Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Porträt der Woche

Digitaler Jedi-Ritter im Bevölkerungsschutz

Von Simone Fasse | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Als Sicherheitsingenieur verbindet Stefan Martini sein berufliches Engagement mit ehrenamtlicher Tätigkeit.

2_Portrait (2)
Foto: Bénédicte Bauer

Stefan Martini erkannte früh, woran es Helfern im Katastrophenfall mangelt: an Kommunikation und Überblick.

Mit Notfällen kennt er sich aus. Im Rettungsdienst und als freiwilliger Feuerwehrmann hat Stefan Martini schon an manchem kritischen Einsatz teilgenommen. An einem typischen 11. 11., dem Karnevalsauftakt am Rhein, war ihm wieder einmal klar, woran es den Helfern vor Ort oft fehlt – an einer ausreichenden Kommunikation mit den anderen Einsatzkräften oder einer vollständigen Übersicht über die aktuelle Lage zum Beispiel. Denn an vielen Stellen geht es bei der Beschaffung und Weiterleitung wichtiger Informationen eben doch noch sehr analog zu.

Stefan Martini

Erfahrungen wie diese haben den 35-Jährigen über einige Umwege in seinen heutigen Job gebracht. Der Sicherheitsingenieur ist am Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit an der Bergischen Universität Wuppertal als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. „Mein Forschungsschwerpunkt sind neue Technologien und Social Media im Bevölkerungsschutz.“

Zu diesen Themen ist er oft als Referent unterwegs, etwa bei der Digitalkonferenz re:publica oder als Gast des Social Media Clubs München. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit bildet er Nachwuchskräfte aus und zeigt, wie digitale Fertigkeiten und Methoden im Notfall eingesetzt werden können. Denn das ist seine Passion – zu zeigen, dass die alte und die neue Welt eigentlich gut zusammen passen.

Er weiß, dass das ein langer Weg ist. „Im Bevölkerungsschutz ist der Schritt vom Etablierten zum Neuen oft groß“, sagt der Experte. Gerade in Deutschland herrschen vielerorts traditionelle Strukturen in den Behörden vor, die mit Sicherheitsaufgaben betraut sind. Doch ohne die sogenannten neuen Medien und die entsprechenden Kenntnisse, um mit Facebook, Twitter & Co. umzugehen, funktioniert es eben nicht mehr – beispielsweise wenn es darum geht, die richtigen Entscheidungen in unübersichtlichen Situationen zu treffen. „Wo es früher bei Einsätzen eigentlich immer zu wenige Informationen gab, müssen wir heute aus einer Flut von Informationen, die uns über die verschiedensten Kanäle erreichen, die relevanten herausfiltern – und das möglichst schnell“, schildert Martini die veränderten Herausforderungen.

Gab es früher noch viele Vorbehalte und Ängste, etwa vor „Shitstorms“ oder einem Missbrauch kritischer Daten, wendet sich das Blatt in den Behörden nun. „Die erste Angst vor Social Media ist bei den Verantwortlichen inzwischen weitestgehend verschwunden“, beobachtet Martini. So rät etwa der deutsche Städtetag den Städten und Gemeinden zu eigenen Social-Media-Auftritten. „Jetzt geht es darum, die entsprechenden Kompetenzen auch in den Stäben aufzubauen“, berichtet der Ingenieur.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist das erste deutsche „Vost“-Team (Virtual Operation Support Team), das Martini mit gegründet hat. Dieses Team soll die Verbindung zwischen den etablierten Strukturen im Bevölkerungsschutz und den neuen Technologien schaffen – und dabei ganz konkret helfen. Das Vorbild sind die weltweit organisierten Digital Volunteers oder auch „Digital Jedis“, wie sie häufig in den USA genannt werden.

Auch Stefan Martini ist hier bereits mit dabei und hat etwa als Teil der sogenannten Stand-by-Taskforce gemeinsam mit anderen virtuell aktiven Freiwilligen mitgeholfen, eine aktuelle Karte von Gesundheitszentren in der Ebola-Krise zu erstellen. Dieser Einsatz erleichterte den Hilfsorganisationen vor Ort die Verteilung von Medikamenten. Auch Statistiker oder Übersetzer sind weltweit ehrenamtlich tätig, um bei solchen „Crisis Mappings“ für sinnvolle visuelle Darstellungen zusammenzuarbeiten, Bilder im Internet zu sichten und richtig zuzuordnen oder Schäden zu melden. Fahrt nahm die digitale Helferbewegung 2010 mit dem Erdbeben in Haiti auf, seitdem haben sich verschiedene internationale Plattformen gebildet. Auch beim Hochwasser in Deutschland 2013 oder in der Flüchtlingshilfe haben die digitalen Plattformen eine wichtige Rolle gespielt.

Im deutschen Vost-Team kommen die qualifizierten Freiwilligen aus den Hilfsorganisationen selbst und werden so von den verantwortlichen Stellen leichter akzeptiert. Die Freiwilligen zeigen, wo die Potenziale von IT und Social Media liegen und wie der richtige Umgang mit den digitalen Informationen aussehen kann – ohne die etablierten Strukturen abzuschaffen. „Das Vost-Team kann als Brücke in die Zukunft fungieren und soll sich am Ende selbst überflüssig machen“, sagt Martini.

Ihn begeistert, dass er seinen Beruf und seine Leidenschaft für die gute Sache auf vielen Ebenen miteinander verbinden kann. So fließen die Ergebnisse aus der Forschung in seine ehrenamtliche Tätigkeit im Vost-Team ein. Das Verknüpfen der alten und der neuen Welt ist für ihn eine Herzensangelegenheit, auch wenn er dafür einen langen Atem braucht. „Es ist Zeit, den nächsten evolutionären Schritt im Bevölkerungsschutz zu gehen und die neuen Kommunikationsformen da einzusetzen, wo sie wirklich Sinn machen.“

stellenangebote

mehr