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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Porträt der Woche

Der (Zu)hörer von der Küste

Von Regine Bönsch | 4. Mai 2017 | Ausgabe 18

Der Geschäftsführer des Hörgeräteherstellers Resound Deutschland, Joachim Gast, setzt auf Vernetzung.

Portrait der Woche (2)
Foto: Resound

Joachim Gast weiß, dass nur jeder fünfte der über 13 Mio. Hörgeschädigten in Deutschland ein Hörgerät nutzt.

Joachim Gast ist im Vorteil. Wenn es in der Messehalle unerträglich laut wird und seine Gesprächspartner nur noch Bahnhof verstehen, kann er seine Gegenüber gut hören. Gast trägt jeweils an einem Ohr ein Hörgerät, das kleiner ist als ein Gummibärchen und weit mehr kann als ein simples medizinisches Gerät. Denn die Winzlinge von Resound lassen sich über Smartphones und -watches steuern, verstehen sich über Bluetooth mit Mobilgeräten, aber auch mit Fernsehern.

Joachim Gast

Der 42-jährige Geschäftsführer hat selbst einen geringen Hörverlust und einen Tinnitus. Da helfen die Produkte. Doch vor allem trägt er die kleinen Geräte, weil ihn die Vernetzungsfunktion begeistert. Musik-Streaming beim Rasenmähen beispielsweise. Über die App kann er aber auch seinen leichten Tinnitus aussteuern. Gast schmunzelt: „Ein bisschen Wellenrauschen ist gut – ich komme von der Küste.“

Nach seinem BWL-Studium in Kiel und England hat Gast angefangen bei Fielmann zu arbeiten. Er trägt seit seinem fünften Lebensjahr eine Brille, das Unternehmen kommt aus Norddeutschland – damit konnte sich Gast identifizieren.

Eigene Erfahrung und die Identifikation mit dem Thema – das scheint dem 42-Jährigen wichtig zu sein. Schon in seinem Zivildienst Anfang der 1990er-Jahre, als er in der mobilen Pflege beim Deutschen Roten Kreuz arbeitete, hatte er Berührungspunkte mit Hörgeräten: „Ich weiß seitdem direkt vom Nutzer, was funktioniert, was gut ist und was schlecht ist.“ Allerdings habe sich seitdem die Leistungsfähigkeit von Hörgeräten atemberaubend verbessert.

Es erscheint logisch, dass Gast als Vertriebsleiter von den Brillen zu den Hörgeräten und damit zum damals größten Filialisten dieses Bereichs, Amplifon, wechselte, bevor er die Geschäftsführung von Resound Deutschland übernahm.

Resound ist die weltweite Nummer vier der Hörgerätebranche – mit stetig wachsendem Marktanteil. Jedes sechste Hörgerät kommt von dem dänischen Unternehmen mit Sitz in Ballerup nahe Kopenhagen. 5500 Mitarbeiter hat der gesamte Konzern weltweit und macht über 1 Mrd. € Umsatz pro Jahr. Neben den Hörgeräten zählen auch Kopfhörer von Jabra und Messgeräte für Akustiker zum Unternehmen.

„Brille und Hörgerät – diese beiden Produkte machen mir viel Spaß, denn sie bringen einen hohen Mehrwert“, sagt Gast und strahlt, bevor er wieder eine ernste Miene auflegt. Zwischen 13 Mio. und 15 Mio. Menschen in Deutschland sind hörgeschädigt. Also jeder fünfte, so wie in fast allen Industrieländern. Und es werden immer mehr – die Generation Walkman/Discman lässt grüßen. Doch von den Millionen Geschädigten tragen nur 20 % ein Hörgerät. Die anderen 80 % „wurschteln sich so durch den Alltag“, wie Gast es beschreibt. Sie verabschieden sich aus kommunikativen Situationen. Mit dem Hörgerät verändere sich dann das soziale Leben der Menschen. „Sie nehmen an Gesprächen teil, gehen wieder ins Theater, Kino oder in die Volkshochschule.“

Es sei wichtig frühzeitig zum Akustiker zu gehen, das wiederholt er gebetsmühlenartig: „Man vergisst nämlich Geräusche, die man länger nicht gehört hat. Die müssen Sie erst wieder lernen.“

Am Herzen liegt Gast eine weitere Sache: „Wir wollen das Stigma von dem Medizinprodukt Hörgerät nehmen – durch smarte Bluetooth-Anbindung und App-Bedienung.“ Mit den winzigen, kaum erkennbaren Exemplaren, die er am Ohr trägt, scheint ihm das schon gelungen. Sie unterscheiden sich kaum von „Earables“ – jenen Minikopfhörern, die immer mehr in Mode kommen. Solche, wie sie auch die Konzerntochter Jabra anbietet. Gast selbst trägt sein Modell in Glanzschwarz – passend zur Brille.

Die Technik hat gerade bei Hörgeräten in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht. Die Hörakustiker – „der Schlüssel für modernes Gesundheitsmanagement“, so Gast – können viel stärker Feinstjustierungen vornehmen. „Immer mehr Rechenleistungen pro Millisekunde optimieren das Hören von Geräuschen und noch wichtiger das Verstehen von Sprache – trotz Umgebungsgeräusche.“ So wie in der Messehalle: Während die Musik am Nachbarstand aufgedreht wird, regelt das Gerät blitzschnell runter.

Vernetzung ist längst Realität bei Hörgeräten. „Sie können jemanden im Urlaub in Ihr iPhone sprechen lassen und Google Translate überträgt die deutschsprachige Übersetzung direkt auf die Hörgeräte.“ Auch Telefonate, Navigationsansagen und Musik können direkt auf die Hörgeräte gestreamt werden. „Wir wollen das Gehör noch stärker als Schnittstelle nutzen.“ Für viele weitere Informationen – von der Alarmanlage bis hin zu den Ansagen einer vernetzten Waschmaschine.

Und noch eine Vision hat Gast: Im Kino, Museum oder Theater scannen Hörgeschädigte die QR-Codes und sind in die Audioübertragung eingeloggt. Oder sie scannen ihre Bordkarte beim Flug und erhalten passende Durchsagen für die Reise. Gleiches kann für die Bahn gelten. Automobile könnten für Hörgeräte präpariert werden. Resound sei offen für Kooperationen aus unterschiedlichen Branchen. „Wir möchten neben gutem audiologischen Hören die technische Anbindung an verschiedene Klangquellen sicherstellen“, erklärt Gast. Der Träger eines Hörgeräts soll so besser und mehr hören als ein 20-Jähriger mit perfektem Gehör. Er schmunzelt wieder: „Unsere Industrie kann dank der Technik viel mehr.“

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