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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Metallhandel

„Den physischen Markt zu schützen ist unser oberstes Ziel“

Von Christoph Böckmann | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Der neue CEO der London Metal Exchange (LME), Matthew Chamberlain, ist erst 35 Jahre alt. Er hat zum Börsengeschäft aber ganz klassische Ansichten.

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Foto: London Metal Exchange

Highspeed-Trading kommt für Chamberlain an der LME auch künftig nicht infrage. Elektronischer Handel und Algorithmen sind aber mittlerweile zugelassen.

VDI nachrichten: Der außerbörsliche Handel (Over-the-Counter – OTC) wächst, so wie er es vor der Lehman-Brothers-Pleite tat. Wie groß ist das Risiko?

Chamberlain: Es ist wichtig, den Handel zwischen Händlern von jenem zwischen Händler und Kunden zu unterscheiden. Bei Industriemetallen ist der Handel zwischen Händlern ein Geschäft, das über die LME läuft. Sei es durch deren Ring, in dem sich die Händler gegenübersitzen, den Telefonhandel oder den elektronischen Handel. Daran schließt sich dann ein Clearing an.

Matthew Chamberlain

Sorge bereitet den Finanzmarktregulatoren die Anfälligkeit der Banken beim Handel untereinander, der das Potenzial einer echten Systemkrise in sich birgt.

Beim OTC)der Händler mit ihren Kunden sind die Risiken hingegen deutlich geringer. Wenn ein Händler pleite geht, dann kann das zwar viel Unruhe und Probleme mit sich bringen. Aber das ist noch längst keine Systemkrise. Der sicherste Weg ist allerdings stets der LME-Kontrakt.

Dennoch haben Sie Geschäft an den OTC-Markt verloren.

In gewisser Weise sicherlich. Tatsache ist, dass die Finanzmarktregulatoren in Europa und den USA ihre Möglichkeiten bisher nur genutzt haben, um einige wenige Anlageklassen wie Kreditderivative, Wechselgeschäfte oder andere Finanzanlagen – Swaps – zwangsweise gesetzlich zu regeln. Das hat die Investmentmodelle der Banken so verändert, dass manche Kunden zum OTC-Markt wechselten. Leider hat unsere Gebührenstruktur uns auch Kunden gekostet. Wer aber auf Sicherheit achtet, den treibt es weiter zur LME. Und wer in erster Linie an die Gebühren denkt, tendiert zum OTC-Markt. Jeder trifft eben seine eigene Entscheidung.

Die Digitalisierung des Rohstoffgeschäfts läuft immer schneller. Wie passen da die drei Handelsplattformen – persönlich, telefonisch und elektronisch – der LME noch zusammen?

Auf der Handelsebene gibt es in der Tat große Fortschritte. Natürlich gibt es auch schon algorithmischen Handel an der LME. Aber ich bin keineswegs jemand, der den Ring, also den persönlichen Handel, abschaffen und alle vor den Bildschirm setzen will. Der Ring hat uns über lange Jahre gut gedient. Wenn man die Komplexität unserer Datenstrukturen betrachtet, dann bietet sich dort die Möglichkeit, auf andere Art zusammen zu kommen. Die Digitalisierung ist für unser physisches Geschäft ebenfalls bedeutend. Aber auch die Blockchain-Technik dient der Abwicklung und ist für uns selbst keine Handelsform. Wir unterscheiden zwischen Highspeed-Trading und Algo-Trading. Wir sind bewusst kein Highspeed-Markt und lassen die Algorithmen zwar zu, aber nicht in unser Datencenter. Wir haben uns entschieden, nicht in diesen Hochgeschwindigkeitskrieg einzusteigen, der anderen Börsen so viel Probleme bringt.

Einzelne Ihrer Händler haben sogar um eine Art von Fahrbahnschwellen gebeten, um die Algorithmushändler abzubremsen.

Ja, aber das ist nicht mehr erforderlich, denn wir haben uns die Sorgen angehört. Was Händler im physischen Markt wirklich hassen, ist, dass ihre Angebote sofort übertrumpft werden. Die allgemeine Vorstellung ist, dass ein Algo-Trader, der feststellt, dass sie Kupfer kaufen wollen, es ihnen wegschnappt und ihnen anschließend zu einem höheren Preis verkauft. Das ist im Prinzip keineswegs illegal. Aber die Frage bleibt, ob das dem Markt nutzt? Schafft das mehr oder weniger Liquidität? So setzten auch die Algo-Trader an der LME auf Algorithmen, die Liquidität schaffen und nicht jene, die Ärger bereiten.

Charles Li, CEO der Hong Kong Exchange and Clearing (HKEx), die vor einigen Jahren die LME gekauft hat, sagt: „Wir wollen einen Laden mit einfachem Zugang, in dem Otto Normalverbraucher ein Geschäft abschliessen kann.“ Wie sieht das an der LME aus?

Natürlich werden wir nie ein Einzelhandelsgeschäft aufmachen. Aber denken Sie mal an einen großen Fonds, der beispielsweise jeden Mittwoch Aluminium oder Kupfer kaufen will und deswegen zur LME kommt. Wir schauen uns unsere Bücher an und stellen fest, das wir das nicht machen können, weil es bei uns nur Dreimonatsgeschäfte gibt. Aber der Fonds will diese nicht, sondern wöchentlich oder monatlich kaufen. So kann er nicht direkt von uns kaufen, sondern muss ein LME-Mitglied um Hilfe bitten. Natürlich tun das die Broker, und wir sind ihnen dafür auch sehr dankbar. Aber auch wenn es mit den Brokern gut läuft, muss der Fonds seinen Mitgliedern beweisen, dass er die besten Deals bekommt. Normalerweise ist das an einer Börse durchaus möglich. Aber eben nicht an der LME, wo dies nur über Broker geht. Man kann auch zu zwei oder drei Brokern gehen. Aber das deckt immer noch nicht alles ab. Ich denke, dass es an der Zeit ist, mehr und mehr von der Liquidität der Fonds direkt an uns zu ziehen.

Das aber könnte die Broker eine ganze Menge ihres Geschäfts kosten.

Nicht unbedingt. Natürlich bemüht sich ein Broker um seine Kunden und bleibt mit ihnen eng verbunden. Aber draußen auf dem Markt gibt es Tausende potenzieller anderer Kunden. Das führt zu der interessanten Frage, ob man sich auf seine zehn bis 20 Kunden ganz konzentriert oder im Wettbewerb mit anderen Brokern den Zugang zu den vielen tausend potenziellen Kunden sucht. Wir versuchen keineswegs unseren Brokern die eine oder andere Lösung aufzuzwingen. Und wenn einige von ihnen lieber weiter den alten Weg gehen wollen, dann ist uns das auch recht. Aber ich denke, dass wir in unsere Infrastruktur investieren sollten und dass dann die Broker auch die neuen Möglichkeiten sehen werden.

Seitdem die Hongkonger Börse HKEX im Jahre 2012 die LME gekauft hat, sind die Mitglieder der LME wie Aurubis, Triland Metals oder die Deutsche Bank nicht mehr deren Besitzer. Wie wichtig sind denn die Mitglieder heute noch für die Börse?

Die Mitglieder sind von größter Wichtigkeit, denn sie sind unsere Kunden. Die Beziehung hat sich verändert, aber wir lernen, wie sie sich verbessern lässt. Nichtsdestoweniger ist es unser oberstes Ziel, den physischen Markt zu schützen. Denn dieser ist und bleibt unsere Basis. Die meisten Mitglieder sehen das auch so. Wir müssen aber immer wieder beweisen, dass wir die richtige physische Referenz bieten. Wären wir nur ein Finanzzentrum, dann müssten wir den Handel ohne jegliche Rücksicht auf die physischen Nutzer der Metalle ablaufen lassen – z. B. durch Highspeed-Trading und unbeschränktes Algo-Trading. Durch unser schützendes Handeln haben wir sogar einiges an Volumen und Geschäft eingebüßt.

Aber haben Sie das nicht wegen der Gebührenerhöhungen im Jahre 2015 verloren?

Angesichts des hohen Kaufpreises den die HKEX für die LME und damit den Mitgliedern bezahlen musste, waren die Gebührenerhöhungen im Prinzip richtig. Und manche dieser Erhöhungen sind auch als fair akzeptiert worden. Andere dagegen haben Unruhe bewirkt. Wir mussten einsehen, dass wir nicht ganz richtig gelegen haben und mussten uns anpassen. Im vergangenen Jahr haben wir eine kleine Korrektur vorgenommen. Aber unsere Mitglieder haben uns gesagt, dass wir mehr tun müssen. Und wir denken, dass wir das auch tun sollten.

Martin Abbot, einer Ihrer Vorgänger bei der LME, versucht eine neue Handelsplattform aufzubauen. Wie bewerten Sie die Konkurrenz?

Wir begrüßen Wettbewerb. Wenn sich jemand neu mit Basismetallen zu beschäftigen beginnt, dann ist das eindeutig ein gutes Zeichen für unseren Markt. Wir selbst investieren dort eine Menge, in die Preisbildung, in das Clearing und die Abwicklung. Wenn jemand eine gänzlich neue Börse aufbauen will, dann gibt es nichts, was wir dagegen tun können. Aber wir haben den Eindruck, dass die neuen Plattformen mit uns zusammenarbeiten wollen. Das kann Zugang zur Preisbildung bedeuten, genauso wie zum LME-Clearing oder sogar zur LME-Abwicklung. All jenen, die das anstreben, stehen wir zur Diskussion zur Verfügung. Aber wovon sie uns wirklich überzeugen müssen, ist der Nutzen für den gesamten Markt. Wer sich nur ein Stück von unserem Kuchen abschneiden will, der hat keine Aussicht auf Partnerschaft.

Es gibt noch weitere Wettbewerber. Haben zuletzt die Shanghai Futures Exchange (ShFE) und die CME die Vorreiterrolle der LME im Aluminium- und Kupferhandel geschwächt?

Bei Aluminium geht das zum Teil auf die Lagerhausreform zurück. An der Spitze des konjunkturellen Zyklus waren mehr als 8 Mio. t Aluminium in den LME-Lagerhäusern gespeichert. Das führte für die Kunden zu endlosen Warteschlangen. Wir haben etwas getan, aber durch die erfolgreichen Reformen etwas an Volumen eingebüßt. Schanghai mag beim Aluminiumhandel etwas gewonnen haben, aber wir sehen Schanghai nicht so sehr als echte Konkurrenz, sondern als Parallelmarkt, da die ShFE keinen freien Zugang bietet. Die CME ist in der physischen Abwicklung von Aluminiumkontrakten keineswegs erfolgreich und spielt kaum eine Rolle. Bei Kupfer hat die CME mehr getan. Die Herausforderung für uns ist, dass für Finanzinvestoren Kupfer die wichtigste Rolle spielt. Unsere Marktstruktur ist zudem für Finanzinvestoren nicht ideal. Wir bemühen uns, den physischen Markt zu schützen. Wenn wir dafür einen Preis zu zahlen haben, so sei es drum. Ich bin vielmehr an einer starken physischen Basis im Metallhandel interessiert, als heißem Geld nachzulaufen, das heute kommt und morgen wieder verschwindet.

Seit kurzem wird über die LME auch Gold gehandelt. Warum ist der neue Goldkontrakt zumindest in London nur so schleppend angelaufen?

Der Eindruck trügt. Wir hatten mit 800 Partien einen guten Start – zumindest für den ersten Tag. Das entspricht immerhin 2,5 t Gold. Blickt man auf die USA mit ihrem lange etablierten Goldmarkt, dann läuft dort natürlich ungleich mehr. Aber er ist über Jahrzehnte gewachsen während wir vom ersten Tag sprechen. Verglichen mit Wettbewerbern, die versucht haben, einen Goldmarkt in London aufzubauen, sind wir ungleich besser. Binnen der ersten Handelswoche sind die Volumina so gewachsen, dass wir mit dem neuen Kontrakt zufrieden sind. Natürlich erfordert jeder neue Kontrakt viel Arbeit, viel Aufmerksamkeit und Liebe. Aber wir haben das Glück, sehr gute Partner zu haben, die uns helfen. Daher macht dieser Edelmetallhandel uns richtig Freude.

Aber warum haben Sie am gleichen Tag in Hongkong einen ganz ähnlichen Goldkontrakt aufgelegt?

Unsere Kollegen in Hongkong sind von ihren neuen Goldkontrakten ganz begeistert. Der eine lautet auf US Dollar, der andere auf Renmimbi. Beide haben sofort viel Interesse geweckt, dies sowohl wegen des Goldes als auch wegen der Währungen. In Hongkong war das eine der seit langer Zeit erfolgreichsten Kontrakteinführungen. Unser Gruppen-CEO, Charles Li, hat Edelmetalle stets als ein Kernelement des Handels gesehen. Daher ist es nur allzu verständlich, dass wir Gold nun in London wie in Hongkong handeln. Wir sehen da große Chancen. Natürlich haben wir Wettbewerber. Und es gibt sogar Gerüchte über Wettkämpfe zwischen der LME und dem OTC-Handel. Wir sehen das aber nicht als Kampf. In unserem Kerngeschäft mit Basis- und Industriemetallen gibt es auch einen starken OTC-Markt neben unserem Börsenmarkt.

Haben Sie im IT-Studium in Cambridge je selbst versucht, Algorithmen zu entwickeln?

Oh nein. Definitiv würde mir wohl auch niemand das Risikokapital dafür anvertrauen. 

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