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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Energie

In Investitionszyklen denken

Von Stephan W. Eder | 9. Februar 2017 | Ausgabe 06

Auf der Messe E-World in Essen macht sich die Energiewirtschaft Gedanken, wie sie langfristig aus der fossilen Erzeugung aussteigen könnte.

w - E-world BU
Foto: Stephan W. Eder

Dekarbonisierung der Energiewirtschaft: Die Windkraft hat 2016 einen unerwarteten Boom von 8500 MW mit neu gebauten Anlagen in Deutschland erreicht. Zu klären bleibt dennoch, wie die fossilen Kraftwerke langfristig zu ersetzen sind.

Was die Branche derzeit energiepolitisch beschäftigt, ist, wie der Umbau der Energiewirtschaft in Zeiten des Klimavertrags von Paris weitergehen soll. Stichwort Dekarbonisierung: „Es geht darum, Klimaschutz als Innovations- und Fortschrittsmotor für unser Land zu nutzen“, sagte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft am Dienstag anlässlich der Eröffnung der Energiemesse E-World in Essen.

Klar ist: Langfristig – Ziel 2050 – sollen die deutschen Treibhausgasemissionen maximal 20 % denen von 1990 entsprechen; die Energiewirtschaft soll „weitgehend dekarbonisiert“ sein, wie es im Klimaschutzplan der Bundesregierung heißt. Wie aber soll das passieren?

„Dekarbonisierung ist nicht gleichzusetzen mit De-Industrialisierung“, betonte Rainer Baake, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, am Montag dieser Woche in Essen auf dem Führungstreffen Energie der Süddeutschen Zeitung. Er forderte die Branche explizit auf, sich selbst Gedanken zu machen, wie die vorgegebenen Klimaschutzziele für 2020 und 2030 durch sie zu erreichen seien. 2030 sollen gegenüber 1990 die Treibhausgasemissionen des Sektors um gut zwei Drittel gesunken sein.

Hildegard Müller, Vorstand für Netz und Infrastruktur bei Innogy, stellte klar, die Branche hätte diese Hausaufgaben doch längst gemacht, schließlich hätte sie schon vor drei, vier Jahren Transformationspfade dargelegt. Georg Müller, Chef von MVV Energie, betonte, es gehe nicht um eine Liste, wann welches Kohlekraftwerk vom Netze gehe, sondern die wirklich relevante Frage sei: „Mit welchen Emissionswerten gehen welche Kohlekraftwerke vom Netz?“

Aus Sicht von Baake ist es nötig, heute zu handeln: „Wir müssen in Investitionszyklen denken.“ Es gelte aufzuhören, „in fossile Strukturen zu investieren“, betonte er, nur so könne man „Stranded Investments“ vermeiden. Dem widersprach der Präsident des Branchenverbands BDEW, Johannes Kempmann: „Wie schnell können wir welche Potenziale an CO2-Reduzierung möglichst effizient mobilisieren? – Das ist viel mehr als die Frage, wie schnell wir aus der Kohleverstromung kommen.“

Für den Stromsektor sieht Baake ungefähr eine Halbierung der Emissionen bis 2030. Dies sei allein durch die beantragten und geplanten Stilllegungen fossiler Kraftwerke und der Erneuerung des EU-Emissionshandels nicht zu erreichen. „Wir brauchen ein zusätzliches Instrument“, so Baake, erteilte auf Nachfrage aber einer nationalen CO2-Steuer eine Absage. In Deutschland gelte es daher, mehr als die Hälfte der Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen.

Ausstiegsszenarien aus der Nutzung der heimischen Braunkohle bis 2025 – wie von den Grünen im Bund gefordert – erteilte Kraft eine klare Absage. Das sei „unrealistisch“. Die Genehmigungen für die Tagebaue liefen bis 2045. „Am Ende werden viele andere Faktoren darüber entscheiden, wann es dort aus Sicht der Unternehmen nicht mehr sinnvoll ist, die Kraftwerke zu betreiben.“

Was aus Baakes Sicht vom Tisch ist, ist der Kapazitätsmarkt. Auch die EU habe in ihrem im November vorgestellten Winterpaket zur Energiewende klargemacht, dass Kapazitätsmärkte wie in Frankreich nicht zum vorgeschlagenen EU-Strommarktdesign passten, betonte Florian Ermacora, Leiter des Bereichs Großhandelsmärkte in der Generaldirektion Energie, am Dienstag in Essen.

Eine Sicht, die Kempmann nicht teilt: „Ich bin ganz sicher, dass das Thema des Kapazitätsmarkts nach der Bundestagswahl wieder ganz vorne auf der Tagesordnung steht“, sagte er. Die Branche ist mit dem neuen Strommarktdesign nicht glücklich, sie will Versorgungssicherheit nicht nur über den Strompreis, sondern auch über bereitgestellte Kapazitäten vergütet sehen.

Die Unternehmensberater von PricewaterhouseCoopers (PwC) haben sich darüber Gedanken gemacht, wie es sonst noch gehen könnte. Ihre Idee: ein zweigeteiltes Preismodell, das in erster Linie Leistung, also Kilowatt, und nur in zweiter Linie die Arbeit, also die Kilowattstunde, vergütet – gültig für alle, vom Industriebetrieb bis zum Endverbraucher. Dadurch solle sich alles steuern lassen: vom Betrieb systemrelevanter Kraftwerke bis hin zum weiterhin notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien.

„Es geht auf Dauer darum, einen Weg zu finden, der über den Preismechanismus des deutschen Strommarkts die Anreize so setzt, dass erstens der politisch gewollte Energiemix umgesetzt wird und zweitens das Ganze ohne Subventionen nur über den Preismechanismus gesteuert wird“, sagte PwC-Deutschland-Chef Norbert Schwieters bei der Vorstellung des Konzepts Ende Januar auf der Handelsblatt-Tagung Energiewirtschaft in Berlin.

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