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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Porträt der Woche

Der Ingenieur unter den Gewerkschaftsbossen

Von Hartmut Steiger | 12. Januar 2017 | Ausgabe 01

Hartmut Meine, langjähriger IG-Metall-Bezirksleiter in Niedersachsen, ging Ende 2016 in den Ruhestand.

Foto: Ulrich Zillmann

Hartmut Meine: Mit Lesen, Reisen und Laufen ist sein Ruhestand nicht ausgefüllt.

Reisen, lesen, laufen – der Rentnerdreikampf wird, zumindest in den nächsten Monaten, auch Hartmut Meines Leben bestimmen. Ende vergangenen Jahres ist er in den Ruhestand gegangen, fast 20 Jahre stand Meine als Bezirksleiter an der Spitze der IG Metall in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Er war der dienstälteste Bezirksleiter der größten deutschen Gewerkschaft und der erste und bisher einzige Ingenieur auf einer solchen Position.

Hartmut Meine

Mit Anzug und Krawatte stets korrekt gekleidet, schnörkellos und bei Tarifverhandlungen bis ins letzte Detail gut vorbereitet, wie Arbeitgebervertreter einräumen: Meine steht für eine Gewerkschaft, die sich neuen Zielgruppen unter den Hochqualifizierten öffnet, vor allem Ingenieuren und Informatikern, ohne die Bindung an die klassische Klientel in den Werkshallen aufgeben zu wollen. In seinem Bezirk gab es schon sehr früh Kooperationsstellen der IG Metall an ingenieurwissenschaftlichen Fachbereichen der Universitäten.

An seinen Verhandlungspartnern auf der Arbeitgeberseite schätzt er vor allem Professionalität. Meine denkt dabei vor allem an Dietrich Kröncke, langjähriger Hauptgeschäftsführer bei Niedersachsenmetall, sowie an Jochen Schumm und Martin Rosek, mit denen Meine die VW-Tarifverhandlungen geführt hat. „Absolute Profis“, sagt der Ex-Bezirksleiter über seine früheren Gegenüber: knallhart, dennoch konstruktiv und verlässlich.

Starke Gegner auf Arbeitgeberseite sind nach Überzeugung von Meine für das Tarifsystem und damit für Gewerkschaften existenziell, auch wenn das paradox klingen mag. Denn ein Kompromiss, wie er am Ende von Tarifverhandlungen steht, verlange beiden Seiten etwas ab. Dazu müssten die Arbeitgeber die Unternehmen im eigenen Lager zusammenhalten, zu Kompromissen stehen und diese auch durchsetzen.

Meines Tätigkeit als Bezirksleiter fiel in eine Zeit, in der Gewerkschaften in die Defensive geraten waren. Die IG Metall wurde als Blockierer hingestellt, die mit hohen Löhnen und starren Tarifverträgen zur Gefahr für den Standort geworden sei. Aus der Politik wie von Arbeitgebern kamen Forderungen nach mehr Flexibilität. Union und FDP versuchten, die Regelung des Entgelts und der Arbeitsbedingungen von den Tarifparteien in die Betriebe zu verlagern. Das wäre das Ende der Gewerkschaften gewesen. Geschwächt wurde die IG Metall auch durch einen von den Arbeitgebern hart geführten Arbeitskampf zur Einführung der 35-Stundenwoche in Ostdeutschland, den sie 2003 verloren hat.

Besonders bitter für die Gewerkschaft war, dass ausgerechnet der SPD-Kanzler Schröder zusammen mit den Grünen den Niedriglohnsektor massiv ausgeweitet, die Leiharbeit liberalisiert und das Renteneintrittsalter erhöht hat. Die Verbindung zwischen SPD und Gewerkschaften drohte an der Agenda-Politik zu zerbrechen.

2008/2009 mit der Finanzkrise wendete sich das Blatt. „Die Hochphase des Neoliberalismus war jetzt vorbei“, sagt Meine. Die IG Metall profilierte sich als Krisenmanager und verhinderte mit einer Vereinbarung zur Kurzarbeit Entlassungen. Die Gewerkschaft wurde wieder gebraucht, das Tarifsystem wird seither nicht mehr infrage gestellt.

Erfolge lassen sich nur selten einzelnen Personen zuschreiben, sie sind das Ergebnis kollektiver Handlungen. Deshalb spricht Meine lieber vom Erfolg der IG Metall als von seinem eigenen. Dazu zählt er die Rettung des Tarifsystems, aber auch die Einführung des Entgelttarifvertrags ERA. „Mit ERA wurde die Zweiklassengesellschaft von Arbeitern und Angestellten in der Metall- und Elektroindustrie aufgehoben.“ Dank ERA verschwanden auch überholte Tätigkeitsbeschreibungen in den Unternehmen, z. B. die des Lochkartenstanzers, die es noch bis 2003 gab.

Als Niederlage empfindet Meine, wenn Entlassungen nicht zu vermeiden waren: zum Beispiel bei dem Fahrtreppenhersteller Otis, beim Waggonbauer Bombardier oder in den 1980er-Jahren bei Telefunken. Der Arbeitsplatzabbau bei dem Fernsehgerätehersteller traf ihn besonders hart. Dort hatte er 1976 seine Karriere als Fertigungsplaner begonnen. Nach fünf Jahren wechselte er zur IG Metall, 1998 wurde er Bezirksleiter.

Das Interesse an Technik hat Meine von zu Hause mitbekommen, sein Vater war auch Ingenieur. Meines Interesse an Politik jedoch wurde durch die Studentenbewegung geweckt, im Münster der späten 1960er-Jahre, wo er aufgewachsen ist. Von der Politisierung seines Sprösslings war der Vater nicht gerade begeistert.

Meine junior ging nach dem Abitur nach Karlsruhe und studierte an der dortigen Technischen Universität, dem heutigen Karlsruhe Institut für Technologie, und in Los Angeles Wirtschaftsingenieurwesen. Seine Wahl fiel auf dieses Fach, weil er darin immer auch den gesellschaftlichen Bezug mitdenken konnte.

Dem Müßiggang will sich Meine im Ruhestand aber nicht lange hingeben. Wenn er mit dem Nichtstun pünktlich fertig wird, sagt er augenzwinkernd, wolle er ein Buch schreiben. Darin will er einem breiteren Publikum und vor allem jüngeren Menschen verständlich machen, wie wichtig Einheitsgewerkschaften und der Gedanke der Solidarität sind.  jdb

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