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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

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Export

Investitionen auf einem Pulverfass

Von Manfred Bergheim | 28. September 2017 | Ausgabe 39

Iraks Kurden streben nach der Unabhängigkeit. Deutsche Unternehmen, die in der Region tätig sind, hoffen trotz der Kriegsgefahr auf bessere Geschäfte.

Brennpunkt Technik (2)
Foto: Reuters/Ahmed Jadallah

Alltag in Erbil: Die Bewohner hoffen auf Frieden und wirtschaftlichen Aufschwung. Viel hängt von der internationalen Reaktion auf das Referendum ab.

Die Hoffnungen in der Autonomen Region Kurdistan sind groß. Am Montag stimmten die Bewohner dieses Teils des Iraks über ihre Unabhängigkeit ab. Zwar lagen zum Redaktionsschluss am Dienstag noch keine Ergebnisse vor, doch erwarteten alle Beobachter eine überwältigende Zustimmung. Allerdings drohte die Zentralregierung in Bagdad schon vor der Abstimmung mit Konsequenzen. Die Kurden beklagen sich über die aus ihrer Sicht unzureichende Partizipation am Ölgeschäft, das rund 90 % der Staatseinnahmen des Iraks ausmacht. Während des erfolgreichen Kampfes der kurdischen Streitkräfte gegen den „Islamischen Staat“ wurden die Autonomiegebiete eigenmächtig auf die Region rund um Kirkuk ausgeweitet, wo große Ölvorkommen liegen. Der entscheidende militärische Erfolg der Peschmerga gegen den IS soll nun in die Unabhängigkeit Kurdistans führen. Doch das rechtlich nicht bindende Referendum stößt international auf Ablehnung.

Die russische Regierung warnt vor den Folgen einer kurdischen Staatsgründung, die Türkei, der Iran und die irakische Zentralregierung drohen mehr oder minder deutlich mit Krieg. Auch die EU, die USA und UN-Generalsekretär António Guterres versuchten, den Kurden das Referendum auszureden und befürchten eine erneute Destabilisierung der Region. Nur Israel würde einen kurdischen Staat anerkennen.

Welche Chancen gibt es vor diesem Hintergrund für das Engagement deutscher Unternehmen im Kurdengebiet, das bis 2014 mit großen Erwartungen verbunden war? „Wir sind etwas in Sorge, was die Situation in der Autonomen Region Kurdistan angeht. Eine innerirakische Eskalation sei nach dem Referendum nicht gänzlich auszuschließen, berichtet Dirk Jankowski, Geschäftsführer der AJG Ingenieure GmbH. Das Unternehmen hat gerade vor Ort ein Projekt zur Weiterbildung von Architekten und Ingenieuren im Bereich Brandschutz und Gebäudesicherheit abgeschlossen. Die Beziehungen zu Irakisch-Kurdistan sollen nach Möglichkeit bestehen bleiben, wünscht sich Jankowski. „Wir sehen großes Entwicklungspotenzial für diese Region. In Kurdistan wird ja nicht wirklich etwas produziert. Das allermeiste wird importiert, vor allem aus der Türkei.“ Die Situation der vielen öffentlich Bediensteten sei beispielsweise denkbar schlecht, da momentan die Gehälter nur reduziert und stark verzögert gezahlt würden, so Jankowski. „Wenn man diese Menschen gut ausbildet und ordentlich bezahlt, könnten auch deutsche Unternehmen diese Arbeitskräfte einsetzen.“ Vor allem müsse es eine Lösung geben, die sowohl für die irakische Regierung als auch für die Kurden akzeptabel sei.

„Der Irak insgesamt ist für viele – obwohl das im Moment noch etwas übertrieben klingt – ein Land mit Möglichkeiten. Weil man hier noch Nachfrage selbst kreieren kann und muss. Es ist ein Markt, der ungesättigt ist und zahlreiche Chancen für deutsche Unternehmen bietet“, sagt Nisrin Khalil, Leiterin des Deutschen Wirtschaftsbüros der deutschen Auslandshandelskammer im Irak an den Standorten Bagdad und Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan.

„In der kurdischen Region ist es eher ruhig und sicher. Man kann sich frei auf den Straßen bewegen, in Bagdad ist das noch nicht der Fall. Das sind starke Kontraste“, so Nisrin Khalil weiter. Die befriedete und weitestgehend sichere kurdische Region könne auch als Tor zum südlichen Irak genutzt werden. In allen Bereichen gebe es enormen Nachholbedarf im Zuge des Wiederaufbaus. Gut 700 deutsche Unternehmen exportieren derzeit in die kurdischen Gebiete und rund 30 Firmen sind mit einer Repräsentanz vertreten. Sie beschäftigen sich mit der Energieversorgung, verkaufen Stromgeneratoren und Nutzfahrzeuge oder Medizintechnik.

„Es gibt aber durchaus Unternehmen, die im Irak investieren, beispielsweise Unternehmen im Trocken- und Fassadenbau. In Erbil gibt es beratende Unternehmen für die Weiterbildung von Ingenieuren und als Exoten auch einen deutschen Fensterbauer“, erläutert Nisrin Khalil.

Die Exporteure berichteten, dass die Sicherheit in Erbil höher einzuschätzen sei als in Bagdad, bestätigt Jörn Grabowski, Experte für den Mittleren Osten und die Türkei bei der Euler Hermes AG, die im Auftrag des Bundes die staatlichen Exportkreditgarantien – die sogenannten Hermesbürgschaften – bearbeitet. „Jedes Projekt wird einzeln betrachtet. Dabei bewerten wir neben dem Zahlungsausfallrisiko auch die Förderungswürdigkeit des Geschäfts. Anders als in Syrien könnten im Irak Geschäfte in Deckung genommen werden, erläutert Jörn Grabowski.

Ein größeres Exportprojekt für Kurdistan wurde 2014 in Deckung genommen, seitdem gehe es vor allem um kleinere Geschäfte mit eher geringen Volumina im Kurzfristbereich.

„Die Menschen im Irak sind müde vom Krieg und wollen endlich wieder ein normales Leben führen“, hierbei könne die deutsche Wirtschaft sie mit Rat und Tat unterstützen, beschreibt Nisrin Khalil die Lage. pst

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