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Montag, 11. Dezember 2017

Werkstoffe

Elektroschrott wird attraktiv

Von Oliver Ristau | 10. August 2017 | Ausgabe 32

Die Recyclingpflichten für Elektroschrott werden schärfer, und auch die Industrie bereitet sich auf Urban Mining vor.

BU_Elektroschrott
Foto: panthermedia.net/juananbarros

18 kg Elektronik kauft der EU-Bürger durchschnittlich pro Jahr.

Es ist verboten, doch passiert immer wieder: Ausrangierte Elektronik landet im Hausmüll. Kaum ein Drittel des anfallenden Elektroschrotts wird in der EU gesammelt und noch weniger so recycelt, dass Edelmetalle wie Gold und Silber und wertvolle Elektronikmetalle wie Kobalt, Tantal oder Germanium wiedergewonnen werden. Der Rest landet auf Schrottplätzen, wo die Wertstoffe beim Recycling von Massenmetallen untergehen, auf der Deponie oder in der hiesigen Müllverbrennung.

Für Jürgen Schachler, Vorstandsvorsitzender des Metallkonzerns Aurubis, ist das eine Verschwendung: „Es kann nicht sein, dass wir den Schrott einfach nur schreddern und dann auf die Halde legen. Wir müssen die Rückgewinnung wertvoller Stoffe zu einem wichtigen Thema machen.“ Der Chef des größten europäischen Kupferproduzenten sieht darin ein Geschäft. Aurubis soll künftig nicht mehr nur Kupfer liefern sondern auch andere Metalle. Das Unternehmen will sich zur „Multi-Metal-Company“ wandeln und „Urban Mining“, also die Metallgewinnung aus Schrott, soll dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

„Urban Mining hat hohes Wachstumspotenzial“, glaubt Schachler. Ein Grund dafür ist, dass die EU die Recyclingvorschriften deutlich verschärft. Ab 2019 müssen die Mitgliedstaaten laut der Brüsseler Elektroschrottrichtlinie WEEE (Waste Electrical und Electronic Equipment) ihre Sammelquote auf 65 % erhöhen. Im Moment müssen pro Kopf 4  kg gesammelt werden. Bei etwa 18 kg, die pro Kopf und Jahr erworben werden, sind das erst rund 22 %.

In Deutschland spüren die Händler das. Seit einem Jahr gilt die Rücknahmepflicht für Verkäufer mit einer Ladenfläche ab 400 m2. Weil die sich nach einer Untersuchung der Deutschen Umwelthilfe aber kaum daran halten, drohen mit einer Verschärfung des Elektrogesetzes seit Juni Bußgelder.

Doch das System ist bisher alles andere als optimal. „Die Bestimmung über die Größe der Geräte, die die Verbraucher abgeben dürfen, sind kompliziert“, sagt Henning Wilts, Leiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal-Institut. So gibt es Vorgaben für ein Minimum der Kantenlängen. Alternativ können Verbraucher Geräte zwar auch bei den Kommunen abgeben. Doch deren Dienstleistung ist oft nicht viel besser. Zwar sind sie laut Gesetz verantwortlich, den Schrott einzusammeln. „Wegen knapper Kassen führt das aber manche Kommune so billig wie möglich aus“, sagt Wilts. Etwa über den Sperrmüll. Das Problem: „Bei der unsachgemäßen Sammlung gehen oftmals die Bildschirme von TV-Geräten oder Computern zu Bruch. Damit sind die wertvollen Metalle wie Germanium fast nicht mehr zugänglich.“

Die Verschärfung der EU-Quote ist zwar grundsätzlich positiv. Verbesserungswürdig ist, dass sie sich allein auf das Gewicht des Schrotts bezieht. Damit haben Händler und Hersteller vor allem ein Interesse, schwere Geräte einzusammeln. Gerade aber in den kleineren und leichten Einheiten wie Mobiltelefonen stecken die wertvollen Metalle. Nur 5 bis 10 % der Althandys gelangen bisher in die Wiederverwertung. Auf die hat es auch Aurubis abgesehen: „Die Lebensdauer eines modernen Mobiltelefons, das einen hohen Anteil werthaltiger Metalle enthält, wird immer kürzer“, so Firmenchef Schachler. „Die Volumina nehmen entsprechend zu. Die Metalle sind zwar nicht einfach zu extrahieren, aber wir sind dafür Spezialisten. Und bisher gibt es erst wenige, die das als Geschäft betreiben.“

In Europa eigentlich nur die belgische Umicore. Das Unternehmen hat dafür neue Recyclingkapazitäten im Hafen von Antwerpen geschaffen. Dort gewinnt es etwa Cobalt aus Schrotten. Allerdings sind die Marktbedingungen für das Recycling derzeit wenig berauschend. Laut dem Umicore-Geschäftsbericht 2016 sank der nicht näher aufgeschlüsselte Umsatz aus den Recyclingaktivitäten ebenso wie der Gewinn.

Grund sind die niedrigen Rohstoffpreise. Ob Edel-, Massen- oder Spezialmetalle: die meisten kosten heute nur noch halb so viel wie vor fünf Jahren. Dafür aber habe sich in der Forschung viel getan. „Es gibt neue Technologien, die die Extraktion deutlich effizienter machen“, sagt Henning Wilts, Leiter Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal-Institut. So hat Apple einen Roboter entwickelt, der ein iPhone innerhalb von elf Sekunden komplett demontiert. Das Bundesforschungsministerium fördert eine Reihe von Projekten zum Recycling von Hightech-Metallen unter dem Stichwort r4 – innovative Technologien für Ressourceneffizienz. Bei den meisten geht es nicht um die Neuentwicklung, sondern um Optimierung von Prozessen.

Noch sind für den Durchbruch der Altmetallgewinnung aus Elektroschrott höhere Preise als heute notwendig. Doch die Industrie bereitet sich schon darauf vor. Nicht nur der Hamburger Kupferspezialist Aurubis. Auch der Elektronikriese Apple hat angekündigt, künftig nur noch recycelte Materialien einsetzen zu wollen.

In jeder Wohnung schlummert ein großes Potenzial. Eine im Auftrag der EU durchgeführte Studie zeigte, dass in Belgien jeder Haushalt im Durchschnitt über 80 Elektrogeräte und mehr als 40 Lampen mit einem Gewicht von rund 260 kg besitzt. Für Deutschland dürften laut Wuppertal-Institut ähnliche Werte gelten. 

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