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Montag, 11. Dezember 2017

Umwelt

Ein Schloss aus PET

Von Oliver Ristau | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Ein Kanadier zeigt in Panama, dass alte Getränkeflaschen mehr sind als nur Müll. Sie eignen sich als Baumaterial – mit Vorteilen bei Klimatisierung und Erdbebenschutz.

Plastik BU (1)
Foto: Oliver Ristau

Etwa 40 000 Flaschen aus Polyethylenterephthalat (PET) bilden die Wände. Tragende Elemente wie Decken, Böden und Säulen wurden aus Beton gefertigt.

Weiße Strände, Sonne, Kokospalmen – das Inselarchipel von Bocas del Toro ist ein Naturparadies. Unweit der Karibikküste Panamas erheben sich von Mangroven gesäumt die kleinen Eilande aus blau-grünem Wasser. Eine artenreiche Meeresfauna mit Schildkröten und Delfinen ist hier zu Hause – noch. Denn jährlich steuern Hunderttausende Touristen aus Nordamerika und Europa die Inseln an, um unter blauem Himmel zu bräunen, surfen oder Partys zu feiern. Und um Müll zu hinterlassen, wie die unzähligen Plastikflaschen zeigen, die zwischen den Wurzeln der Mangroven im Wasser dümpeln.

Kunststoffe in den Weltmeeren

Auch bei Robert Bezeu auf der größten Insel Colon sind sie zu Tausenden zu finden. Der Kanadier sammelt gebrauchte Plastikflaschen, um sie einem neuen Zweck zuzuführen: dem Häuserbau. Wer vom Hafen im Süden der Insel die einzige Straße nimmt, um zum Badestrand im Norden zu kommen, kann Bezeus größte Attraktion nicht übersehen. Sie taucht plötzlich hinter einer Kurve auf und nötigt manchen Fahrer, abrupt das Bremspedal zu treten.

Eine Burg mit Zinnen, Dreiecksfenstern und Türmen erhebt sich vor dem Betrachter. Die Fassade schimmert bläulich, getupft mit allerlei Farbsprenkeln. Hier in der tropischen Hitze Panamas thront eine Festung wie aus dem europäischen Mittelalter. Diese Burg zwischen wucherndem Grün und flatternden Schmetterlingen besteht nicht aus dicken Sandsteinen, sondern aus gebrauchten Getränkeflaschen aus Polyethylenterephthalat (PET).

Der 66-Jährige, kräftig und mit braun gebranntem, kahl rasiertem Schädel, steht im zweiten Geschoss seines Plastikschlosses, das sich noch im Bau befindet, und blickt über die Brüstung. An die 40 000 Flaschen aus dem thermoplastischen Kunststoff werden hier verbaut sein, wenn das Gebäude in ein paar Monaten fertig ist, erzählt er. Auf den Ebenen verputzen Arbeiter gerade einzelne Räume. Vom Tor dringt das Röhren des Zementmischers herauf.

Ein Ständerwerk aus Beton stützt das Gebäude. Die tragenden Elemente wie Decken, Böden und Säulen sind wie die Treppen aus dem grauen Baustoff gegossen. Zwischen- und Außenwände bestehen hingegen ausschließlich aus alten Flaschen. Sie stecken in eigens zu diesem Zweck von Bezeus Team entworfenen Eisengitterkäfigen, die aus Moniereisen und Drahtgeflecht gefertigt sind. Sie messen rund 60 cm in der Breite, 274 cm in der Länge sowie 18 cm in der Tiefe. In jedes Element passen etwa 300 Flaschen mit 0,5-l- oder 120 Flaschen mit 1,5-l-Füllmenge hinein. „Das ist wie ein Lego-System für Kinder“, sagt Bezeu. Die einzelnen Käfige werden miteinander verschweißt und mit Boden und Decke verputzt. Insgesamt 250 Stück sollen es am Ende werden. Sie ergeben zusammen eine Fläche von gut 400 m².

„Wir benutzen nur Flaschen mit der in den Boden eingeprägten Nummer eins. Das ist PET, der meist gebrauchte Kunststoff für Getränkebehälter“, berichtet er. Insgesamt gibt es sieben verschiedene Kunststoffe, die als Verpackung für Flüssigkeiten dienen. Sie sind mit den Ziffern eins bis sieben gekennzeichnet und von einem Dreieck aus Pfeilen umgeben. Das gibt Aufschluss über Zusammensetzung und Recyclingeigenschaften.

Foto: Oliver Ristau

Käfige aus Moniereisen und Drahtgeflecht bilden das Grundgerüst für die Wände und halten die ausgedienten Getränkeflaschen zusammen. Das Know-how für den Bau hat sich Robert Bezeu selbst beigebracht.

PET hat für den Häuserbau eine wichtige Eigenschaft. „Nummer eins brennt nicht. Hält man eine Flamme daran, dann schmilzt das Material“, sagt der Mann, der sich das Bauhandwerk selbst beigebracht hat und mit lokalen Facharbeitern kooperiert. Das ist wichtig für den Brandschutz. Sollte etwa ein Kurzschluss Feuer im Plastikhaus auslösen, greife das nicht auf die PET-Flaschen über. „Bei den anderen Kunststoffverpackungen wäre das ein Sicherheitsrisiko. Denn wegen ihres höheren Erdölanteils könnten sie Feuer fangen“, erklärt der Kanadier.

Die Kunststoffbehälter kommen von Bezeus Sammelstelle direkt in die gitterförmigen Bauelemente – intakt oder leicht zerknautscht, wie sie als Müll nun einmal anfallen. Und vor allem: ohne weitere Befüllung und auch nicht gepresst. Die Flaschen enthalten Luft, und das soll auch so sein. „Die Luft hat viele Vorteile“, weiß Bezeu und hält seine Hand in kurzem Abstand vor das Gitter. „Spüren Sie den leichten Luftzug?“, fragt er. Der entstehe, weil die Außenluft sich zwischen den Flaschen einen Weg bahnen müsse und dabei beschleunige. Doch auf der offenen Schlossbaustelle ist der Effekt nicht sonderlich ausgeprägt.

Viel bedeutender ist ohnehin eine andere Eigenschaft der mit Luft gefüllten Flaschen, die nur im fertig gebauten Haus zum Tragen kommt – die Klimatisierung. Bezeu verlässt das Schloss und folgt einem Weg aus rotem Lehm, der weg von der Straße in Richtung Dschungel führt. Dem Kanadier gehört hier ein 35 ha großes Areal, auf dem er ein kleines Dorf aus Plastikflaschen bauen will. 46 Häuser sollen es einmal werden.

Bei einem ist das Erdgeschoss fertig. Nur im Obergeschoss müssen noch die Innenarbeiten erfolgen. Von außen ist der Kunststoffmüll nicht zu erkennen. Ein 2,5 cm dicker heller Putz überzieht die Fassade. Seit knapp einem halben Jahr wohnen hier Justine und Jeff Catalano aus Los Angeles mit ihrem wenige Monate alten Baby. 22 000 Flaschen wurden für das Haus mit einer Grundfläche von 60 m² verarbeitet. Als sich die Tür zu ihrem Häuschen schließt, bleibt die mittägliche subtropische Hitze von über 30 °C draußen. Es ist angenehm kühl, gefühlte 10 °C Unterschied; doch nirgendwo ist eine Klimaanlage zu sehen oder zu hören. Auch die Deckenventilatoren stehen still.

„Wir brauchen für die Klimatisierung keinen Strom wie die meisten Häuser in dieser Hemisphäre“, freut sich Jeff, der auf der Insel ein Restaurant betreibt. Grundstückseigentümer Bezeu erklärt: „Das Luftgemisch in den Flaschen ist ein Isolator gegen die Hitze. Der Sonne gelingt es nicht, die 18 cm dicke Luftschicht zu erwärmen. Dadurch erreichen wir Temperaturunterschiede von bis zu 15 °C.“

Und noch etwas sei positiv. „Die Wände sind flexibel und stürzen bei einem Erdbeben nicht ein“, sagt der Kanadier. Das beweist kräftiges Klopfen gegen die verputzte Wand. Sie wirkt massiv, doch zugleich biegt sie sich leicht unter den Schlägen. Die Bilder stört das nicht, die dort sicher an Nägeln hängen.

Foto: Oliver Ristau

Bilder und Grafiken am Schloss, das als Resort für umweltbewusste Urlauber dienen soll, informieren über das Problem des Plastikmülls.

Familie Catalano, die das Haus für umgerechnet 65 000 € erworben hat, hofft, dass ihr Beispiel Schule macht. „Wir leben nicht nur in einem schönen Haus. Wir tun auch etwas gegen das Problem der Plastikflaschen.“ Das ist es auch, was Robert Bezeu antreibt. Er sei vor neun Jahren auf die Insel gekommen, um als Pensionär seinen Ruhestand zu genießen, erzählt er auf dem Rückweg zum Schloss. Er wollte nach Jahrzehnten Tätigkeit in der Industrie das kalte Kanada gegen das tropische Panama eintauschen.

Doch die Ruhe währte nicht lange. Als er bei einer Anfrage der Inselverwaltung zur Analyse des Müllaufkommens freiwillig teilnahm, stellte er fest, wie viele Plastikflaschen allein auf dem 62 km² großen Eiland anfallen. „Etwa 1,5 Mio. Stück pro Jahr“, sagt er. Und je mehr er sich mit dem Müll beschäftigte, desto stärker wuchs sein Wunsch, etwas dagegen zu tun. „Schlösser gibt es ja viele. Aber das ist das erste aus Plastikflaschen“, erklärt er.

„Ich mache das, weil ich die Menschen auf ein gravierendes Umweltproblem aufmerksam machen will. Wenn jeder der derzeit 7,3 Mrd. Menschen auf der Erde eine Plastikflasche pro Tag trinkt – und manche konsumieren deutlich mehr – wären das pro Jahr 2664 Mrd. Flaschen“, gibt er die mathematische Formel seiner Motivation wider. „Davon werden aber nur 30 % recycelt; der Rest wird verbrannt, landet auf Deponien oder im Meer.“ Gerade der Plastikmüll im Ozean bereitet ihm Sorgen. „Wenn die Menschheit so weiter macht, gibt es im Jahr 2050 mehr Plastik als Fisch im Meer“, zitiert er eine Studie des Weltwirtschaftsforums und der Ellen MacArthur-Foundation aus dem vergangenen Jahr. Demnach entspreche das Gewicht des Plastikmülls in den Weltmeeren schon heute einem Drittel des Fischbestandes.

Das 13 m hohe Schloss, zu dem noch ein kleiner Wasserfall und eine Zugbrücke kommen sollen, finanziert Bezeu bisher komplett aus eigener Tasche. „Danach habe ich kein Geld mehr“, sagt er. Sein Plan: Das Plastikschloss soll als Resort für engagierte Urlauber dienen. Mit allerhand bunten Bildern und Grafiken, die eine Künstlerin gerade gestaltet, und mehr sollen sie über das Problem des Plastikmülls informiert werden.

Vor allem will Bezeus mit den Einnahmen ein Schulungszentrum bauen, wo er Teilnehmern aus Entwicklungsländern beibringt, Plastikflaschen als Baumaterial zu nutzen. Diese sollen die erworbenen Kenntnisse in ihren Heimatländern umsetzen.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Bezeu aber ist entschlossen, ihn zu gehen. „Ich bin pensioniert. Ich muss nicht mehr reich werden und viel reisen. Was ich noch will, ist etwas für die Menschheit tun“, sagt er und stützt sich auf einen Käfig mit Plastikflaschen. Und wer solch ein bizarres Schloss aus Plastikmüll baut wie er, dem kann man wohl noch einiges zutrauen.

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