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Freitag, 15. Dezember 2017

Politische Verantwortung

Die Machtfrage

Von Wolfgang Schmitz | 7. Dezember 2017 | Ausgabe 49

Der Ethiker Karl Homann ruft die Wirtschaft zur Offensive auf, der Eliteforscher Michael Hartmann fordert wirtschaftskritischere Medien.

Angesichts der aktuellen politischen Turbulenzen schickte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer vor wenigen Tagen eine Mahnung an die mehr oder weniger regierungswilligen Parteien: „Wer sich zur Wahl stellt, muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.“

Karl Homann

Foto: dpa Picture-Alliance/A. Heddergott

Karl Homann: „Der Dauerbeschuss durch Fundamentalkritiker hat sich zu einem Standortnachteil entwickelt.“

Nicht nur Forderungen stellen – selbst anpacken, fordert der Wirtschaftsethiker Karl Homann von den Unternehmen. Mit ihrem Engagement sollte die Wirtschaft verlorenes Terrain zurückerobern. Es sei wirtschaftskritischen Wortführern, wie sie sich insbesondere in den Medien, aber auch in Schulen, Kirchen, NGOs, in Literatur und Kunst zu Wort melden, in den letzten Jahrzehnten gelungen, die Deutungshoheit über die deutsche Gesellschaft und ihr Wirtschaftssystem zu gewinnen. „Der Dauerbeschuss der Fundamentalkritiker von Markt, Wettbewerb und Gewinnstreben hat politische Folgen gezeitigt und sich inzwischen zu einem Standortnachteil für Deutschland entwickelt“, schreibt Homann im Buch „Führen mit Werten – Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten“. Er beobachtet einen „schleichenden Legitimitätsentzug für die Marktwirtschaft“.

Die Kritiker nähmen die Werte exklusiv für sich in Anspruch und sprächen sie der Wirtschaft und ihren Top-Managern ab. „Damit diskreditieren sie diejenigen, die die ökonomischen Grundlagen für die Demokratie und für das Glück aller bereitstellen.“ Auch wenn Homann der These des US-Ökonomen Peter Drucker nicht in vollem Umfang folgt, nimmt er dennoch Bezug auf sie: Die Wirtschaft und ihre Eliten müssten sich im 21. Jahrhundert offen der globalen Führungsaufgabe stellen, weil sie – und nicht Politik oder Zivilgesellschaft – über die weitaus meisten und wichtigsten Ressourcen der Weltgesellschaft (Wissen, Geld-, Sach-, Human- und Naturkapital) disponieren. Zunächst aber gelte es, Vertrauen in die Wirtschaft aufzubauen. Karl Homann: „Wer ist in der Lage, die Unterstützung einer Bevölkerung zurückzugewinnen, die durch Krisen, Globalisierung, Digitalisierung und gravierendes Fehlverhalten von Führungskräften und großen Unternehmen tief verunsichert ist?“

Die Antwort gibt der Ethiker selbst, ohne Namen zu nennen. Stattdessen fordert er von der Wirtschaft, sich aus der Lethargie zu befreien und ein Leitbild zu kreieren, wie es Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ gewesen sei. Die Führungseliten der Wirtschaft müssten deutlich machen, dass „die Führung von Unternehmen mehr für eine humane, solidarische und demokratische Gesellschaft tut als die intellektuellen Kritiker der Marktwirtschaft mit ihren ebenso hehren wie leeren Postulaten“. Nichts sei besser geeignet, um Vertrauen in die Wirtschaft herzustellen und politische Mitverantwortung zu legitimieren, als eine Unternehmensführung, die Werte vorlebe.

Grundlegende Bedingungen für die Beteiligung der Wirtschaft an der gesellschaftlichen Ordnung sei, dass die Interessen der Wirtschaft transparent in öffentliche Diskussionen einfließen. So sei Lobbyismus in seinen extremsten Formen zu verhindern. Dann seien auch „Formulierungshilfen“ durch die Wirtschaft für die Politik unbedenklich.

Michael Hartmann

Foto: TU Darmstadt

Michael Hartmann: „Die Mehrzahl in den Wirtschaftsredaktionen fährt immer noch auf wirtschaftsfreundlichem Kurs.“

Michael Hartmann hält die These, dass die Medien gegen Wirtschaftseliten zu Felde ziehen, für abwegig. „Schließlich sind Skandale Realität, über die berichtet werden muss“, meint der Darmstädter Eliteforscher und bringt eine bislang noch nicht genannte Macht ins Spiel: den Zeitgeist. Hartmann nennt Großbritannien seit der Ära Margret Thatcher als Beispiel. Die arbeitgebernahe Politik der Premierministerin setzte Maßstäbe, „die Entfesselung der Märkte“ werde jetzt vor allem von den Jüngeren verurteilt. „Sie setzen auf staatliche Regulierung und auf Jeremy Corbyn.“ An Großbritannien sehe man, dass es für die Wirtschaftselite im Zuge der Globalisierung durchaus noch nationale Grenzen gebe.

Auf Deutschland träfe eine Entwicklung wie in Großbritannien nur in abgeschwächter Form seit der Agenda 2010 zu. Zuvor, ab den 90er-Jahren, hätten zumindest der bürgerliche Teil der Gesellschaft und die Medien ein sehr positives Bild der Eliten gezeichnet. Die Stimmung habe sich in der Bevölkerung nach zahlreichen Krisen und Skandalen deutlich verändert, die Sicht auf die Wirtschaftselite habe sich gewandelt, leider zögen mehrheitlich rechtspopulistische Parteien Nutzen daraus.

„Elite“ sei zu einem Kampfbegriff geworden, der im Sinne von „Die da oben machen doch so wieso, was sie wollen, und packen ihre Taschen voll“ völlig undifferenziert missbraucht werde. Hartmann: „Diese Grundhaltung, diese Skepsis und Wut, bekommt durch Skandale permanent neue Nahrung, siehe Air Berlin oder ,Paradise Papers‘.“ Vieles geschehe so verdeckt, dass die Öffentlichkeit es kaum bemerke. „Die Reform der Erbschaftssteuer etwa befreit die meisten Familienunternehmen auch künftig davon, einen Teil des ererbten Vermögens an den Staat abzuführen. Das ist schlichtweg ein Skandal, da sträuben sich einem die Nackenhaare.“

Wenn ein VW-Vorstand, wie im Falle Christine Hohmann-Dennhardt, 12 Mio. € Abfindung für ein Jahr Arbeit erhalte, dürfe man sich über Unverständnis nicht wundern. Einer ehemaligen Verfassungsrichterin hätte man solches Verhalten nie zugetraut, sagt Hartmann. Leider sei so etwas kein Einzelfall wie die Steuerhinterziehungen von Uli Hoeneß, Alice Schwarzer und anderen zeigten. Die Medien widmeten sich zwar diesen Missständen, aber nur selten mit der gebotenen Schärfe. „Ich sehe die Mehrzahl vor allem in den Wirtschaftsredaktionen immer noch im Kern auf wirtschaftsfreundlichem Kurs, den sie bereits vor der Finanzkrise fuhren.“

Literatur: Homann, Karl: Werteorientierte Führung: Richtung weisen und Bedingungen gestalten, in: Führen mit Werten – Zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten, Roman Herzog Institut 2017, 95 S. Hartmann, Michael: Die globale Wirtschaftselite, Campus 2016, 246 S., 24,95 €

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