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Donnerstag, 14. Dezember 2017

E-Health

Kliniken fordern Patientenakte

Von Susanne Donner | 1. Juni 2017 | Ausgabe 22

Universitätskliniken haben sich zusammengetan, um eine elektronische Patientenakte zu entwickeln. Welche Arzneien am besten helfen und welcher Arzt am besten operiert, ließe sich daraus ablesen.

BU Patientenakte
Foto: panthermedia.net/Wavebreakmedia

Der Fundus elektronischer Krankenakten kann mehr Transparenz bringen und die Qualität der Versorgung verbessern. Doch noch ist das Zukunftsmusik.

Für Rettungssanitäter und Notärzte ist es eine schreckliche Situation: Der Patient vor ihnen ist nicht ansprechbar. Oft helfen sie ins Ungewisse hinein, begehen vielleicht einen tödlichen Fehler. Sie wissen nicht, welche Erkrankungen der Patient hat, ob ihn eine Infusion in einen allergischen Schock hineinmanövriert. Sie ahnen nicht, welche Medikamente er schon nimmt – vielleicht Gerinnungshemmer wie rund 1 Mio. Menschen hierzulande. Dann könnte er bei einer Operation verbluten oder braucht zumindest eine Blutkonserve.

Um diese lebensgefährliche Hängepartie zu beenden, haben sich die deutschen Universitätskliniken zusammengetan: Sie wollen eine Patientenakte entwickeln. Der Verband der Universitätsklinika und der Medizinische Fakultätentag stellten die Initiative kürzlich in Berlin vor. Welche Krankheiten der Klient hat, welche Medikamente er nimmt, welche Diagnosen er im Laufe seines Lebens schon anhäufte – all diese Informationen sollen eines Tages auf dem Chip der Gesundheitskarte stehen.

Die E-Akte soll in allen Krankenhäusern lesbar sein und im zweiten Schritt auch in den Praxen. Forscher könnten daraus wertvolle Informationen für die beste Therapie gewinnen und so die Gesundheitsversorgung schneller als heute verbessern. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Zum Beispiel muss eine Dateninfrastruktur an den Krankenhäusern geschaffen werden. In jeder Klinik würden Patienten dann eine Art Blaupause ihrer E-Akte hinterlassen. Das Bundesforschungsministerium (BMBF) unterstützt dies mit 100 Mio. € im Rahmen seiner Medizininformatikinitiative. „Eine deutliche Erhöhung der Förderung steht im Raum“, stellt Michael Albrecht, Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands, in Aussicht.

Auch andere Länder preschen mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen vor. Über ein System von finanziellen Anreizen und Strafen hat der vormalige US-Präsident Barack Obama die Verbreitung elektronischer Patientenakten massiv vorangetrieben. Das gebündelte Wissen über das Anschlagen von Therapien und den Gesundheitszustand der Bevölkerung gilt als Schatz der künftigen Medizin. Schon strecken Krankenkassen ihre Hände nach diesen Informationen aus.

Viele der Vorteile liegen auf der Hand: Der Arzt könnte sich schneller ein Bild über die Gesundheit des Patienten machen. Doppeluntersuchungen wären unnötig. Langfristig ließe sich vor allem die Versorgungsforschung auf eine ganz neue Stufe heben: Welche Medikamente Patienten am besten helfen, welchen Einfluss die Gene haben, welchen Rauchen und Übergewicht, ließe sich aus den Daten der E-Akte beantworten. Die häufig beklagte Lücke zwischen Forschung und Praxis könnte deutlich schwinden.

Was möglich ist, lässt das US-Vorhaben CancerlinQ erahnen. Gemeinsam mit der American Society for Cancer Oncology und dem Softwareunternehmen SAP entstand eine Krebsdatenbibliothek, die mittlerweile die Informationen von 1,2 Mio. Krebspatienten umfasst. „Schon jetzt gibt es darin beispielsweise über 400 Männer mit männlichem Brustkrebs und damit mehr Betroffene, als die größte Studie je rekrutieren konnte“, berichtet Werner Eberhardt, Manager von SAP.

Bald können Ärzte die Frage nach der besten Therapie für jede spezifische Krebserkrankung per Data-Mining beantworten. Gerade bei seltenen Erkrankungen, bei denen es nur eine Handvoll Fälle landesweit pro Jahr gibt, kann die Datenzusammenführung eine Hilfe sein. Aus den Akten ließen sich sogar Prognosen ableiten.

Derzeit beruft sich der Arzt auf seine persönliche Einschätzung, wenn er bei Krebskranken Angaben zur Lebenserwartung macht. Künftig käme diese Aussage vom Computer, Ergebnis einer Berechnung anhand Abertausender ähnlicher Fälle. Ist dieses Urteil aus Big Data besser als das des Arztes? Man wolle den Medizinern nur eine digitale Entscheidungsunterstützung geben, erklärt Eberhardt dazu.

Auch sonst könnte der Aktenberg die Gesundheitsversorgung umkrempeln. Dan Roden von der Vanderbilt University in Nashville machte etwa kürzlich publik, dass das Waschen von Patienten auf Intensivstationen mit Chlorhexidin unnütz ist. Das offenbarte der Aktenabgleich zwischen gewaschenen und „ungewaschenen“ Kranken. Bislang glauben Pflegekräfte, mit Chlorhexidin gefährliche Keime abzutöten. „Das ist ein Beispiel dafür, dass es in den Krankenhäusern Praktiken gibt, die völlig sinnlos sind. Das können wir an elektronischen Akten erkennen“, sagt Heyo Kroemer, Pharmakologe und Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen.

Neben Forschern und Pharmafirmen sind es vor allem Krankenversicherungen, die sehnlich auf die Daten aus der Gesundheitsversorgung warten. So hat die Techniker Krankenkasse in diesem Jahr IBM beauftragt, eine eigene elektronische Akte für die 10 Mio. Mitglieder zu entwickeln. Darin sollen Diagnosen und Rezepte aus Praxis- und Klinikbesuchen hinterlegt sein, sofern der Patient das möchte. IBM hat bereits für Dänemark ein solches Portal eingerichtet, in dem alle gesetzlich Versicherten ihre Gesundheitsdaten vorfinden.

Noch können die Patienten selbst entscheiden, ob sie ihre Daten mit Unternehmen oder Versicherungen teilen wollen. Aber es könnte zur Pflicht werden. Darauf wies Evangelos Avramakis von den Schweizer Helsana-Versicherungen bei einem Kongress zu Digital Health in Berlin hin.

So wäre es möglich, ganz neue Tarife anzubieten. Wer Tabletten verordnet bekommt, sie aber nicht nimmt, wie seine Blutwerte offenbaren, könnte mit Risikoaufschlägen bestraft werden. Wer fleißig joggt, sich treu an die Therapie hält, kommt womöglich günstiger weg. Auch könnten Versicherte schwerlich einen niedrigeren Tarif erschwindeln, indem sie Vorerkrankungen verheimlichen. Ihre E-Akte sagt alles. „Das ist letztlich nur gerecht“, findet Kroemer.

Auch die Krankenhäuser würden transparenter. Die Mehrzahl der über 40 000 Amputationen pro Jahr soll überflüssig sein, beklagten die Deutsche Diabetes Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin kürzlich. Ross und Reiter nannten sie jedoch nicht. Anhand elektronischer Akten könnten Forscher und Versicherer recherchieren, welche Krankenhäuser Gliedmaßen zu schnell abtrennen und nicht leitliniengerecht therapieren. Kroemer bestreitet nicht, dass es deshalb auch Widerstände gegen den freien Datenaustausch aus den Kliniken selbst geben kann, „da führt aber trotzdem kein Weg dran vorbei“.

Der Fundus elektronischer Krankenakten kann mehr Transparenz bringen und die Qualität der Versorgung verbessern. Doch ist all das Zukunftsmusik. Der Datenschutz bremst die Bestrebungen der Hochschulmediziner und der Versicherer aus: So dürfen Krankenhäuser bisher Patientendaten nur für deren Behandlung verwenden.

„Die Daten liegen bei uns im Keller und werden nie wieder genutzt“, so Kroemer. Schon die Auswertung zu Forschungszwecken ist nicht erlaubt. Dazu bräuchten die Kliniken das Einverständnis des Patienten, das sie aber nicht einholen.

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