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Montag, 11. Dezember 2017

Normierung

Fast Funkstille

Von Regine Bönsch | 6. April 2017 | Ausgabe 14

Eine Posse aus Europa hält die Hersteller von Funkprodukten in Atem. Es fehlt an Normen zur Prüfung ihrer Produkte. Bis Redaktionsschluss war keine Lösung in Sicht.

S9 Aufmacher (2)
Foto: Foto [M]: panthermedia.net/LovArt/VDI-n

Die neuen RED-Normen treffen WLAN-Router ebenso wie Industrieanlagen mit Zigbee-Steuerung.

RED klingt eigentlich nach einem Powerdrink. Die drei Buchstaben sind aber für alle Hersteller von sendenden und empfangenden Geräten so ziemlich das Gegenteil. Sie lähmen eine ganze Branche, die händeringend auf die Bereitstellung von harmonisierten europäischen Normen unter der Radio Equipment Direktive (RED) wartet.

Die Radio Equipment Direktive, kurz RED

Mithilfe dieser EU-weiten Richtlinie werden Funkprodukte getestet und zertifiziert. Ohne RED dürfen Hersteller keine CE-Konformitätserklärung mehr ausgeben. „Es droht eine totale Marktzugangsblockade“, warnt Ralf Koenzen.

Der Chef des mittelständischen Routerherstellers Lancom weiß: Die Zeit läuft ihm und seinen Wettbewerbern davon. Schon am 13. Juni endet die Übergangsfrist für RED. Nach dem Stichtag dürfen keine Funkprodukte mehr ohne passende Prüfung und Siegel legal verkauft oder vertrieben werden. „Nur eine Verlängerung der Übergangsfrist kann eine Lösung sein“, erklärt Koenzen und andere stimmen ihm zu. Doch bis Redaktionsschluss am Dienstag lehnte die zuständige EU-Kommission das ab.

„Es fehlt noch immer rund die Hälfte von 200 Zulassungsnormen“, weiß Koenzen. Schon seit Monaten schlägt er Alarm: „Wir begrüßen die Zielsetzungen von RED, aber die Umsetzung ist eine Katastrophe.“ Klassischerweise, so beschreibt es der Aachener, brauche es neun Monate, um neue Normen in Produkten zu realisieren. „Wir müssen uns einarbeiten, an der Software feilen, gegebenenfalls Messungen machen und das Ganze in die Produktion einfließen lassen.“ Jetzt aber sei der Stichtag in neun Wochen. Das könne nicht funktionieren – selbst wenn die neuen Normen schnell zur Verfügung gestellt würden.

Im Gegenteil: Schon jetzt steckt Lancom jede Menge Zeit und Arbeit in RED. Für den Aufwand allein der externen Prüferbewertung des Bestandsportfolios kalkuliert der Mittelständler Kosten von rund 250 000 €.

Doch auch den Prüfern in akkreditierten Laboren wie Cetecom oder TÜV, die vorläufige Zertifizierungen vornehmen können, fehlen die Standards. Zudem droht hier – allein angesichts der schieren Menge an Produkten – ein Abwicklungsstau.

Ob Smartphone, WLAN-Router, Waschmaschine mit Bluetooth-Modul oder Industrieanlage mit Zigbee-Steuerung – RED trifft all diese Geräte. Auch Huawei, der große chinesische Hersteller mit seinem riesigen Portfolio an Smartphones, Tablets und Routern, wittert Gefahren und stützt die Aussagen von Lancom. „Idealerweise brauchen Hersteller zwei Jahre, um Produkte nach den Anforderungen von neuen Direktiven wie RED zu designen und zu testen“, heißt es beim großen Chinesen. Würde weiter auf die aktuelle Deadline bestanden werden, treffe das nicht nur neue Produkte und deren Einführung in den Markt, sondern auch den Verkauf von vorhandenen. Huawei fordert daher eine Verlängerung der Übergangszeit um ein, besser noch von zwei Jahre. Und zwar für alle Geräte, die beispielsweise WLAN, GPS oder Bluetooth nutzen.

Die deutsche Politik ist längst alarmiert. Mitte März schrieb Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries persönlich einen Brandbrief an Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska. Zahllose innovative Produkte könnten ohne die fehlenden Zulassungsnormen nicht auf den Markt gebracht werden, heißt es da. „Es droht nicht nur volkswirtschaftlicher Schaden in allen Mitgliedstaaten und bei zahllosen Unternehmen, sondern auch Gefährdung für die Arbeitsplatze in der Elektro- und Elektronikindustrie sowie im Handel“, schreibt Zypries und bittet Bienkowska „herzlich und dringend“ um einen lösungsorientieren Weg.

„Nur der Gesetzgeber, die EU-Kommission gemeinsam mit dem Parlament und den Mitgliedstaaten, kann für eine Lösung sorgen – nicht ein Standardisierungsgremium wie das Etsi“, betont auch Dirk Weiler, Leiter des Standardisierungsmanagements beim Mobilfunkspezialisten Nokia.

Wer ist Schuld an der Verzögerung? Fest steht, dass das eigentliche Normungsmandat erst zwölf Monate nach Erstveröffentlichung der Richtlinie im Jahr 2014 weitergereicht wurde. Einzelne Normen, die Institute wie das Etsi (European Telecommunication Standardisation Institute) erarbeitet hätten, seien nicht publik gemacht bzw. einer detaillierten Prüfung unterzogen worden, sagt die Wirtschaftsministerin. Jeder harmonisierte Standard für RED, so wertet es der Branchenverband Bitkom, werde so zu einer „kreativen Lösung“, die vor Fußnoten und Querverweisen nur so strotze.

Doch mittlerweile ist Bewegung ins Spiel gekommen. Das Etsi soll Insidern zufolge in seiner Vollversammlung am Dienstag dieser Woche der EU-Kommission eine Fristverlängerung – ein bis zwei Jahre waren im Gespräch – vorgeschlagen haben. Ausstehende Normen durchzuwinken und erst später nachzubessern, das scheint das Gremium abzulehnen. Zumal es nicht allein steht: Auch das Cenelec, das European Committee for Electrotechnical Standardization, ist für die RED-Standards verantwortlich.

Die EU-Kommission dagegen erklärte auf Anfrage der VDI nachrichten, dass es keine Fristverlängerung gebe. „Industrie und Standardisierungsgremien haben Jahre Zeit gehabt, sich auf die neuen Regeln für das Funkequipment vorzubereiten“, so eine Sprecherin der Industriekommissarin Bienskowska. Jetzt könne die Kommission nur die Standardisierungsinstitute ermutigen und unterstützen, damit die „gewaltige Anzahl von Standards“ noch vor Ende der Übergangsfrist, bis 12. Juni, vorbereitet und veröffentlicht werde. Eine Fortsetzung dieser speziellen europäischen Posse scheint also vorprogrammiert.

Mit Material von Thomas A. Friedrich

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