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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

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Arbeit

Der vermessene Mitarbeiter

Von Sebastian Wolking | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Künstliche Intelligenz soll Zufriedenheit messen und das Management entlasten – bis hin zur Stellenstreichung, so Kritiker.

Zukunft BU
Foto: panthermedia.net/Andreus

Wächst da was im Kopf des Mitarbeiters? Oder ist er am Ende seiner Schaffenskraft? Künstliche Intelligenz kann Stimmungen erkennen und diese deuten.

Schon heute gibt es Tools, die das Wohlbefinden der Mitarbeiter am Arbeitsplatz messen. Und als Grundlage für Personalentscheidungen dienen können. Kann künstliche Intelligenz (KI) helfen, Mitarbeiter glücklicher, effektiver, besser zu machen? Auf dem Zukunftskongress des Thinktanks 2bAhead in Wolfsburg wurde jüngst darüber diskutiert.

In den Büros dieser Welt ist Slack längst Everbody’s Darling. Slack ist ein Kommunikationstool, mit dem Teams chatten, Dokumente teilen und gemeinsam bearbeiten können. Es hat vielerorts die interne Firmenkommunikation komplett an sich gerissen. Doch Slack kann offensichtlich noch viel mehr. „Unser Algorithmus analysiert, was die Leute auf Slack sagen, und darauf aufbauend, können wir bestimmen, ob das Unternehmen glücklich oder unglücklich ist“, erklärt Frederic Peyrot. Der Franzose ist Chief Operating Officer (COO) von Air at en-japan in Tokio, einem IT-Unternehmen, das technologische Produkte für das Personalwesen (HR) entwickelt.

Bislang greifen Firmen vor allem auf jährliche Umfragen oder klassische Mitarbeitergespräche zurück, um die Zufriedenheit der Angestellten abzufragen. Mit Peyrots Algorithmus können sie den Befindlichkeiten der Mitarbeiter in Echtzeit nachspüren. Theoretisch ließen sich diese Daten sogar als Rekrutierungsinstrument einsetzen. Eine Firma, die mit dem Glückszustand ihrer Mitarbeiter um neue Fachkräfte wirbt – oder den monatlichen Glücks-Score auf ihre Homepage stellt.

Glücksmessung live, ist das der erste Schritt auf dem Weg hin zu Teams, die von künstlicher Intelligenz vermessen, begleitet und geführt werden? Im ersten Schritt soll Peyrots Tool die Stimmung der Belegschaft wiedergeben. Im zweiten soll es herausfinden, warum die Mitarbeiter happy, gestresst, verwirrt oder niedergeschlagen sind. Liegt es an den schwachen Absatzzahlen? An der langsamen Internetverbindung? „Wir versuchen, die Emotionen der Angestellten mit Gründen von Unzufriedenheit zu verbinden“, erklärt Peyrot. Und im dritten Schritt wolle man geeignete Gegenmaßnahmen vorschlagen. Noch sei man nicht so weit, gibt der Franzose zu, aber allein die Aussicht klinge verlockend.

Auch für Anna Kaiser, Gründerin der Jobsharing-Plattform Tandemploy, wäre es ein Vorteil, „wenn KI uns die Möglichkeit gibt, diese Zusammenhänge anders zu analysieren“. Man könne sofort automatisch Gegenmaßnahmen implementieren, „wenn etwa Mitarbeiter kurz vorm Burn-out stehen oder innerlich gekündigt haben“. Ist ein Mitarbeiter erschöpft, könnte ihm der Vorgesetzte proaktiv ein paar Urlaubstage nahelegen. Fühlt sich jemand in seinem Team nicht wohl, wäre die Versetzung in eine andere Abteilung denkbar. „Wir können nie die Auswirkungen aller denkbaren Szenarien kennen, aber KI kann es und kann uns auch mitteilen, welches Ergebnis das beste wäre“, ergänzt Peyrot.

Die großen Fortschritte habe es auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz noch nicht gegeben, meint der Wahl-Japaner. „Das ändert sich. Wir sind an einem Wendepunkt.“ Vor allem Managern der obersten Leitungsebene könne KI helfen. 54 % ihrer Arbeitszeit verbringen Manager laut einer Accenture-Studie mit administrativen Aufgaben: Reports schreiben, Dienstpläne erstellen, Urlaubsanträge absegnen. „Das ist, was KI übernehmen und besser machen kann.“ KI könne Zeit freiräumen, damit sich Führungskräfte auf wesentliche Aspekte der Arbeit konzentrieren können, Innovationen und ihre Mitarbeiter etwa.

Hilfe können die Manager offenbar gut gebrauchen. Bei Tandemploy habe man erst vor wenigen Tagen neue Führungsleitlinien festgelegt, berichtet Anna Kaiser. Die Gründerin zählt auf: „Eine gute Führungskraft ist jemand, der ein Vorbild ist, der inspiriert, der Freiraum gibt, der einem Eigenverantwortung als Mitarbeiter überlässt. Der aber auch Transparenz fördert und schafft. Der genau das tut, was er immer sagt. Der ruhig und empathisch ist. Jemand, der auch delegieren kann und lösungsorientiert handelt, und jemand, der Support anbietet, der unterstützt.“

Ein endloses Anforderungsprofil, das für einen Menschen aus Fleisch und Blut kaum zu erfüllen ist. Wenn die künstliche Intelligenz nun einige dieser Aufgaben übernehmen, die Entscheidungsfindung und Umsetzung unterstützen kann, dann wäre wohl allen geholfen. Indes: Bleibt es bei der Hilfestellung oder übernehmen die Maschinen die Managerjobs gleich mit?

„Haben Sie jemals versucht, mit einem Roboter zu sprechen?“, fragt Frederic Peyrot rhetorisch. Immerhin lebt er in Tokio, der Stadt der Roboter. Trotz aller Fortschritte hätten es diese noch nicht geschafft, menschliche Softskills zu erlernen, zu verinnerlichen. „Wir werden so schnell nicht ersetzt werden“, glaubt er. Vor allem das Topmanagement bleibe in den Unternehmen unersetzlich. „Ich glaube dennoch, dass das mittlere Management langfristig verschwinden wird.“ Also doch: KI wird Arbeitsplätze kosten, Führungskräfte komplett ersetzen, jedenfalls manche.

Für Gabriele Sommer keine schöne Vorstellung. Intelligente Maschinen könnten zwar helfen, „meine Entscheidung abzurunden, präziser zu machen“, sagt die Personalleiterin vom TÜV Süd in München. Aber „Boss muss immer der Mensch bleiben“. Ein frommer Wunsch? Denn das klappt nicht mal bei ihr zu Hause, hat sie festgestellt. „Mein Sohn hört mehr auf die Maschine als auf mich.“ 

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