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Freitag, 15. Dezember 2017

Forschungsförderung

Geld und Mut für künftige Ideenschmieden

Von Bettina Reckter | 6. April 2017 | Ausgabe 14

Braucht es eine neue Innovations- und Wagniskultur oder nur bessere Förderstrukturen? Darüber diskutierten führende Experten letzte Woche in Berlin.

Deutschland ist eines der innovativsten Länder der Welt. Nie wurde hierzulande mehr Geld für Forschung und Entwicklung (F&E) ausgegeben als heute – aktuell sind es immerhin 3 % des Bruttoinlandsprodukts. Und dennoch ist Geld allein kein Garant für Innovationen.

Was aber fehlt dann den klugen Köpfen im Lande, um gute Ideen in lukrative Geschäftsmodelle zu überführen und so den hiesigen Wirtschaftsstandort zu stärken? Darüber diskutierten Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft auf dem Forschungsgipfel 2017 vergangene Woche in Berlin.

„Wir waren schon immer gut bei inkrementeller Innovation, also bei der schrittweisen Verbesserung von Bestehendem“, räumt Andreas Barner ein. Der Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft war neben der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) einer der Gastgeber der Berliner Veranstaltung.

Disruptive Innovationen sind nötig, um das auszugleichen, wie aktuelle Studien zeigen. „Aber hier ist Deutschland schwach“, so das harsche Urteil Barners. Deshalb brauche es eine neue Wagniskultur, fordert er.

Das sieht auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier so. Er appellierte an den Mut und die Anerkennung für Visionen und Gründergeist vor allem in den Zukunftsfeldern der Digitalisierung – also bei Big-Data-Anwendungen, Sensorik, Robotik, künstlicher Intelligenz oder maschinellem Lernen.

„Für diese Felder brauchen wir eine Innovationskultur, die junge Menschen ermuntert, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen – eine Kultur der Anerkennung für jene, die es einfach wagen, mit ihrer Idee die Welt zu erobern.“ Und Angela Merkels Mann für besondere Aufgaben hat neben der Digitalisierung noch ein weiteres vielversprechendes Forschungsfeld aufgetan.

Der nächste große Innovationstreiber der deutschen Volkswirtschaft, da ist sich der Kanzleramtschef sicher, werde die Biologisierung der Industrie sein. „Wir brauchen deshalb auch eine Biotechnologieagenda, die die künftigen Anforderungen formuliert und zusammenführt“, fordert Altmaier mit Blick auf Technologien, die helfen könnten, die Erkenntnisse aus den Lebenswissenschaften in der industriellen Fertigung zu etablieren. Neben der klassischen Biotechnologie seien damit auch Verfahren wie die umstrittene Genschere „Crispr/Cas“ gemeint, mit der sich Organismen durch gezielte Eingriffe in das Erbgut für bestimmte Zwecke praktisch maßschneidern lassen.

Dass dies ein Schritt in Richtung Zukunft sein könnte, hatte vor Jahren bereits eine Expertenkommission der EU vorhergesagt. Sie geht davon aus, dass im Jahr 2030 allein bei Biomaterialien und Bioenergie mit einem Umsatzvolumen von weltweit etwa 300 Mrd. $ zu rechnen sei. „Die Biotechnologie wird in zwanzig Jahren zu einer wichtigen Säule der europäischen Wirtschaft geworden sein“, heißt es in dem sogenannten Cologne-Paper.

Mehr Entrepreneurgeist müsse man wecken – gerade bei der Biologisierung. „Dafür kann man die Rahmenbedingungen sicher noch verbessern“, greift Ottmar Wiestler den Faden von Kanzleramtsminister Altmaier auf. Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren weiß, wovon er spricht. Schließlich kämpfte der Mediziner einst selbst an vorderster Front für bessere Arbeitsbedingungen im damals noch jungen Gebiet der embryonalen Stammzellforschung.

„Ohne Wagniskultur keine Wissenschaft“, pflichtet ihm Birgitta Wolff bei. Wenn man vorher schon wüsste, was herauskommt, müsste man nicht mehr forschen, so die Präsidentin der Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Für mehr Kreativität und Freigeist in Deutschland hofft sie auf mutigere Personalentscheidungen. Vielleicht ließe sich ja mehr Ideenpotenzial erschließen, „wenn man mal keinen Klon von sich selbst einstellt“, sagt sie augenzwinkernd in die Runde.

Wagnis bedeute auch Risiko, so Gisbert Rühl vom Stahlkonzern Klöckner. Er beobachte aber, dass es in Deutschland immer mehr darum geht, Risiken zu vermeiden. „Seit der Finanzkrise 2008 werden in börsendotierten Unternehmen die Finanzchefs zum Geschäftsführer berufen – das begünstigt nicht eine Wagniskultur“, kritisiert der Mann, der bei Klöckner selbst vom CFO zum CEO aufstieg.

Mancher aber wird auch zum Wagnis gezwungen. „Vor 140 Jahren waren wir doch selbst ein Start-up“, sagt Ralf Lenninger von der Continental AG schmunzelnd. Aus einer pfiffigen Idee ein Geschäftsmodell zu entwickeln, da habe Deutschland große Probleme. Darum sei es so wichtig, dass sich die Industrie mehr in Richtung Wissenschaft öffne – und umgekehrt.

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