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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Konjunktur

„Die Löhne kräftig zu erhöhen, wäre ein Fehler“

Von Dieter W. Heumann | 1. Juni 2017 | Ausgabe 22

Der Chefvolkswirt der Allianz AG, Michael Heise, spricht über Wachstumsperspektiven, Handelsüberschüsse, Investitionen und was ihm aktuell Sorgen bereitet.

BU_Interview Heise
Foto: imago/argum/Thomas Einberger

Die Steuer- und Kostenbelastungen der Unternehmen müssen sinken, damit die Investitionsquote wieder steigt, fordert Michael Heise.

VDI nachrichten: Die Weltwirtschaft befindet sich im Aufschwung. Was sind die Gründe?

Heise: Die Dynamik der Weltwirtschaft hat zuletzt deutlich zugenommen. Der wesentliche Grund hierfür liegt in der Erholung der Schwellenländer. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie rund 40 % der Weltwirtschaft ausmachen. Noch im letzten Jahr befanden sich einige von ihnen in einer tiefen Krise. Der kräftige Preissturz beim Öl und anderen Rohstoffen war – neben hausgemachten politischen Problemen etwa in Brasilien oder Russland – dafür verantwortlich. Mit wieder steigenden Rohstoffpreisen, staatlichen Konjunkturprogrammen und politischen Veränderungen hat sich die Situation im Ganzen verbessert.

Michael Heise

Spielt nicht für Deutschland vor allem die Erholung der Eurozone eine Rolle?

Das ist der zweite wichtige Punkt. Die Eurozone ist wieder in stabiles wirtschaftliches Fahrwasser zurückgekehrt und weist eine breitere wirtschaftliche Erholung auf. Es gab Anpassungen und die Fehlentwicklungen der Vergangenheit – z. B. hohe Außenhandelsdefizite, übermäßige Lohnsteigerungs- und Kreditexzesse sind weitgehend ausgeglichen worden. Staatliches Sparen fand in gewissem Umfang statt und die Löhne und Gehälter passten sich in vielen Ländern der Eurozone wieder der Produktivität an, so dass die Unternehmen international wieder wettbewerbsfähig sind und auch vom Aufschwung der Weltwirtschaft profitieren. Geringer als oft vermutet, ist der Beitrag der Niedrigzinspolitik der EZB zur wirtschaftlichen Belebung des Euroraums.

Und wie entwickelt sich die US-Wirtschaft – Präsident Donald Trump hat den Amerikanern ein jährliches Wachstum von 4 % versprochen?

4 % sind nach einem – insbesondere wetterbedingt – eher schwächeren ersten Quartal außer Reichweite. Unsere Prognosen für die USA lauten auf 2,2 % Wachstum für dieses und 2,3 % für das kommende Jahr. Die USA sind ein durchaus stabiler Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft, sie waren aber nicht entscheidend für den weltwirtschaftlichen Umschwung der letzten Quartale.

Gehen Sie von einem länger anhaltenden Aufschwung der Weltwirtschaft aus?

Wir rechnen damit, dass der Aufschwung bis in das nächste Jahr hinein anhalten wird. Natürlich gibt es eine Menge Risiken: Der Populismus hat die Weltwirtschaft zwar nicht aus der Bahn geworfen, aber er kann in verschiedener Form wieder auflammen. Der Ton der Brexit-Verhandlungen ist härter geworden. Darüber hinaus gibt es geopolitische Risiken. Ich denke vor allem an Korea. Die Gefahr einer Zuspitzung des Konflikts bis zum Äußersten ist wohl eher gering. Käme es aber dazu, dann würden die Finanzmärkte sicherlich nicht gleich zur Tagesordnung übergehen.

Wir hatten Donald Trump bereits erwähnt. Er sieht sich als Heilsbringer Amerikas. Mit Wahlankündigungen – soweit er sie bereits in den ersten 100 Tagen umsetzen wollte – ist er vor Gerichten oder im Kongress allerdings gescheitert. Wie lange währt die Geduld seiner Partei – der Republikaner?

Da es Trump – nach langer Amtsdauer der Demokraten – gelungen ist, die Republikaner wieder an die Macht zu bringen, wird man ihm noch Zeit geben. Spannend ist, inwieweit die Republikaner ihre traditionellen Prinzipien – wie den freien Welthandel, keine übermäßige Staatsverschuldung und so wenig Einfluss des Staats in der Wirtschaft wie möglich – aufweichen werden, um wirtschaftspolitische Änderungen etwa bei der Handels- oder Finanzpolitik zu erreichen. Sie scheinen bereit, den Spagat zu wagen.

Zum Beispiel bei der Steuerreform sowie dem Infrastrukturprogramm Trumps?

Durchaus, denn schwierig wird es bei der Finanzierung dieser Maßnahmen. Dazu schweigt der Präsident. Die Republikaner müssten also über ihren Schatten springen und einer Erhöhung der Schuldenobergrenze zustimmen. Ich glaube, dass sie genau dies letztlich schweren Herzens tun werden. Allerdings wird auch der Präsident Zugeständnisse machen müssen. Er wird die Steuersenkungen und sein Infrastrukturprogramm kaum in dem von ihm gewünschten Umfang umsetzen können.

Trump scheint aber auch lernfähig zu sein? So wird er China nicht mehr mit Schutzzöllen belegen und auch gegenüber der deutschen Kanzlerin scheint er nach anfänglich tiefer Skepsis nun sachlichere Töne zu finden. Gelingt des Widerspenstigen Zähmung?

Die Entwicklung zeigt, dass Trump in seinen Ansichten sehr flexibel ist. Er geht von dem aus, was er für plausibel und logisch erachtet, lässt sich dann aber auch von den wirtschaftsnahen Beratern, mit denen er sich umgeben hat, eines Besseren belehren. Mit China und Angela Merkel haben Sie schon zwei Beispiele genannt. Aber auch das Nafta-Abkommen ist nicht aufgekündigt und um die Strafen für Mexiko ist es ruhig geworden.

Um das Handelsabkommen TTIP ist es still geworden. Hat TTIP unter Trump eine Chance?

Ich nehme an, dass hinter den Kulissen die Arbeit weitergeht. Die EU arbeitet nach eigenen Aussagen weiter am Zustandekommen von TTIP. Die Kritik Trumps ist nicht näher spezifiziert worden. Deshalb ist es schwierig, im Detail darauf einzugehen. In der Frage der Schiedsgerichte ist die EU den Amerikanern weit entgegengekommen. Ein Abkommen mit den Europäern böte den Amerikanern die Chance, Standards in der westlichen Welt zu setzen, die international überzeugen. China denkt nämlich daran, ein regionales Abkommen unter seiner Ägide im asiatischen Raum zu treffen, auch um damit mehr Macht zu gewinnen. Ich glaube, dass Trump auch hier eine Kehrtwende vollziehen könnte und die Chancen für ein TTIP – in etwas anderer Form – gegeben sind.

Geschadet haben Trump die Wendungen in seiner Wirtschaftspolitik aber nicht?

Im Gegenteil, das Zurückstecken bei wirtschaftlichen Maßnahmen, die er im Wahlkampf verkündet hatte, und sein öffentliches Eingeständnis, dass das Amt für ihn zunächst ein Lernprozess sei, haben ihm sogar Sympathien eingebracht. Und daher dürfte er auch zukünftig nicht zögern, die eine oder andere Kehrtwende in seiner Politik zu vollziehen.

Also wird Trumps ökonomischer Nationalismus doch nicht so wie befürchtet zum Tragen kommen?

Bezüglich der Wirtschaftspolitik wird man kein Horrorszenario erleben. Ein weltweiter Handelskrieg erzeugt nur Verlierer und dürfte in Trumps Kabinett keine Chance haben. Aber ich sehe ein anderes Risiko: Nämlich, dass man eine zu expansive Wirtschaftspolitik betreiben und krampfhaft versuchen wird, mithilfe von Steuersenkungen, Infrastrukturmaßnahmen und Deregulierungen 4 % Wachstum zu erreichen. Dieses Ziel birgt Risiken. Es stellt eine Überforderung der US-Wirtschaft dar, weil es zu einer Überhitzung führen würde – mit sehr negativen langfristigen Folgen für die Finanzmärkte. Notwendig ist vielmehr eine stete Entwicklung.

Die amerikanische Notenbank Fed ist unter ihrer Präsidentin Jannet Yellen auf eine restriktive Geldpolitik umgeschwenkt. Wird es zu einem Machtkampf zwischen der Fed und der Regierung kommen?

Im Moment ist die Kritik der Regierung an der US-Notenbank sehr verhalten. Die beiden Leitzinserhöhungen der Fed seit Ende letzten Jahres – um jeweils ein Viertel Prozentpunkt – waren sehr maßvoll. Einige Ökonomen fordern – angesichts der niedrigen Arbeitslosigkeit von unter 5 % und einer Preissteigerung von nur wenig unter 2 % – raschere Leitzinserhöhungen. Frau Yellen ist aber bekannt als eine sehr umsichtige und vorsichtige Notenbankerin, die nicht zu früh auf die geldpolitische Bremse tritt.

Die gesamtwirtschaftliche Situation könnte sich ändern?

Sollten die Ölpreise wieder durchstarten und stärker auf die allgemeine Preisentwicklung durchschlagen und die Fed zu einer restriktiveren Geldpolitik gezwungen sein, dann dürfte es zweifellos Konflikte mit Trump geben. Dann würde der politische Einfluss der Regierung deutlicher werden und Frau Yellen hätte kaum noch die Möglichkeit, von Trump für eine weitere Amtsperiode bestätigt zu werden.

Der deutsche Handelsbilanzüberschuss stößt bei Trump auf Kritik. Zu Recht?

Hinter der Kritik steckt auch ein wahrer Kern, deshalb sollten wir sie nicht brüsk zurückweisen. In Deutschland wird in erheblichem Maße gespart, das ist auch wichtig z. B. für die Alterssicherung. Das Problem ist, dass dem Sparen nicht in ausreichendem Maße Investitionen hierzulande gegenüberstehen. Das Geld fließt ins Ausland, wo es offenbar höhere Renditen erzielt. Deutschland ist einer der größten Nettogläubiger unter den Industriestaaten.

Was muss geschehen, damit das Ersparte investiert wird und sich die deutsche Handels- sowie Leistungsbilanz stärker in Richtung Gleichgewicht bewegen?

Zunächst wäre es ein folgenreicher Irrtum, Löhne und Gehälter im öffentlichen und privaten Sektor kräftig zu erhöhen. Das fordert der IWF, um die private Nachfrage noch stärker anzukurbeln und so die Importe von Konsumgütern zusätzlich anzufachen. Das ist aber nicht der richtige Weg. Der Schlüssel für eine ausgeglichenere Handels- und Zahlungsbilanz liegt vielmehr bei den Investitionen der Unternehmen, aber auch bei denen des Staats, denn so wird langfristiges Wachstum der Volkswirtschaft abgesichert. Eine hohe Investitionstätigkeit im Inland würde die Kapitalexporte reduzieren und gleichzeitig zu höheren Einfuhren – z. B. von Rohstoffen und Vorprodukten – führen und damit in Richtung Ausgleich der Handels- und Leistungsbilanz wirken. Übrigens, im Handel mit den Europartnern ist der Überschuss wesentlich niedriger als Ende vergangenen Jahrzehnts.

Die Ausrüstungsinvestitionen sind vernachlässigt worden. Was ist jetzt zu tun?

Die Investitionsquote muss langfristig angehoben werden. Dazu ist es notwendig, dass die Rahmenbedingungen, wie die Steuer- und Kostenbelastungen der Unternehmen, investitionsfreundlicher gestaltet und eigenkapitalfinanzierte Investitionen nicht diskriminiert werden. Zudem haben wir viele junge und kluge unternehmerische Kräfte, die auf wirtschaftliche Hindernisse stoßen, denn bei der Einfachheit von Geschäftsgründungen und der Einführung neuer Geschäftsmodelle liegt Deutschland weltweit nur im Mittelfeld. Auch gilt es, das Land in puncto Digitalisierung – die enorme Chancen bietet und von den Unternehmen auch angenommen wird – stärker und schneller voranzubringen, indem die notwendige öffentliche Infrastruktur, z. B. Glasfasernetze, zügig geschaffen wird.

Die Beschäftigung ist hoch, Löhne und Gehälter steigen und die Kaufkraft wächst. Der private Konsum hat sich zum Träger der Konjunktur gemausert. Zudem legt der Außenhandel wieder zu. Im Wahljahr erscheint die Konjunktur hierzulande perfekt?

Der Auftrieb kommt von verschiedenen Seiten und er dürfte zunächst anhalten, wenn die Geschäftslage und -erwartungen der Unternehmen in den letzten Monaten die richtige Messlatte sind. Für 2017 und 2018 erwarten wir ein Wirtschaftswachstum von real 1,7 % bzw. 1,6 %. Im Wohnungsbau gibt es regionale Übertreibungen. Nach wie vor fehlt es an ausreichendem Wohnraum. Die preislichen Unterschiede zwischen Ballungs- und eher ländlichen Räumen sind enorm. Von einer großen Blase zu sprechen, ist daher übertrieben. Es ist bislang verhältnismäßig wenig Fremdkapital im Spiel: Die Hypothekarkredite nehmen nur langsam zu. Und auch die Finanzierungen dürften im Großen und Ganzen fristenkongruent sein, darüber wacht schließlich mit geschärftem Blick die Bankenaufsicht.

Welche Entwicklungen bereiten Ihnen Sorgen?

Banken sind im Besitz enormer Summen von Staatsanleihen und Unternehmensanleihen, die kaum noch Risikoprämien erbringen. Angenommen, die Marktzinsen für zehnjährige Anleihen würden von 0,4 % auf 2 % ansteigen, dann wären sehr große Wertverluste bei den Festverzinslichen zu erwarten. Hoch und damit anfällig bei unvorhergesehenen Ereignissen sind zudem die Kurse an den Aktienmärkten. 

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