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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

Porträt der Woche

Die Grenzenlose

Von Wolfgang Schmitz | 29. Juni 2017 | Ausgabe 26

Die Informatik-Professorin Katharina Zweig will Fachgrenzen überwinden und Algorithmen gesellschaftstauglich machen.

Porträt der Woche (2)
Foto: Thomas Koziel

Katharina Zweig: eine im Wortsinn ausgezeichnete Informatikerin.

Wer immer noch glaubt, Informatiker seien Datenmaschinen auf zwei Beinen, sollte Katharina Zweig kennen lernen. Spätestens wenn die Professorin der Technischen Universität Kaiserslautern herzerfrischend lacht, sind sämtliche Zweifel verflogen, es mit einer Gestalt wie Du und Ich aus dem Hier und Jetzt zu tun zu haben.

Katharina Anna Zweig

So ansteckend wie ihr Lachen ist Katharina Zweigs Begeisterung für ihr Arbeits- und Forschungsfeld. Sie will die Informatik nicht in einem blutleeren Raum denken, sondern immer eingebettet in die Gesellschaft. „Wenn wir als Ingenieure das Design unseres Systems zu isoliert betrachten, kann dieses System nicht angemessen und flexibel auf die sozialen Herausforderungen und die sich stellenden Fragen reagieren: Was macht IT mit den Menschen, wie reagieren sie darauf? Haben IT-Projekte in letzter Konsequenz die gewünschten Effekte?“ Die Gesellschaft für Informatik nahm Zweig vor drei Jahren in den erlesenen Kreis der „39 digitalen Köpfe Deutschlands“ auf und pries die Professorin, weil sie fachliches Scheuklappendenken überwinde und das große Potenzial der Informatik für Wissenschaft und Gesellschaft erschließe.

Im Studiengang „Sozioinformatik“, der sich allen Aspekten gesellschaftlich relevanter Algorithmen annimmt, geht das Anliegen der Professorin auf. „Wir bilden die Studierenden in Rechtswissenschaften, Soziologie und Psychologie aus; nicht, um sie auf den einzelnen Feldern zu Experten zu machen, sondern damit sie erkennen, wann sie bei ihren Entscheidungen Fachleute anderer Gebiete hinzuziehen müssen.“

Nicht nur die enge Verzahnung von sozialen Aspekten mit der Informatik innerhalb eines Studiengangs ist neu, auch Didaktik und Qualitätssicherung sind in dieser Form beispiellos. Neben Evaluationsbögen geben studentische Jahrgangssprecher regelmäßig ausführliches Feedback, einmal im Jahr ziehen alle Teilnehmer des Studiengangs Bilanz. Ein wissenschaftlicher Blog in Dreiergruppen soll die Studierenden motivieren und den Dialog mit der Welt außerhalb der Universitätsmauern beflügeln.

Das Zweigsche Gesamtpaket ist dem Dachverein der Ingenieure und Informatiker an Universitäten (4ING) sowie dem Stifterverband den „Ars legendi-Fakultätenpreis für exzellente Lehre in den Ingenieurwissenschaften“ wert. „Katharina Zweig begeistert ihre Studierenden durch das Vorleben von Wissenschaft und gesellschaftlichem Engagement ... Ihre Herangehensweise findet nicht nur in ihrem Fachbereich etliche Anhänger und Nachahmer“, heißt es von der Jury.

„Ich freue mich sehr über den Ars-legendi-Preis, weil Stifterverband und 4ING damit die Bedeutung guter Lehre betonen“, sagt Zweig. Luft nach oben gebe es bei der Erforschung interdisziplinärer und motivierender Lehre reichlich. „Wir wissen zu wenig darüber, was funktioniert und was nicht.“ Es gebe keine Alternative zu einer Wissenschaft, die Technik nicht ohne den Menschen denkt. Von dieser Philosophie sei nicht jeder Studierende begeistert. „Damit vergraule ich zuweilen den ein oder anderen im Kernpublikum der Informatiker, der Spaß an Beweisen und weniger an gesellschaftlichen Fragestellungen hat.“

Den Drang, ein Thema aufzubohren, hat sie von ihren Eltern. Vater und Mutter waren Redakteure bei Stern, Brigitte und der Zeit. Und die Schule, welchen Einfluss hatte die? Katharina Zweig zögert. Die 1,0-Abiturientin sucht nach Worten, die nicht allzu hart mit der Gelehrtenschule des Johanneums, des ältesten Gymnasiums Hamburgs, ins Gericht gehen. Von der guten alten Schulzeit kann sie nicht berichten. Zu verknöchert waren Strukturen und Geisteshaltungen. „Da waren viele reiche Leute und ein paar Intellektuelle, aber es gab kaum Schnittmengen.“ Die Front zog sich quer durchs Klassenzimmer. Zumindest erntete Zweig die Früchte humanistischer Bildung. „Die alten Sprachen lehren, analytisch zu denken. Da ist der Übergang zu Programmiersprachen gar nicht so weit.“

Die Welt nicht scheibchenweise zu denken, sondern sie in Zusammenhängen zu hinterfragen, hat auch mit Katharina Zweigs religiösem Engagement zu tun. „Mein christliches Verständnis, dass man sich gesellschaftlich engagieren muss, ist sicherlich auch eine starke Triebfeder.“ Wissenschaft und Glaube schließen sich für die 41-Jährige nicht aus. Der Mensch habe das gute Recht, die Wahrheit zu suchen, er werde aber permanent auf der Suche bleiben. „Der Glaube gibt mir da großen Halt.“

Den gibt ihr auch die Familie. Deshalb habe sie den Ars-legendi-Preis eigentlich nicht allein verdient. „Da gehört auch der beste Ehemann der Welt dazu. Er kümmert sich um unsere beiden Kinder und den Haushalt. Ohne ihn hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, diesen beruflichen Weg zu gehen.“ Der Feierabend gehört den dreien, ihre Hobbys Malen, Backen und Basteln teilt sie mit ihren Kindern.

Beruflich habe sie schon über Alternativen nachgedacht, sagt Katharina Zweig. Letztlich sei sie aber immer zu dem einen Gedanken zurückgekehrt: „Die Wissenschaft ist untrennbar mit meiner Persönlichkeit verbunden. Ich werde immer Wissenschaft machen, egal, wo ich bin. Und wenn es eines Tages im Altersheim ist.“ Zu forschen, sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubringen und junge Menschen auszubilden, sei nicht weniger als ein Traumjob.

Und wenn sich dann doch einmal Zeitlöcher auftun, kommt mit Sicherheit keine Langeweile auf. „Ich möchte Bücher schreiben: Kinderromane, Familiengeschichten oder Sachbücher.“ Oder Fantasy. Vielleicht finden darin Algorithmen und Menschen nach zähem Ringen zueinander.

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