschwung sprechen zu können, müssten die Ausrüstungsinvestitionen anspringen.

Investiert wird eher im Ausland?

Das hat unter anderem mit Internationalisierungsstrategien – vor allem des Mittelstands – zu tun. Die geringe Investitionslust im Inland dürfte ihre Ursache vor allem in einer derzeit hohen Planungsunsicherheit haben. Sehr zurückhaltend sind die Unternehmen aufgrund des gravierenden Mangels an Fachkräften. Aber auch die geopolitische Lage, der Handelsboykott gegen Russland und der Brexit veranlassen die Unternehmen, Investitionen zurückzustellen.

Steht das deutsche Exportmodell, in Frage?

Das starke deutsche Exportmodell wird vom Ausland teils heftig kritisiert, aber es ist nicht von der deutschen Wirtschaftspolitik beschlossen worden. Das Exportmodell hat sich aufgrund der hohen internationalen Nachfrage nach deutschen Waren und Dienstleistungen entwickelt.

Kann die Summe einzelwirtschaftlich optimaler Marktentscheidungen zu einer gesamtwirtschaftlich instabilen Situation führen?

Durchaus. Und das deutsche Exportmodell gerät tatsächlich durch verschiedene Faktoren unter Druck: Eine wesentliche Rolle spielt die Demografie – inwieweit gelingt es den Unternehmen heute und in der Zukunft, noch Fachkräfte in ausreichendem Maß an sich zu binden? Auch die Digitalisierung wirft mit Blick auf den Export Fragen auf. Die deutsche Wirtschaft hat sehr stark industrielle Kompetenzen ausgeprägt – also es wird permanent an Produkten, Kompetenzen, Effizienz und Qualität gearbeitet. Zwar werden auch in einer digitalen Welt industrielle Kompetenzen gefragt sein, aber der Wettbewerbsvorsprung zu anderen Ländern könnte schrumpfen, weil wir bei der Digitalisierung nicht zur Spitze zählen. Zudem werden die Exportmärkte unsicherer. Die Unternehmen sind zunehmend gefordert, mehr zu diversifizieren. Das gilt vor allem für die Mittelständler. Sie sollten nicht nur auf den chinesischen, amerikanischen oder russischen Markt setzen, sondern auch auf andere ausländische Märkte ein Auge werfen. Wir erleben, dass vertraute Absatzmärkte plötzlich Wachstumsschwächen oder regulatorische bzw. politische Unsicherheiten aufweisen.

Auslandsaktivitäten müssen häufiger neu bewertet werden?

Ich glaube, dass wir in eine nächste Phase der Globalisierung eintreten, in der die Handelskosten eher steigen werden. Wir haben im Rahmen der bisherigen Globalisierung erlebt, dass die Kosten massiv abgebaut wurden. Unsere international sehr wettbewerbsfähige Wirtschaft hat in besonderem Maße von der Öffnung der Volkswirtschaften weltweit profitiert. Wir könnten uns jetzt in einem Strukturbruch befinden und die nächste Phase der Globalisierung dürfte unübersichtlicher und mit steigenden Handelskosten verbunden sein.

Was kann die Wirtschaftspolitik tun, um die deutsche Außenwirtschaft in schwieriger werdenden Zeiten zu unterstützen?

Sie sollte über wirtschaftliche Rahmenbedingungen und über handelspolitische Verträge dafür sorgen, dass wir rechtlich und regulatorisch stabile Handelsbedingungen zu unseren Partnern haben. Dass das sehr schwierig sein kann, zeigt aktuell das Beispiel Türkei. Wie will man heute im Handel mit der Türkei stabile handelspolitische Rahmenbedingungen schaffen, ohne nicht gleichzeitig politische Prinzipien zu „verkaufen“.

Höhere Investitionen sind Ihr Rat, um die Leistungsbilanz Richtung Ausgleich zu bringen. Birgt die Digitalisierung Investitionspotenzial?

Durchaus, aber es gibt Probleme. Zunächst ist vor allem die öffentliche Hand gefordert, die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine erfolgreiche digitale Transformation zu schaffen. So muss eine flächendeckende Breitbandversorgung sichergestellt werden. Das Problem: Entsprechende politische Ziele, wie sie vor etwa zwei Jahren definiert wurden, sind aufgrund der fortschreitenden Technik heute teilweise schon überholt. Deutschland muss in der Bereitstellung der nötigen Infrastruktur deutlich schneller werden, um vor allem dem Mittelstand zu ermöglichen, eine erfolgreiche digitale Transformation zu vollziehen. Eine weitere Voraussetzung ist die Schaffung rechtlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen, damit Unternehmen bereit sind, ihre Daten auszutauschen und Geschäftsmodelle sowie Wertschöpfungsketten anzupassen. Auch in diesem Punkt gilt es, hierzulande schneller zu werden, denn andernorts ist die Geschwindigkeit hoch. Aber grundsätzlich bietet die Digitalisierung die Möglichkeit einer Investitionsoffensive.

Der Überschuss im Handel mit den Europartnern ist heute niedriger als Ende des vergangenen Jahrzehnts. Wie geht es mit der deutschen Leistungsbilanz weiter?

Ich bin optimistisch, hier zeigt sich ein Trend. Wir sehen seit einiger Zeit eine Reihe von Sonderfaktoren, die die deutsche Exporttätigkeit begünstigen – zum Beispiel der relativ niedrige Euro, die Lohnzurückhaltung, aber auch die geringe Investitionsneigung und die kräftige Konsolidierung des Unternehmenssektors, die seine internationale Wettbewerbsfähigkeit gestärkt hat. Das alles ist aber nicht in Stein gemeißelt, wie die Vergangenheit lehrt. Erste Anzeichen eines Wandels sind bereits spürbar. Eine völlig ausgeglichene Leistungsbilanz ist nicht erreichbar und auch nicht wünschenswert, denn mit Blick in die Zukunft benötigen wir Ersparnisse – allerdings nicht in so hohem Maße und auch sicherer Art. 

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