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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Umwelt

Die Gewitterjäger von Rosenheim

Von Rudolf Stumberger | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Sieben Piloten bekämpfen im Auftrag des Landkreises Rosenheim die Hagelbildung im Alpenvorland. Das soll den Bauern helfen, bei Unwetterwarnung die Ernte zu retten.

Gewitter BUs (1)
Foto: Panthermedia.net/Daniel Wagner

Unwetter: Ein einziges Sommergewitter mit Hagel kann die gesamte Ernte vernichten. Bei Rosenheim passiert das so oft, dass dort Piloten als Gewitterjäger arbeiten.

Foto: Stumberger

 

Dieser Freitag hatte es in sich. Am 19. Mai fegte ein Sturm über Deutschland hinweg. In Hamburg legte das schwere Unwetter den Flughafen lahm, in Ostthüringen entgleiste ein Regionalzug. In München ging gegen 15 Uhr ein Hagelsturm nieder, innerhalb weniger Minuten waren die Straßen mit weißen Hagelkörnern in der Größe von bis zu 3 cm Durchmesser übersät. Dann zog das Unwetter weiter ins südliche Oberbayern – das war die Stunde von Georg Vogl. Denn der Pilot kämpft im Auftrag des Landkreises Rosenheim gegen die Hagelbildung über seiner Region.

Das Prinzip der Hagelabwehr

„Flugplatz? Was für ein Flugplatz?“ Die Frau mit Schürze, die gerade vor ihrem Einfamilienhaus mit einem Rechen hantiert, schüttelt den Kopf. „Der Flugplatz ist in Erding“, sagt sie, „wenn Sie das Flugfeld meinen, das liegt am Ende der Schotterstraße, hinter dem Wald.“ Auch wenn es dann doch ganz offiziell der Flugplatz Vogtareuth im oberbayerischen Landkreis Rosenheim ist – leicht zu finden ist er nicht. Das „Navi“ kennt ihn nicht und Schilder gibt es auch keine. So bleibt nur, sich durchzufragen. Und wirklich, am Ende einer unbefestigten Straße, hinter sieben Bergen und einem Wald taucht schließlich das Flugfeld im Grünen auf.

Foto: Stumberger

Georg Vogl im Cockpit: Er ist einer der Gewitterjäger von Rosenheim. Die Piloten steuern die Maschine direkt in die Aufwindzone der Gewitterfront und zünden dort die Rauchentwickler.

Eine Betonpiste und ein paar Gebäude – mehr als ein Hangar, eine Art Bungalow und ein Schuppen ist hier nicht zu finden. Ansonsten Stille, Wind und Einsamkeit. Man käme nicht wirklich auf die Idee, das von hier aus das Landratsamt Rosenheim einen Luftkampf gegen den Feind aus dem Himmel führt. Denn vom Flugfeld Vogtareuth starten zwei Flugzeuge, um die Bauern des Landkreises vor Hagelschäden zu beschützen. Gelingen soll das durch das Einbringen von sogenannten Kondensationskeimen in die Wolken, damit diese abregnen, bevor es zu Hagelbildung kommt.

Inzwischen ist auch Hagelflieger Georg Vogl am Flugplatz eingetroffen. Der 59-jährige Pilot ist ein alter Hase, was Wolken und Niederschläge anbelangt. Seit 1980 steht er im Dienst des Landkreises. „Seit letzter Woche sind wir einsatzfähig“, sagte er Anfang Mai.

Mit beiden Händen schiebt Vogl die Türen des Hangars auf – und da stehen sie: „Käthi“ und „Hannelore“. Es sind siebensitzige Flugzeuge, gebaut in Italien, Modell „Partenavia P68“ mit je zwei Turboladermotoren zu 210 PS. Die eine Maschine mit der offiziellen Kennzeichnung „D-GOGO“ hat das Baujahr 1985. Pilot Vogl bugsiert sie jetzt aus der Halle.

Die Metallvögel selbst sind zu sperrig, als dass ein Mann sie per Hand rangieren könnte. Da aber der Pilot oft oder eigentlich fast immer allein im Einsatz ist, musste man sich was einfallen lassen. Das Ergebnis ist eine „Ameise“, mit der sich das Flugzeug aufbocken und leicht bewegen lässt.

Foto: Stumberger

Das Anti-Hagel-Gerät sitzt direkt unter der Tragfläche. Die Spezialanfertigung ist eine Art Rauchentwickler zum Ausbringen der Silberjodid-Lösung.

Und schon steht „Käthi“ einsatzbereit in der Sonne. Im Inneren der Maschine riecht es nach Öl und Leder. Wenn der Pilot auf seinem Sitz Platz genommen hat, merkt man erst, wie klein und leicht die Maschine ist. Vorne im Cockpit die übliche Instrumententafel mit Höhenmesser, künstlichem Horizont und Funkgerät.

Foto: Stumberger

Vorne wird Luft angesaugt, mit den Kristallisationskeimen gemischt und gezündet. So gelangen die Eiskeime in die Wolke.

Unten in der Mitte sitzen die Zusatzgeräte für den Hageleinsatz. „Ignition“, also Zündung, steht unter einem weißen Knopf. Der andere Knopf mit der Bezeichnung „Governing device“ dient der Regelung des Anti-Hagel-Geräts „KH001SE“. Dieses hängt außen unter den Tragflächen des Flugzeugs.

„Die Geräte sind speziell für uns angefertigt“, erklärt Vogl stolz. Genau genommen sind es metallene Rauchentwickler. Sie sehen ein wenig aus wie überdimensionierte Motorradauspuffe und funktionieren ähnlich wie ein Düsentriebwerk. Vorne wird durch eine schmale Öffnung Luft angesaugt, die in einer Brennkammer mit dem Lösungsmittel Silberjodid-Aceton vermischt wird. Dieses Gasgemisch wird elektronisch gezündet und tritt hinter der Brennkammer aus.

Zu sehen ist dabei eine gelbgrüne Rauchfahne. So gelangen Eiskeime in die Wolke. Diese Eis- oder Kondensationskeime, man nennt sie auch Aerosole, bestehen aus sehr kleinen Partikeln, an denen sich der Wasserdampf der Wolken fängt. Die Folge: Es kommt zu Tropfenbildung.

Eigentlich ist es ein natürlicher Vorgang, der durch die „Impfung“ der Wolken beschleunigt wird. Dabei wird das Silberjodid als zusätzliche künstliche Keime in die Wolken gesprüht, an denen sich das Wasser festsetzen kann. An ihnen wachsen durch Anlagerung von Tröpfchen, die in der kalten Höhenluft gefrieren, viele kleine statt weniger großer Hagelkörner. Die kleinen Körner schmelzen auf dem Weg zum Boden und werden dabei zu Regen. Damit kann man also beeinflussen, wann die Wolken abregnen.

Wenn Vogl zu einem Hageleinsatz aufbricht, dann meist alleine. Er steuert das Flugzeug direkt in die Zone, in der die Aufwinde der Gewitterfront toben. Diese Aufwinde können bis zu 100 km/h schnell werden. In dieser Zone ist Vogl mit seiner Partenavia etwa 60 min unterwegs, um den richtigen Moment für die Zündung der Hagelraketen zu ermitteln. Per Knopfdruck werden Billionen von Silberjodidteilchen mit dem Wind bis zu 15 km hoch in die Wolken geschleudert. Die Wolken lösen sich auf, der Einsatz ist beendet.

16 Einsatztage mit insgesamt 35 Flügen gab es im vergangenen Jahr. Die Gewitterflieger von Rosenheim kamen so auf 80 Flugstunden. „Der Einsatz erfolgt in der Regel am Nachmittag“, erklärt der Pilot. Das Einsatzgebiet im Alpenvorland ist mit 4400 km² anderthalb mal so groß wie das Saarland. Es umfasst die Stadt und den Landkreis Rosenheim, die Landkreise Miesbach und Traunstein und einige Gemeinden des österreichischen Bezirks Kufstein. In dieser Region werden 40 % mehr Hagel registriert als in nördlicheren Gegenden. Der Grund: Die großen Gewässer wie der Chiemsee, Starnberger See und Ammersee tragen mit ihren großen Wassermengen, die in der Sonne verdunsten, zur Wolkenbildung bei.

Neben Chefpilot Georg Vogl sind in Vogtareuth noch sechs weitere Piloten als Gewitterflieger im Einsatz. Sie verfügen neben einer „Blindflugerlaubnis“ (Instrumentenflugberechtigung) und der Lizenz für mehrmotorige Maschinen auch über eine Ausbildung in der Hagelbekämpfung. Zudem braucht man für den Job eine einjährige Zusatzausbildung für Gewitterflüge.

Die Hagelflieger arbeiten zudem mit den Ingenieurwissenschaftlern der Hochschule Rosenheim zusammen. Dort soll ein Gerät zur automatischen Messdatenerfassung von physikalischen Größen und von Positionsdaten während eines Hagelabwehrfluges entwickelt werden. Das Ziel: die Aufzeichnung der Position des Flugzeugs, der Außentemperatur, des Luftdrucks und des Betriebszustands der Injektionskanonen für das Silberjodid. Das Forschungsprojekt mit dem Namen „Roberta“ ist auf mehrere Jahre angelegt.

Am Flugfeld Vogtareuth startet gerade eine einmotorige Privatmaschine, nimmt Anlauf auf der Piste, hebt schließlich ab und verschwindet hinter den Bäumen am Horizont. Hagelpilot Vogl inspiziert weiter seinen Hochdecker, begrüßt anschließend einen Kollegen. Gemeinsam besprechen sie technische Details des vergangenen Einsatzes. Der heutige sonnige Tag bietet so ziemlich alles, nur keinen Gewittereinsatz, bei dem die Piloten – anstatt wie sonst üblich der Gewitterfront auszuweichen – direkt in die Turbulenzen hineinfliegen.

Vogl hält diese Einsätze für sinnvoll, sie helfen Schäden durch Hagel abzuwenden. Aber der Pilot weiß auch, dass es andere Ansichten gibt. „Wir haben keinen wissenschaftlichen Nachweis für den Erfolg“, bestätigt er. Die Gegner der Hagelbekämpfung sagen: Es gibt keine stichfesten Beweise, dass das Impfen von Wolken mit Silberjodid Hagel verhindert.

Zu den Kritikern gehört Hartmut Höller, Atmosphärenphysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Seiner Ansicht nach seien die meteorologischen Verhältnisse in einer normalen Wolke zwar überschaubar, aber die Prozesse in einer Gewitterfront seien viel zu komplex und zu energiereich, um sie gezielt beeinflussen zu können. So konnte eine sechsjährige Studie des DLR von 1987 bis 1993 im Auftrag des Landkreises Rosenheim keinerlei Auswirkungen auf das Hagelgeschehen nachweisen.

Trotz des negativen DLR-Gutachtens hält der Landkreis fest am Hagelfliegerprogramm. 1994 gründete man auf Initiative des Landrats eigens den „Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung“. Sinn und Zweck ist „die auf Erfahrung und Experiment basierende Erforschung der Hagelbekämpfung“. Heute hat der Verein 8000 Mitglieder, den Vorsitz hat Georg Vogl. Mit ihm hoffen die Vereinszugehörigen auf eine erfolgreiche Abwehr von Hagelschäden – nicht nur für die Landwirtschaft.

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