Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Dienstag, 12. Dezember 2017

Kongress

Der Boss als Coach

Von Claudia Burger | 11. Mai 2017 | Ausgabe 19

Die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer suchen Führungsmodelle in Zeiten der digitalen Transformation.

Bildartikel zu 031829_170504_1445.jpg
Foto: VDMA/Uwe Nölke

Im Dialog: FDP-Kandidat Thomas Sattelberger (li.) und Frank Piller vom Lehrstuhl für Innovationsmanagement in Aachen.

Norbert Basler formulierte beim Kongress „Führung im digitalen Zeitalter“ des Verbands Deutscher Maschinenbauer (VDMA) in seinem Eingangsstatement die Dringlichkeit, sich das Thema Führung bewusster zu machen: „Es bleibt wohl tatsächlich kein Stein auf dem anderen, das betrifft auch den Maschinenbau“, sagte der Aufsichtsratvorsitzende der Basler AG und VDMA-Vizepräsident. Rund 180 Gäste lauschten seinen Ausführungen.

Jedes Unternehmen müsse seine eigene Strategie entwickeln. „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und horizontale Wertschöpfung über die Unternehmensgrenzen hinaus benötigen im hohen Maß selbstständige und unternehmerisch denkende Mitarbeiter. Um diese erfolgreich zu managen, brauchen wir einen Quantensprung in Sachen Führung, denn insbesondere die jungen Generationen werden die konventionellen Hierarchien nur noch in Teilen akzeptieren“, erklärte Norbert Basler.

Er pochte auf den Stellenwert von agilen und designorientierten Methoden wie Scrum und Design Thinking, die auch „einen Grad von Kundeneinbindung ermöglichen, den wir noch nicht gewohnt sind“.

Der Engpass liege nicht im Know-how und Kapital, sondern in der unternehmerischen Haltung. Diese müsse durch Führungskräfte gefördert werden. Es sei für klassische Führungskräfte erforderlich, ein neues Rollenmodell zu entwickeln, „weg vom operativen Macher und Bereichsfürsten, hin zum Berater und Coach“. Das ist, wenn man Thomas Sattelberger glaubt, dem altgedienten Manager (Deutsche Telekom, Continental) und Provokateur in der Managerwelt, in Deutschland selten der Fall. Und das sei eben Teil des Problems: Deutschland sei in eine Sandwichposition zwischen dem Digital-House USA und dem Maschinenhaus China geraten. Sattelberger hielt seine provozierende Keynote nicht mehr als Vorsitzender der Initiative Neue Qualität der Arbeit( INQA), da er vor ein paar Wochen von diesem Amt zurücktrat, um als Bundestagskandidat für die FDP zu kandidieren. Er rief die Firmen zu mehr Innovationen auf. Sie sollen Räume einrichten, in denen neue Ideen entstehen können. Betriebe müssten auf dem Konzept der Ambidextrie fußen, der Ausnutzung von Bestehendem und Erkundung von Neuem. Gewerkschaften sollten eine andere Einstellung zur Digitalisierung einnehmen, sonst würden sie die Totengräber des Themas. „Was da teilweise an Verhinderung abgeht, oft begründet mit Mitarbeiterdatenschutz, ist verheerend.“ Mit deutschen Arbeitszeitgesetzen lasse sich kein Start-up gründen.

Führung, die den Mitarbeitern Wertschätzung entgegenbringt, mag für einige Neuland sein, andere hingegen sehen sich da auf einem guten Weg. Magdalena Münstermann, geschäftsführende Gesellschafterin beim Sonderanlagenbauer Bernd Münstermann in Telgte, erklärte jedenfalls die Personalpolitik in ihrem Haus mit 260 Beschäftigten mit einem Wort: „Vertrauen“.

Dazu gehöre auch der konstruktive Umgang mit Fehlern. Zudem habe jeder Mitarbeiter im Unternehmen Zugriff auf die aktuellen Daten eines Auftrags, so könne jeder sehen, wo das Projekt steht. „Das führt auch dazu, dass der Meister, wenn er sein Projekt beendet hat, als Mitarbeiter bei einem anderen Projekt aushilft“, sagte Münstermann. Die Kultur der Transparenz sei 2003 in einer Krise des Unternehmens entstanden und habe sich bewährt.

Auch bei den Auszubildenden geht die Firma neue Wege: Jeder soll ein paar Wochen im Ausland arbeiten und jeder Jahrgang arbeite zudem an einem abteilungsübergreifenden Projekt, das Raum für Ideen und Kreativität biete. „Zurzeit tüfteln sie an einem Pizzaofen, in den man vorne den Teig hineinschiebt, und hinten kommt die fertige Pizza heraus“, erklärte Münstermann. Auch so werde Freude an Innovation geschaffen.

Den Aufbau einer schnellen Einheit in einem Konzerntanker beschrieb Nora Rühmann, Chief Operation Officer von SMS digital. Der Anlagenbauer für die Stahlbranche hat mit seiner Digitaleinheit vor einem Jahr eine Ausgründung geschaffen, die rund um die Maschinen zusätzliche digitale Features für die Kunden entwickeln soll. Jeder Bewerber in dieser neuen Einheit würde von allen Teammitgliedern angesehen.

Zudem praktiziere SMS digital eine positive Fehlerkultur, die bei den Chefs beginne: „Wir zeigen, auch das Management darf Fehler machen“, sagte Rühmann. Vereinzelt würden aber auch in der Digitaleinheit mit der agilen Arbeitsweise alteingesessene Führungsinstrumente wie Zielvereinbarungen eingesetzt.

Diversifikation als Gebot der Stunde thematisierte Frank Piller, Lehrstuhlinhaber für Technologie und Innovationsmanagement (TIM) an der RWTH Aachen. Unternehmen könnten zudem nur mit Integrationsfähigkeit überleben. Sie müssten überlegen: „Wo sind meine technologischen Tugenden, und wo kann ich die in ganz anderen Marktbereichen einsetzen.“ Piller regte an, im Rahmen der VDMA-Forschungsvereinigungen eine Gesellschaft zum Thema Transformation einzurichten. Die Forschungsvereinigungen seien forschungspolitisch einmalig, so etwas gebe es nicht in vielen Ländern.

stellenangebote

mehr