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Dienstag, 12. Dezember 2017

Fossile Rohstoffe

Mehr Gas statt Kohle

Von Robert Donnerbauer | 30. März 2017 | Ausgabe 13

Wintershall investiert weiterhin in Russland. Denn ohne Russland gebe es keine Energiesicherheit für Europa, so Mario Mehren, Chef der BASF-Tochter.

w - Wintershall BU
Foto: Wintershall

Deutsch-russische Kooperation: Im sibirischen Nowy Urengoi fördert Achimgaz – ein Joint Venture von Wintershall und Gazprom – Erdgas und -öl. Im Bild die Gasaufbereitungsanlage.

Europa muss sich positionieren“, forderte Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender der BASF-Tochter Wintershall, letzte Woche beim Jahrespressegespräch in Kassel. Zum Beispiel gegen zunehmenden Protektionismus oder für freien Handel. Hier sei gemeinsames Vorgehen gefragt, auch in Bezug auf die Energieversorgung. Die gewachsenen Strukturen müssten gestärkt und ausgebaut werden.

„Das Zeitalter von Öl und Gas ist noch lange nicht vorbei. Bei aller Euphorie für die erneuerbaren Energien“, betonte Mehren. So bedeute das Klimaabkommen von Paris eben nicht „au revoir“ für Öl und Gas. „Paris bedeutet, die Energieversorgung verantwortlich zu gestalten. Das verlangt einen klaren Blick auf die Fakten.“

Nach Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris werden Öl und Gas auch im Jahr 2040 noch rund die Hälfte des weltweiten Energiebedarfs decken müssen. Der globale Gasbedarf werde von heute 3500 Mrd. m3 auf dann mehr als 5200 Mrd. m3 steigen.

Öl und Gas werde gebraucht in der Stromerzeugung, im Transport und bei der Heizung. Darüber hinaus seien Öl und Gas Grundstoff für viele industrielle Produktlinien – vom Smartphone über Medikamente bis hin zu Windkrafträdern.

Für den Verkehrssektor macht Mehren deutlich: Selbst wenn sich die Anzahl der Elektrofahrzeuge in den nächsten 20 Jahren von heute 1,2 Mio. auf dann 100 Mio. vervielfachen werde, so soll die Anzahl der mit Verbrennungsmotoren angetriebenen Fahrzeuge im selben Zeitraum von heute 900 Mio. auf dann 1,7 Mrd. wachsen.

Laut einer aktuellen Meinungsumfrage des Forschungsinstituts Forsa vom März 2017 glauben 90 % der Bundesbürger nicht, dass die erneuerbaren Energien unsere Versorgung allein ohne einen Energiepartner sichern können. Ganze 70 % der Bundesbürger meinen auch, dass Deutschland in Zukunft noch mehr Erdgas benötigt (48 %) oder gleich viel wie heute (22 %).

„Paris bedeutet vor allem: mehr Gas statt Kohle“, konstatiert der Wintershall-Chef. Dies sei gut für unser Klima. „Unsere Philosophie heißt: Erdgas ist der entscheidende Partner für jede Energiewende. Zumindest, wenn sie bezahlbar und einigermaßen gerecht sein soll.“

Foto: Robert Donnerbauer

„Russland ist unsere wichtigste Schwerpunktregion. Daran wird sich nichts ändern.“ Mario Mehren, Vorstandsvorsitzender der Wintershall AG, während des Jahrespressegesprächs am 22. März 2017 in Kassel.

Stichwort Strom. „Die deutsche Energiewende steht dafür, wie man es nicht macht. Sie ist für viele Menschen unbezahlbar und ungerecht geworden“, resümiert Mehren. So seien die Stromkosten in Deutschland stark gestiegen. Allein im vergangenen Jahr sei nahezu 500 000 Menschen in Deutschland der Strom abgedreht worden, weil sie ihn nicht mehr bezahlen konnten. In mehr als 6 Mio. Fällen wären Stromsperrungen angedroht worden.

Für Mehren ist es frappierend: „Wir haben die höchsten Strompreise weltweit, weil wir meinen, wir würden etwas für den Klimaschutz tun. Aber unsere CO2-Emissionen gehen nach oben.“ Insofern könne er nur jeden bitten, das deutsche System nicht als Vorbild zu nehmen.

Stichwort Politik: „Öl und Gas bleiben auch künftig eine Konstante in unserem Leben“, stellt Mehren fest. „Wir brauchen beides, auch wenn das politische und wirtschaftliche Umfeld weltweit viele Herausforderungen birgt.“

Wintershall konnte im vergangenen Jahr seine Öl- und Gasförderung um 8 % auf 165 Mio. boe (Barrel Öläquivalent, 1 boe  entspricht 1 bbl oder 159 l) steigern. Insgesamt plant Wintershall, bis 2021 rund 4,4 Mrd. € in den Ausbau der Öl- und Gasaktivitäten zu investieren. Das ist rund ein Viertel (23 %) der Summe, die die gesamte BASF-Gruppe für den Zeitraum 2017 bis 2021 investiert.

Schwerpunkte bilden Russland, Norwegen und Argentinien. „Wir brauchen Norwegen für Europas Energiesicherheit“, unterstreicht Mehren. In der Nordsee und ihren Anrainerstaaten würde derzeit noch immer über die Hälfte des Erdgases gefördert, das in der Europäischen Union benötigt wird.

Wir bräuchten auch Russland, bekräftigt Mehren. „Beim Thema Öl und Gas redet Brüssel gerne von Diversifizierung. Diversifizierung ist gut. Aber Russland muss ein Teil der Diversifizierung sein.“ Ohne Russland gebe es keine Energiesicherheit für Europa. So investierte Wintershall weiter in die Energiepartnerschaft mit Russland. „Russland ist unsere wichtigste Schwerpunktregion. Daran wird sich nichts ändern.“

Die Ukrainekrise, der Syrienkrieg und mediale Grabenkämpfe würden die politischen Beziehungen zu Russland schwer belasten. „Hier müssen alle Seiten Brücken bauen. Nur Dialog führt zu einer Lösung“, mahnt Mehren. „Alle Seiten, auch wir Westeuropäer, müssen sich hinterfragen, müssen sich bewegen.“ Sonst drohe die Gefahr, dass sich Russland anders orientiere. „Mehr nach Osten, zum Beispiel nach China oder Indien. Das kann Europa nicht wirklich wollen.“

Der Ausbau von „Nord Stream 2“, einst gemeinsam mit Gazprom geplant, sei bislang von polnischer Seite verhindert worden. „Wir sind frustriert über die Art und Weise, wie die polnischen Behörden das Projekt politisiert und torpediert haben“, betont Mehren. Deshalb habe man 2016 auch nicht – wie geplant – der Nord Stream 2 AG beitreten können. Dabei würde das Projekt zur Energieversorgungssicherheit in Europa beitragen, indem es mehr Diversifizierung bei den Transportrouten bringe, so Mehren – und nicht weniger, wie immer wieder behauptet wird.

„Ich würde mir wünschen, dass wir dies in Zukunft sachlich diskutieren würden“, erörtert Mehren. „Man wirft gern Russland und Gazprom vor, Pipelineprojekte zu politisieren. Wenn ich ehrlich bin, wird dieses Projekt aber von allen anderen politisiert, nur nicht von Russland und Gazprom.“

Schwierig gestalte sich aufgrund der politischen Bedingungen die Situation in Libyen. Die Produktion an Land sei nach einem begrenzten Zeitfenster aktuell wieder gestoppt, berichtet Mehren. „Die Situation im Land ist politisch so instabil und so zerrissen. Das zu sehen, ist für uns sehr schmerzvoll.“ Das Land und vor allem die Menschen bräuchten dringend Stabilität.

Wintershall hatte 2016 bei 2,768 Mrd. € Umsatz ein Ebit vor Sondereinflüssen von 517 Mio. €. Im Jahr zuvor erlöste Wintershall zwar noch 1,366 Mrd. € bei 12,998 Mrd. € Umsatz, aber 2016 gab die BASF-Tochter unter anderem die Gashandels- und -speicheraktivitäten an Gazprom ab. Diese trugen 2015 noch mit 10,1 Mrd. € zum Umsatz und rund 260 Mio. € zum Ebit vor Sondereinflüssen bei.

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