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Freitag, 15. Dezember 2017

Digital-Gipfel

Industrie 4.0 punktet

Von Harald Weiss | 15. Juni 2017 | Ausgabe 24

Mit einem Zehnpunkteprogramm soll jetzt die Einführung von Industrie 4.0 noch schneller und breiter vorankommen.

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Foto: Harald Weiss

Digital-Gipfel 2017: BASF-Mitarbeiter Rolf Windecker erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka an einem Beispiel die Funktion von Chemie 4.0.

Fabian Biegel wirkt überzeugend: „Industrie 4.0 bietet die Chance für völlig neue Geschäftsmodelle“, erklärt der IoT-Experte von SAP. Auch als er der Kanzlerin am Dienstag dieser Woche das Exponat zu Chemie 4.0 auf dem diesjährigen Digital-Gipfel in Ludwigshafen erläutert. Dabei geht es um den einfachen Fall einer onlinekontrollierten Durchflusssteuerung, bei der alle Mess- und Stellwerte kontinuierlich in die Cloud geschickt werden. Darüber ist dann u. a. eine vorausschauende Wartung der Ventile möglich. „Das neue Geschäftsmodell wäre beispielsweise, dass Ventile nach ‚Verbrauch‘ – also nach Stellvorgängen – verkauft oder vermietet werden“, so Biegel weiter. Aber ähnlich wie in der Automobilindustrie könnten Hersteller von Ventilen, wie Samson, oder von industrieller Sensorik, wie Pepperl+Fuchs, schlicht von flexibleren Wartungszyklen profitieren.

Diese Unternehmen sind ebenso wie BASF und SAP an der Chemie-4.0-Lösung beteiligt. Sie wollen zeigen, dass Industrie 4.0 in Zukunft weit mehr bedeutet als auftragsorientierte Fertigung. Die Digitalisierung hat auch die Prozessindustrie erreicht – und sie hat längst viele andere Branchen im Visier.

SAP setzt hierbei auf den offenen Industriestandard Rami 4.0, von dem sich die deutsche Industrie eine führende Position bei der zukünftigen globalen Standardisierung erhofft. „Rami 4.0 ist für uns der Ausgangspunkt für die internationalen Verhandlungsprozesse“, heißt es in einem soeben veröffentlichten Zehnpunkteprogramm der „Plattform Industrie 4.0“, das auf dem Gipfel der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Zu den Standardisierungsbestrebungen gehören auch die Arbeiten des „Standardization Council 4.0“, das sich sowohl um branchenspezifische als auch um branchenübergreifende Standards kümmern will. „Fehlende Standards blockieren die schnelle Adaption von Industrie 4.0, wir brauchen vor allem allgemein akzeptierte Referenzarchitekturen“, sagt Guido König, Business Innovation Manager des Mess- und Regelungsspezialisten Samson.

Sicherheit entpuppt sich als ein weiteres Problem. „Es gibt keine absolute Sicherheit. Jede Art von Abschottung muss stets gegen die eventuellen Geschäftsnachteile abgewogen werden“, sagt Michael Jochem, Industrie-4.0-Chef bei der Bosch GmbH. Doch das ist natürlich kein Freibrief. So fordert das Gremium in seinem Programm, dass „IT-Sicherheit als Qualitätsmerkmal in allen Standards und im Kompetenzportfolio der Unternehmen zu verankern“ sei.

Nicht nur bei den Technologien ist Handlungsbedarf erforderlich. Auch bei der Umsetzung und Einführung von Industrie 4.0 sind Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefordert. „Der Nutzen von Industrie 4.0 muss leicht verständlich und nachvollziehbar aufgezeigt werden“, heißt es dazu in dem Programm. Hierzu wünscht sich das Gremium die Einrichtung von mehr Testzentren für die kleinen und mittleren Unternehmen. Zwar gibt es bereits Kompetenzzentren des Bundeswirtschafts- und des Forschungsministeriums, doch diese müssten umgehend vernetzt und deutlich erweitert werden.

Ziel ist der schnelle Ausbau weiterer Anwendungsbeispiele. Allein in diesem Jahr sollen die bisherigen 250 Referenzfälle auf 500 verdoppelt werden. Parallel dazu fordert die Politik die bessere Nutzung des vorhandenen Know-how. „Wir müssen den Nutzen und die Vorteile, die sich in den vorhandenen Beispielen bereits widerspiegeln, breiter kommunizieren und schneller realisieren“, sagt Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Auch die Gewerkschaften stimmen in diesem Punkt zu, allerdings mehr mit der Sorge, dass Industrie 4.0 praktisch unter Ausschluss der Belegschaften stattfinden könnte. „Ohne qualifizierte Mitarbeiter wird Industrie 4.0 nicht funktionieren; hier ist vor allem die innerbetriebliche Weiterbildung, und damit die Wirtschaft als Ganzes, gefordert“, sagt Konrad Klingenburg, Ressortleiter bei der IG Metall. Auch in dem vorgestellten Programm nimmt dieses Thema einen breiten Raum ein. „Die gewünschte Flexibilität neuer Produktionsprozesse ist ohne mehr Autonomie und Eigenverantwortung der Arbeitnehmer nicht zu erreichen“, heißt es darin.

Die Industrie erhofft sich dagegen von der Politik eine eher zurückhaltende Rolle. „Am besten ist es, wenn der Gesetzgeber jetzt nichts macht; Regulierungen kommen auf diesem Gebiet ohnehin immer zu spät“, sagt Hans-Jürgen Schlinkert, Justiziar bei ThyssenKrupp.

Für die Zukunft haben sich die Plattform Industrie 4.0 und die Arbeitsgruppen des Digital-Gipfels viel vorgenommen. Schlagworte wie Künstliche Intelligenz, autonome Systeme, 5G-Mobilfunknetze, Industrie-Start-ups, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeit sowie die Auswirkungen von neuen Geschäftsmodellen auf das Management und die Arbeitsorganisation sollen die weiteren Arbeiten beherrschen.

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