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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Digitalisierung

„Den Mittelstand nicht unterschätzen“

Von Harald Lutz | 27. Juli 2017 | Ausgabe 30

Kurze Entscheidungswege und hohe Flexibilität einerseits, Bedenken und fehlende Fachkräfte andererseits

Digitalisierung BU
Foto: panthermedia.net/hypermania

Ihre digitale Zukunft nehmen immer mehr kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aktiv in die Hand. Andere aber zögern noch.

Nach meiner Wahrnehmung nimmt der Mittelstand – allen Unkenrufen zum Trotz – in puncto Digitalisierung immer mehr Fahrt auf. Wir dürfen die KMU daher nicht unterschätzen“ – mit dieser Eingangsthese überraschte Reiner Anderl von der TU Darmstadt, Professor im Fachgebiet Datenverarbeitung in der Konstruktion, kürzlich bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der „Konferenz Mittelstand 4.0“ in Darmstadt. Der deutsche Mittelstand sei stark und hochflexibel: „Die Entscheidungswege sind kurz und werden wesentlich schneller durchlaufen, als wir das von Projekten bei Großunternehmen kennen.“

Zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen des Mittelstands an die große Herausforderung Digitalisierung sieht die Geschäftsführerin des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums Darmstadt, Siri Adolph. Zum einen gebe es die Beunruhigten und Besorgten, die mit der Digitalisierung vor allem das Bild einer menschenleeren Fabrik verbinden. Zum anderen die Aufgeschlossenen und sehr Umtriebigen, die bereits konkrete Umsetzungsideen oder gar Projekte angestoßen haben.

„Für die erste Gruppe spielen Emotionen eine sehr große Rolle“, berichtete die Geschäftsführerin aus ihrer Beratungstätigkeit. Gemeinsam mit den mittelständischen Unternehmen arbeitet das Kompetenzzentrum als Teil der Förderinitiative „Mittelstand 4.0 – Digitale Produktions- und Arbeitsprozesse“ daher an Strategien zur digitalen Transformation der Unternehmensprozesse. Es wird dabei vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Diese Aktivitäten sollen KMU, die noch Unbehagen bei dem Thema Digitalisierung verspüren, die Angst nehmen, Potenziale analysieren und konkrete, gangbare Wege aufzeigen.

Sowohl die Chancen als auch die Risiken der Digitalisierung vernünftig auszutarieren, forderte Jörg Köhlinger, IG-Metall-Bezirksleiter Mitte. Es gehe nicht um Technik allein. „Vielmehr muss der Mensch im Mittelpunkt stehen.“ Wer mit der Digitalisierung und Industrie 4.0 vorankommen wolle, könne dies nicht ohne die Beschäftigten und Arbeitnehmer erreichen.

Für KMU sieht Köhlinger einige spezielle Restriktionen auf dem Weg in die digitale Zukunft: „In mittelständischen Unternehmen ist die Firmenleitung oftmals in das operative Geschäft einbezogen und hat keine Kapazitäten, um sich das Thema zu erschließen.“ Hinzu kämen mögliche finanzielle Engpässe durch zu geringe Eigenkapitalausstattung und daraus folgende unzureichende Investitionstätigkeit in Forschung und Entwicklung. Zudem würden die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 oftmals mehr als Kostenfaktor denn als Innovation gesehen und angegangen. Vielfach noch unklare gesetzliche Rahmenbedingungen, beispielsweise in puncto Datenschutz und Cloud, sieht er als weiteres Hemmnis bei der Digitalisierung. Und er kritisierte, dass man den viel beklagten Fachkräftemangel hätte kommen sehen können. Es herrsche eine zu geringe Ausbildungsbereitschaft in den Unternehmen mit der Folge eines wachsenden Wettbewerbs um qualifizierte Mitarbeiter.

„Wir benötigen viel mehr Fachkräfte, die das Thema Digitalisierung in die mittelständischen Unternehmen tragen und dort umsetzen“, forderte auch Anderl. Ein weiteres Problem sei das Thema Investitionsschutz, das im Mittelstand einen weit größeren Stellenwert einnehme als in der Großindustrie. Es brauche Fallbeispiele mit nachvollziehbaren betriebswirtschaftlichen Daten. Anderl: „Wenn ein Inhaber deutliche fachliche Parallelen zu seiner eigenen Firma sieht und die Amortisationszeit für das Digitalisierungsprojekt bei lediglich einem Jahr liegt, wird er sich dem technischen Fortschritt kaum verschließen.“

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