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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Öl und Gas

Hoffnungsland Sibirien

Von Katharina Otzen | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Die konventionellen Gasvorräte Russlands schwinden. Daher setzt die dortige Branche nun auf heimisches Schieferöl und -gas.

w - Russland BU
Foto: Andrey Rudakov/Bloomberg via Getty

Schieferformation Bazhenov: 2014 begann Salym Petroleum Development, ein Joint Venture von Shell und Gazprom, dort mit Horizontalbohrungen. Die Sanktionen anlässlich der Krimannexion durch Russland stoppten die Aktivitäten vorerst.

Wer nicht als Staatsgast anreist, hat es nicht leicht, die russischen Gasfelder und vor allem die Shalegas-Vorkommen in Sibirien zu erreichen. Überall gibt es sich ständig wiederholende Kontrollen. Das beginnt bei der Einreise mit dem Schiff aus Japan schon vor dem Hafen der Hauptstadt Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschatka – und so geht es weiter bis zu den Gasfeldern.

Auffällig ist überall die personelle Überbesetzung und der schlechte Zustand der sichtbaren Einrichtungen, gleich ob es sich um Türen, Rettungsboote oder die Radarschirme handelt. Was für den Hafen gilt, trifft auch auf die Gas- und Ölanlagen zu. Heruntergekommen, verschmutzt, altmodisch.

Außerhalb von Petropawlowsk geht es überwiegend auf Geröllstraßen weiter, was meist nur mit einem Off-Roader zu schaffen ist. In Kamtschatka gibt es unzählige kleine Explorationen nach Gas und Öl. Manche von ihnen sind von der Betriebsfläche her nur 20 m x 20 m groß. Um sie betreiben zu können, ist eine sogenannte kleine Lizenz erforderlich, die es von den Behörden ohne Auktion gibt.

Diese kleinen Anlagen auf Kamtschatka muten teils anachronistisch an. Deren Betreiber kampieren in Holzverschlägen oder zeltartigen Konstruktionen. Während der kalten Jahreszeit erhitzen sie kurzerhand Öl in großen Töpfen: Die von Arbeit und Kälte immer wieder erstarrenden Hände werden dann einfach in das heiße Öl getaucht – bis die Arbeiter es nicht mehr aushalten und schnell wieder an ihre Bohrausrüstungen zurücklaufen. Dennoch liegt in Sibirien die große Hoffnung der russischen Öl- und Gasbranche – in den riesigen Vorkommen in Schiefergesteinen.

Noch im Herbst 2013 hatte Alexander Medwedew erklärt, Gas aus unkonventionellen Lagerstätten – wie Schiefergas und -öl – sei für Russland in diesem Jahrhundert bestimmt kein Thema. Der Vorstandsvorsitzende des russischen Gasriesen Gazprom hielt damals den US-Boom aus diesen Lagerstätten für eine Seifenblase, die wohl schon bald platzen dürfte. Doch bisher hielten die amerikanischen Shale-Produzenten in der Ölpreiskrise durch. Inzwischen sind sie auf dem besten Wege, das Land nach langer Zeit wieder zum Nettoexporteur von Gas und Öl zu machen.

Die Gas- und Ölvorräte in den großen russischen, noch vor dem Zerfall der Sowjetunion entwickelten konventionellen Feldern schwinden derzeit rapide. Trotz der derzeitigen Rekordproduktion von täglich 11,2 Mio. bbl (Barrel, 159 l) kommen Exploration und Aufschluss neuer Gas- und Ölfelder inzwischen viel zu kurz.

Das gilt eben vor allem für die riesigen, in den längst noch nicht voll erkundeten oder gar erschlossenen Schieferlagerstätten vermuteten Reserven: Nach den Zahlen des russischen Energieministeriums verfügen die USA über Reserven von 78,2 Mrd. bbl, Russland folgt dicht dahinter mit 74,6 Mrd. bbl, China liegt mit 32,3 Mrd. bbl auf Rang drei.

Ehe Russland die Krim annektierte, gab es ehrgeizige Kooperationsprojekte zwischen westlichen und russischen Konzernen zur Erschließung der riesigen Reserven. Doch mit den nach der Krimbesetzung verhängten scharfen westlichen Sanktionen gegen Russland kam zugleich auch das abrupte Ende der geplanten Zusammenarbeit.

Das galt für Rosneft und ExxonMobil ebenso wie für Lukoil und Total sowie schließlich für das schon sehr weit gediehene Joint Venture zwischen Gazprom Neft, der Explorations- und Öltochter des Gaskonzerns, und Royal Dutch Shell. Die beiden letzteren hatten mit dem Priobskoye-Feld in der sibirischen Bazhenov-Formation besonders hochfliegende Pläne. Denn dieses Vorkommen gilt als eine der größten entdeckten einzelnen Shale-Lagerstätte der Welt.

Foto: VDI nachrichten

In der Folge versucht Gazprom Neft seit 2014, dieses Vorkommen allein und ohne jegliches westliches Know-how oder speziell entwickelte technische Ausrüstungen für die Exploration und Förderung zu erschließen. Der bei Gazprom Neft zuständige Chefingenieur Michael Cherevko klagt darüber, dass selbst die unter dem einschneidenden Auftragsmangel leidenden westlichen Ölservice-Unternehmen wie Halliburton oder Schlumberger das Projekt Bazhenov fürchteten „wie ein gebranntes Kind das Feuer“.

Speziell die amerikanischen Unternehmen hätten zwar besonders viel Erfahrung mit der Förderung von Gas und Öl aus Shale-Vorkommen, wollten aber auf keinen Fall gegen die geltenden Sanktionsregeln verstoßen. Ob diese sich unter dem neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump lockern werden, ist bisher keineswegs abzusehen.

Alexei Vashkevich, Leiter der Exploration bei Gazprom Neft, ist mittlerweile zuversichtlich, die russischen Shale-Vorräte ohne westliche Hilfe erschließen zu können – nur dauere das eben etwas länger. Auf der anderen Seite gebe es in Sibirien keine Wasserprobleme – ganz im Gegensatz zu einigen Shale-Lagerstätten in der Volksrepublik China, die in Wüstenzonen liegen.

Zudem gebe es keinerlei Widerstand der Bevölkerung gegen das kurz Fracking genannte Hydraulic Fracturing, bei dem sich Gas und Öl über das Einpressen von Wasser, Sand und bis zu 2 % Chemikalien fördern lassen.

Michael Moynihan, der bei dem britischen Öl- und Gasberatungsunternehmen Wood Mackenzie für Russland zuständige Experte, schätzt den zeitlichen Rückstand für Gazprom Neft bei ihrem Alleingang zur Nutzung der Shale-Vorkommen auf mindestens fünf Jahre. Dennoch äußern sich die Russen zuversichtlich, dass es ihnen früher oder später doch gelingt, einen hausgemachten Shale-Boom zu erreichen.

Diese Hoffnung beschränkt sich nicht nur auf Gas und Öl, sondern schließt die Serviceseite ausdrücklich mit ein. Vashkevich glaubt, dass russische Ölservice-Unternehmen, wie die Eurasia Drilling Company, die zur SLC-Gruppe zählende SSK Oil Service Company und Integra, gegenüber der westlichen Konkurrenz aufholen könnten.

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