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Dienstag, 12. Dezember 2017

Landschaftsplanung

Ein Masterplan fürs Skigebiet

Von Rudolf Stumberger | 23. März 2017 | Ausgabe 12

Der österreichische Ingenieur Christian Weiler plant und realisiert ganze Skigebiete. Ein Rundgang durch die Region am Hohen Ifen.

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Foto: R. Stumberger

Chefplaner Christian Weiler erläutert an der Schautafel, wie demnächst die Bergstation aussehen wird. Hier mündet künftig ein 6er-Sessellift mit Haube und Sitzheizung.

Während in der Pumpstation die schweren Elektromotoren brummen, vermeldet der Bildschirm, dass die Feuchtkugeltemperatur am „Schneeerzeuger T40“ derzeit -1,7 °C beträgt. Es handelt sich um jene Temperatur, die angibt, ob aus Wasser Schnee wird, wenn man es in die Luft sprüht. „Für Kunstschnee ist das ein bisschen wenig“, sagt Leo Schuster.

Technik am Hohen Ifen

Der 49-Jährige ist der Technische Leiter der Liftanlagen und Skipisten hier im Ifen im österreichischen Kleinwalsertal. Neben ihm steht Christian Weiler und ergänzt: „Ab -2 °C würde es wirtschaftlich überhaupt erst Sinn machen, Schnee zu erzeugen.“

Die Rede ist von den großen, knallgelben Schneekanonen, die längs der Piste angebracht sind, um die Skifahrer mit einem fahrbaren Untergrund zu versorgen. Diplomingenieur Weiler ist Chef eines Planungsbüros, das ganze Skigebiete in einem sogenannten Masterplan – der Königsdisziplin der Branche – konzipiert, plant und realisiert. Das reicht vom Entwurf ganzer Feriendörfer über die Modellierung von Abfahrten und den Bau von Liften bis zur Analyse der Bewegungsabläufe der Skifahrer.

Die Anfahrt ins Skigebiet des Hohen Ifen (2232 m) erfolgt über das Allgäu, der bayerischen Region mit ihren im Sommer grünen Wiesen, schwarzen Kühen und runden Käselaiben. Die Bundesstraße B 19 führt von Deutschland aus über Oberstdorf hinüber nach Österreich ins Kleinwalsertal mit den Orten Riezlern, Hirschegg und Mittelberg. Im hinteren Teil des Tales endet die Straße schließlich.

Foto: Jens Billerbeck

Der Gipfel des Hohen Ifen im westlichen Kleinwalsertal liegt in 2232 m Höhe. Hier scharen sich im Winter die Skifahrer und im Sommer die Wanderer.

Die Allgäuer Alpen sind eine beliebte Urlaubsregion, im Sommer wie im Winter. In der warmen Jahreszeit sind hier die Wanderer unterwegs, der Gipfel ist wegen spektakulärer Felsen und dem sogenannten Gottesackerplateau bekannt. Ausgangspunkt für Bergtouren ist dabei oft die Mittelstation der Sesselbahn auf 1568 m Höhe.

Doch heuer wird es hier keine bergsteigenden Urlauber geben. Denn: „Achtung! Im Sommer 2017 ist die Ifenbahn aufgrund von Baumaßnahmen bei jedem Wetter geschlossen!“, heißt es auf der Tourismuswebsite der Region. Das hat mit Masterplaner Christian Weiler zu tun.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfen wir durch den Schnee. Jetzt, Mitte März, liegt hier noch immer die weiße Pracht, während drunten im Tal längst Grün- und Brauntöne vorherrschen. Es ist ein herrlicher Tag unter blauem Himmel und gegenüber grüßen die weißen Gipfel der umgebenden Berge. Vor dem Lift drängt sich ein buntes Völkchen von Skifahrern in roten, gelben und blauen Anoraks, während vor der Hütte nebenan die Besucher auf den Holzbänken die Höhensonne genießen.

Foto: R. Stumberger

Schneeerzeuger: „Ohne Kunstschnee geht gar nichts mehr“, weiß Leo Schuster, der Technische Leiter der Liftanlagen im Ifen. Fast 70 gelbe Schneekanonen sind hier im Einsatz.

Wir aber machen uns auf dem Weg, der durch den Wald hinüber zum Speicherteich „Gaisbühl“ führt. Er dient als Wasserreservoir für das gesamte Skigebiet Ifen. Mit den Planungen zur Erneuerung der Fläche ist seit 2010 das Innsbrucker Ingenieurbüro von Christian Weiler betraut. „Am Anfang steht die Frage, was will der Kunde“, erläutert der Ingenieur den Beginn jedes Masterplans. Also zum Beispiel, wie viele Skifahrer Piste und Lifte jeweils bewältigen sollen.

Und in unseren Breiten gehört mittlerweile auch die Planung der künstlichen Beschneiung der Abfahrten dazu. „Ohne Kunstschnee geht gar nichts mehr“, meint dazu der Technische Leiter Leo Schuster, der im Kleinwalsertal aufgewachsen ist. „Die Gäste verlangen heute Schneesicherheit“, und die lasse sich heute nur noch mit „Schneeerzeugern“ liefern.

Die Bezeichnung „Schneekanone“ wird in der Branche eher vermieden. Und weil der Schnee aus Wasser erzeugt wird, benötigen größere Anlagen ein Wasserreservoir wie den „Gaisbühl“, aus dem die Schneemaschinen gespeist werden. Einen kleinen Seitenhieb kann sich Weiler hier nicht verkneifen: „Ich weiß gar nicht, wieso manche Leute meinen, dass beim Thema Schneemaschinen Chemie im Spiel ist?“

Hier im Ifen-Skigebiet sind derzeit etwa 70 Stück der knallgelben Schneeerzeuger im Einsatz, ihre Beschneiungsreichweite beträgt je nach Windrichtung bis zu 120 m. Gespeist werden sie aus besagtem Speicherteich, dessen Fassungsvermögen 100 000 m³ beträgt. Jetzt stehen wir am Rande des Wasserbehälters, dessen Oberfläche sich trotz Windstille immer wieder kräuselt. „Wir blasen da Luft hinein, damit sich keine Eisschicht bildet“, erklärt Weiler das Phänomen. Den Damm selbst haben sie nach neuesten ökologischen Vorgaben angelegt – beispielsweise ist die Grasdecke mit natürlichen Baumstümpfen durchsetzt.

Foto: R. Stumberger

Im Pumpenhaus: Christian Weiler (li.) und Leo Schuster inspizieren die drei Vor- und vier Hauptpumpen, die das Wasser aus dem Gaisbühl mit 55 bar in die 12 km langen Rohrleitungen längs der Piste pressen.

Und auch bei der Pumpstation, die das Wasser zu den Werfern bringt, wurde der Beton mit Holzleisten umkleidet und passt sich jetzt besser in die Landschaft ein. Drinnen aber geht es natürlich technisch zur Sache. Drei Vor- und vier Hauptpumpen pressen das Wasser mit 55 bar in die 12 km langen Rohrleitungen entlang der Piste. Wenn das Wasser zu Beginn der Skisaison im November noch zu warm ist, wird es zuvor sogar noch in der Kühlturmanlage mit einer Durchsatzleistung von 140 l/s heruntergekühlt.

Unser Rundgang führt uns in den Kontrollraum. Dort lässt sich an Bildschirmen die gesamte Anlage kontrollieren und steuern. Die Daten können einzeln abgerufen werden. So zeigt das Display gerade an, dass am besagten Beschneiungsturm T40 aktuell eine Luftfeuchtigkeit von 33 % und eine Temperatur von 3,6 °C herrscht.

Entscheidend für die Schneekanonen aber ist die Feuchtkugeltemperatur, also die tiefste Temperatur, die sich durch direkte Verdunstungskühle erreichen lässt. Dabei steht die Wasserabgabe einer feuchten Oberfläche mit dem Wasseraufnahmevermögen der umgebenden Atmosphäre im Gleichgewicht.

Technik ist gut, aber ohne den Menschen geht es auch hier nicht. Denn „ganz wichtig“ sei in diesem Zusammenhang der „Schneemeister“, sagt Technikchef Schuster. Schneemeister? Das ist im Skigebiet jener Mann, der die Schneeerzeuger steuert. Er muss kontrollieren, woher der Wind weht und wie die Piste beschaffen ist. Und das meist nachts, bei kalten Temperaturen. „Ein harter Job“, weiß Schuster.

Alles rund um die Feuchtkugeltemperatur lernt, wer wie Diplomingenieur Weiler in Wien „Wildbach- und Lawinenverbauung“ der Fachrichtungen Forstwirtschaft und Wasserbau studiert hat. Vor 25 Jahren fing der heute 47-Jährige im Innsbrucker Ingenieurbüro „Klenkhart und Partner“ an. Seit damals hat sich bei der Planung von Skipisten viel geändert. Wir sitzen mittlerweile im Sessellift, der uns hinauf zur Mittelstation bringt. Links unter uns wedeln die Skifahrer hinab ins Tal. An den Pistenrändern leuchten zwischendurch immer wieder die gelben Schneeerzeuger auf. Rechts unter uns liegt noch Naturschnee, aber nicht zu leugnen sind die großen grünbraunen Wiesenflecken, die ganze Kuppen umfassen.

„Ein wesentlicher Unterschied zur früheren Planungspraxis liegt in der Gewichtung der ökologischen Faktoren“, meint Weiler. Während früher der Pistenbetreiber den Verlauf der Abfahrt quasi mit dem Finger auf der Landkarte plante, sei das heute ein komplexer Vorgang. Für die Belange des Naturschutzes müssten zum Beispiel sogenannte Insektengutachten angefertigt werden, das gleiche gelte für Vögel und andere Tiere. Die Piste selbst sollte einen gewissen Verschattungsgrad haben, damit der Kunstschnee nicht zu schnell wegschmilzt. Zu berücksichtigen sind zudem starke Winde und die Lawinengefahr.

„Heute wird die Planung als Gesamtpaket angeboten“, weiß der Ingenieur. Das heißt, dass von Tiefbau- und Hochbaumaßnahmen über die elektrischen Leitungen bis zur Pistenmodellierung alles berücksichtigt ist. Mittlerweile sind solche Planungen ein internationaler Markt, der von Europa bis nach China reicht: Weltweit werden aktuell fast 4500 Skigebiete gezählt. Und „Alpine Engineering“ verändert das Gesicht der Berge.

Foto: Foto [M]: Alpstein GmbH/VDIn

Die Zwischenstation erhält ebenso wie die Berg- und Talstation ein neues Outfit: Dafür musste allerdings eine alte Hütte verschwinden.

Wir erreichen die mittlere Bergstation und betrachten das Panorama. Weit erstreckt sich der Blick übers Tal hinweg zu den gegenüber liegenden Gipfeln, die leicht mit Schnee bedeckt in den blauen Himmel ragen. Für die von der Alpstein GmbH in Immenstadt geplante Neugestaltung der Mittelstation soll hier der Boden um 3 m abgetragen werden. Auch eine alte Hütte muss verschwinden. Die Neubauten zeichnen sich durch eine moderne, besonders schlanke Konstruktion aus. Die Arbeiten dazu werden wahrscheinlich den ganzen Sommer über dauern.

Zurück an der Talstation, klärt eine Tafel die Betrachter über den gesamten Umfang der hier geplanten Maßnahmen auf. So wird wohl der seit rund 40 Jahren laufende Sessellift durch eine moderne Anlage ersetzt werden, gleiches gilt für die Mittelstation. Neu gebaut werden zudem die Tal- und die Bergstation in 2030 m Höhe. Die „Olympiabahn“ mit 6er-Sesseln, Haube, Sitzheizung und Kinderschließbügel wird dann pro Stunde 2000 Skifahrer mit einer Geschwindigkeit von 6 m/s gen Gipfel bringen. Und wenn der neue Lift im Winter in Betrieb geht, hat Ingenieur Weiler dem Ifen ein neues Gesicht verpasst.

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