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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Commerzbank-Vorstand Michael Reuther

„Firmen müssen sich immer wieder neu erfinden“

Von Christoph Böckmann | 27. April 2017 | Ausgabe 17

Commerzbank-Vorstand Michael Reuther erklärt, wie das verarbeitende Gewerbe die Digitalisierung angeht und wo es noch hakt.

Reuther BU
Foto: Commerzbank AG

Digital Natives sind die Hälfte der mittelstandischen Unternehmen, denn sie sind vor weniger als 30 Jahren gegründet worden, argumentiert Commerzbank-Vorstand Michael Reuther.

VDI nachrichten: Über 2000 Mittelständler wurden für Ihre Studie „Unternehmer Perspektiven“ befragt. Eine Erkenntnis ist, dass die Unternehmen im Durchschnitt vor 44 Jahren gegründet wurden, im verarbeitende Gewerbe vor 50 Jahren. Sind die Firmen damit im besten Alter oder gehören sie bereits zum alten Eisen?

Reuther: Das ist eben der Durchschnitt. So wurden zwar 18 % der Mittelständler vor 1949 gegründet. Aber letztlich sind auch 50 % der Unternehmen jünger als 30 Jahre. Das finde ich schon mal nicht schlecht.

Michael Reuther

Allerdings wurden nur 9 % der mittelständischen Unternehmen in den letzten zehn Jahren gegründet. Sind die Einstiegshürden in Deutschland zu hoch?

Studie „Unternehmer Perspektiven 2017“

Nein. Dass es nur 9 % sind, liegt auch ein Stück weit daran, dass wir in der Studie nur Unternehmen ab einem Jahresumsatz von 2,5 Mio. € betrachtet haben. Gerade im verarbeitenden Gewerbe wachsen junge Unternehmen etwas langsamer und brauchen so länger, um auf ein Jahresumsatzvolumen von 2,5 Mio. € zu kommen. Einstiegshürden für neue Unternehmen sehe ich aktuell nicht. Es gibt aber das große Thema Digitalisierung. Das verändert natürlich nachhaltig, wie künftig produziert wird – und stellt bestehende Geschäftsmodelle infrage.

Wie holen sich ältere Firmen mit gereiften Produktionsprozessen digitale Kompetenz ins Haus?

Bei den Mittelständlern wird das Digitalisierungsthema spannenderweise häufig von der Seite ins Management getragen – etwa von Neueinsteigern, die meist aus einer anderen Branche kommen.

Aber das kommt doch nur selten vor. In Ihrer Umfrage gaben 85 % der verarbeitenden Unternehmen an, dass ein Führungswechsel erst stattfindet, wenn die Chefetage in Rente geht. Ist diese Unternehmenstreue dann nicht hinderlich?

Es liegt ein Stück weit auch daran, dass gerade die kleineren Mittelständler oft Familienunternehmen sind. Da bleiben die Senior-Chefs öfter bis ins hohe Alter an Bord und schieben ihre Nachfolge länger hinaus. Doch je größer die Unternehmen sind, desto höher ist die Wechselquote. Vor allem wenn die Firmen managementgeführt sind, bekommen sie auch den Impetus von außen.

Also würden Sie den Familienunternehmen raten, jemanden in die Führungsetage zu holen, der schon wo anders Digitalisierungsluft geschnuppert hat?

In der Tat. In unserer Studie haben wir die Führungskräfte gefragt, was sie tun, um ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig zu halten. 68 % der älteren Führungskräfte im verarbeitenden Gewerbe nannten interessanterweise regelmäßige Produktinnovationen, während bei den sogenannten „erfahrenen Neueinsteigern“ die Erprobung neuer Geschäftsfelder mit 60 %, die Entwicklung neuer Serviceleistungen mit 74 % sowie neue strategische Kooperationen mit 65 % vorne lagen. Da erkennt man gut, wohin der Trend geht.

Wickelt sich der Mittelstand nicht über die nächsten Jahre selbst ab? Für das verarbeitenden Gewerbe zeigt Ihre Studie, dass sich 33 % der Produkte in einer Konsolidierungsphase befinden und nur 15 % in einer Wachstumsphase.

Je jünger die Unternehmen, umso öfter produzieren sie in Wachstumsmärkten – bei den Digital Natives ist es fast die Hälfte. Für alle gilt letztlich: Die Unternehmen müssen sich immer wieder selbst neu erfinden. Gerade im Kontext der Digitalisierung ist das ein Thema. Außerdem glaube ich, dass die Veränderungsgeschwindigkeit in den letzten drei bis fünf Jahren deutlich zugenommen hat und auch noch weiter zunehmen wird. Wer sich als sogenannter „Monoliner“ lediglich auf ein oder zwei Produkte fokussiert hat, ist einem hohen Disruptionsrisiko ausgesetzt.

Was raten Sie?

Es ist besonders wichtig, sich als Mittelständler Gedanken zu machen, welche Teile der Prozesskette besonders angreifbar sind. Das haben die Unternehmen aber auch erkannt. So haben sie sich vorgenommen, in den nächsten fünf Jahren insbesondere neue Geschäftsfelder zu entwickeln und neue Schlüsseltechnologien umzusetzen. Außerdem gaben sie an, sich starken neuen Wettbewerbern stellen zu müssen.

Der Herausforderung will sich der deutsche Mittelstand also stellen, aber hat er noch Chancen, beim Digitalisierungsrennen die vorderen Plätze zu erreichen?

Jetzt ist es eben wichtig, die Thematik nicht nur erkannt zu haben, sondern sie auch umzusetzen. Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen, aber das Silicon Valley werden wir in Deutschland auch nicht nachbauen können. Unsere Bank hat in Berlin #openspace gegründet. Das ist eine Gesellschaft, bestehend aus acht bis zehn Start-ups, die Mittelständlern hilft, die Herausforderung der digitalen Transformation anzunehmen und sie zu gestalten. Das wird sehr rege genutzt.

Digitalisierung erreiche ich also nicht nur durch neue Vorstände, sondern auch durch Kooperationen mit Start-ups?

Ja, der Mittelstand muss seinen Mitarbeitern den Raum und die Freiheit für ein Out-of-the-box-Denken und zum Gestalten geben. Innovationstrends wie Design Thinking kommen langsam auch im Mittelstand an. 10 % unserer Befragten machen so etwas schon, 20 % denken darüber nach. Etwas Kapital sollten die Unternehmen dafür natürlich auch zur Verfügung stellen. Die Chefs müssen da nicht jeden granularen Prozess verstehen, aber die nötigen Rahmenbedingungen setzen.

Fehlt es in Deutschland nicht an Venture Capital?

Genauso ist es. Man braucht eben beides: Start-ups, die innovatives, neues Denken in die Welt bringen, und man braucht das Venture Capital dafür. Allerdings gibt es zunehmend Kapitalgeber, die auf diese Start-ups setzen. Die herkömmlichen Investments werfen ja auch nur noch im sehr begrenzten Maße Rendite ab. Auch von den Mittelständlern muss da noch mehr kommen. Ein „Weiter so wie bisher“ darf es nicht geben. Aber die Unternehmen zeigten sich bei unserer Umfrage auch bereit, mehr aus ihren Rücklagen in Innovationen und Gründerzentren zu investieren.

Foto: VDI nachrichten

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